"Beschiss ist ein Bestandteil des Sports"

Deutschlands Zehnkampf-Ikone Frank Busemann, Olympiazweiter 1996, über Weltmeister Bolt, Doping und den deutschen Zehnkämpfer Schrader.
| Matthias Kerber
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AZ: Herr Busemann, Sie – Deutschlands Zehnkampf-Ikone – sind bei der Leichtathletik-WM in Moskau live vor Ort. Was war denn Ihr erster Gedanke, als Wundersprinter Usain Bolt seinen sechsten WM-Titel holte? Na, sauber?

FRANK BUSEMANN: (lacht) So ungefähr! Mit der Vorgeschichte, dass die anderen Sprintstars Tyson Gay und Asafa Powell kurz vor der WM des Dopings überführt wurden, dass von den zehn schnellsten Männern der Welt bis auf Bolt alle als Doper entlarvt sind, macht es einem sehr schwer zu glauben, dass es da mit rechten Dingen zugeht. Ich glaube es nicht, aber er wurde nie überführt, deswegen hat er als unschuldig zu gelten, aber glauben muss ich es noch lange nicht. Wenn man seinen Goldlauf gesehen hat, sieht man auch, dass er nicht mehr die Form von vor ein paar Jahren hat. Über das Warum kann sich jeder so seine Gedanken machen. Ob er schlechter trainiert, ob er in gewissen Dingen vorsichtiger ist, keine Ahnung. Aber wirklich berührt oder begeistert hat mich das nicht mehr.

Deutschlands Sprint-Legende Armin Hary sagte kürzlich im AZ-Interview, er würde nicht über die Leistungen jubeln, bevor nicht die B-Probe da sei.

Da bin ich nicht ganz so zuversichtlich wie Hary, die B-Probe langt mir nicht. Denn sehr viele Sportler wurden ja erst viel später überführt. Man nehme nur einen gewissen Radfahrer, der gerne in Grün unterwegs war...

Sie reden von Erik Zabel.

Der hatte ein Mini-Doping-Geständnis abgelegt, als er Jahre später als Dauer-Doper überführt wird, sagt er plötzlich: ,Ach ja, da war noch was.’ Ich habe mich auch richtig gefreut, dass man mit Gay und Powell endlich zwei Große erwischt hat und denen nun die Hammelbeine lang zieht. Man hat sich ja eigentlich nur gefragt, wie lange die damit davonkommen. Wenn man dann noch sieht, dass den Jamaikanern zwar fast die gesamte erste Garde fehlt, sie aber trotzdem vier Läufer unter den besten Fünf haben, dann drängen sich viele Fragen auf. Beschiss ist eben ein Bestandteil des Sports – war es schon immer. Das nimmt einem aber den Spaß am Sport.

Den hatten Sie aber wahrscheinlich noch, als beim Zehnkampf der Deutsche Michael Schrader Silber holte.

Ich bin lange nicht mehr auf einer Tribüne im Stadion gestanden und habe dabei so viel Spaß, Enthusiasmus und Liebe empfunden. Es gibt so etwas wie eine Gerechtigkeit im Sport. Michael hat in den letzten Jahren so viel Mist erlebt, war nur verletzt. Daran nicht zu zerbrechen, ist schon goldwürdig. Vier Jahre hat er wegen der Verletzungen keinen Zehnkampf beenden können – und dann das. Es gibt Leute, die seine Leidenszeit mit meiner vergleichen. Da sage ich nur, beleidigt mir den Michael nicht. Im Vergleich zu dem, was er erlebt hat, waren meine Verletzungen Kindergarten. Der hat ein ganz anderes Tal der Tränen durchlaufen. Ich habe ja zumindest immer einen Wettkampf pro Jahr zu Ende gebracht.

Zweifeln Sie denn nicht auch bei Schrader an der Sauberkeit seiner Leistung?

Ich lege für keinen Athleten die Hand ins Feuer. Für keinen. Aber ich glaube, dass hier alles mit rechten Dingen zuging. Ich will es glauben. Er ist in den Disziplinen gut, die zu seinem Körperbau passen – und er ist da schlecht, was eben nicht zu seiner Physis passt. Daher bin ich recht überzeugt, dass da alles passt.

Kürzlich wurde bekannt, dass in den 70er Jahren nicht nur in der DDR flächendeckendes Doping betrieben wurde, sondern auch in der Bundesrepublik. Ein Schock für Sie?

Nicht wirklich. Dass auch hier Doping unter der Billigung des Staates stattfand, war ein offenes Geheimnis. Die neue Dimension ist, dass es nicht nur gebilligt, sondern sogar vom Staat gefördert wurde. Ich bin gespannt, wie man damit umgeht, ob das jetzt alles aufgedeckt wird, ob Namen genannt werden. Ob man sich traut, Fragen zu stellen, die nicht nur in der Vergangenheit verweilen. Werden auch heute aktive Topsportler gedeckt, derart gefördert? Ich bin froh, dass es jetzt rauskommt. Ich sprach von der Gerechtigkeit des Sports. Das ist ein Paradebeispiel. Für alles, was man anstellt, gibt’s eine Gerechtigkeit. Entweder die späte Aufdeckung oder gesundheitliche Probleme durch den Medikamentenmissbrauch. Das ist gut, denn ein Gewissen plagt die alle nicht.
 

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