AZ-Sportlerin des Jahres Bentele im Interview:„Irgendwo ist ja jeder behindert“

Paralympics-Goldmedaillensammlerin Verena Bentele, von Geburt an blind, löst Seriensiegerin Christine Theiss ab: „Man sieht, es tut sich etwas.“
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Verena Bentele - eine der erfolgreichsten Wintersportlerinnen überhaupt. Nun sagt sie servus.
dpa Verena Bentele - eine der erfolgreichsten Wintersportlerinnen überhaupt. Nun sagt sie servus.

Paralympics-Goldmedaillensammlerin Verena Bentele, von Geburt an blind, löst Seriensiegerin Christine Theiss ab: „Man sieht, es tut sich etwas.“

AZ: Frau Bentele, das Neue Jahr geht für Sie auch richtig gut los.

VERENA BENTELE: Wieso denn das?

Weil Sie die AZ-Leser zu Münchens Sportlerin des Jahres gewählt haben, Sie haben die Seriensiegerin, Kickboxerin Christine Theiss, vom Thron geschubst! Die hatte fünf Mal hintereinander gewonnen – nun fiel die Wahl auf Sie.

Wirklich? Das ist toll, ich kann es noch gar nicht glauben, das bedeutet mir unglaublich viel. Es ist sehr schön zu sehen, dass man in der Stadt, zu der man sich eben auch zugehörig fühlt, wahrgenommen wird. Das freut mich sehr.

Aber an Ehrungen dürften Sie nach den Erfolgen bei den Paralympics in Vancouver gewöhnt sein, als Sie gleich fünf Goldmedaillen gewinnen konnten.

Ja, aber davon kann man nie genug kriegen. Und gerade, wenn so eine Auszeichnung direkt von den Menschen kommt, ist das schon sehr speziell. Man sieht, dass sich wirklich etwas tut.

Sie sind von Geburt an blind. Wie weit ist es noch, damit man von einem normalen Umgang mit Behinderten in unserer Gesellschaft reden kann?

Oh, das ist schon noch ein weiter Weg, aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Es hat sich viel getan, das zeigt ja auch diese Wahl jetzt. Aber sicherlich ist es bis zur Normalität noch weit.

In anderen Gesellschaften, etwa den USA, ist die Integration behinderter Kinder in den Schulbetrieb normal, bei uns gibt es da noch eine Scheu.

Ja, ich denke, da kann man noch viel tun. Man muss sicher schauen, dass gerade schon Kinder und Jugendliche an den Umgang mit den Behinderten in ihrem Alltag viel mehr herangeführt werden. Da verliert man dann auch sehr schnell die Berührungsängste, wenn man sieht, dass es ganz normale Menschen sind. Es sind eben nur Menschen, die auf dieser Ebene anders sind. Aber irgendwo ist ja jeder in irgendetwas behindert, entspricht nicht der Norm. Es ist nur bei vielen auf den ersten Blick nicht so offensichtlich.

Durch dieses mangelnde Miteinander wissen ja in unserer Gesellschaft auch viele nicht, wie Sie einem Behinderten begegnen sollen, ob Sie Hilfe anbieten sollen.

Das stimmt. Aber da ist natürlich auch der Behinderte selber gefragt. Woher soll den jemand wissen, ob ich in einer bestimmten Situation Hilfe benötige? Er kann das ja nicht riechen. Es gibt Momente, in denen ich ohne Hilfe nicht auskomme, dann sage ich das auch und dann wird mir auch immer geholfen. Im Zweifelsfall würde ich jedem raten, den Behinderten einfach freundlich zu fragen, denn dann sollte man auch eine freundliche Antwort erhalten. Freundlichkeit ist in jeder Situation als Basis des Miteinanders ganz toll. Das gilt nicht nur für den Umgang mit Behinderten.

Wie stehen Sie überhaupt zu dem Wort „behindert“?

Es ist sicher nicht optimal, denn ich fühle mich auch nicht als behindert, ich bin anders. Es gibt Leute, die sagen, man soll nicht von Behinderung, sondern von Handicap reden. Aber das ist ja nur eine Übersetzung des gleichen Wortes. Mir gefällt der Ausdruck Mensch mit Behinderung besser als Behinderter, weil es nicht so universell auf den Menschen aufgedrückt wird, sondern zeigt, dass es nur um einen Teilaspekt des Menschen geht. Ich habe mich selber auch noch nie als Behinderten gesehen. Wichtig ist eben auch, dass man sich von anderen Leuten nicht behindern lässt in seinem Leben.

Sie studieren hier in München auch Literaturwissenschaften, wie kamen Sie darauf?

Weil ich Worte mag, die Art sich auszudrücken. Mein deutscher Lieblingsautor ist übrigens Hermann Hesse, ansonsten mag ich den Tschechen Milan Kundera sehr gerne. Ich lese übrigens über Hörbücher. In Blindenschrift lese ich sehr wenig, weil die Bücher so unglaublich groß und schwer sind, dass sie bei Reisen – und ich reise viel – sehr unpraktisch sind. Am 19. Januar ist mein Studium dann vorbei, das ist für mich wie eine weitere Medaille. Und dann mache ich mich auf Jobsuche. Ich würde gerne etwas in der Öffentlichkeitsarbeit für eine Firma machen oder in einer Personalabteilung.

Dann sollten sich die Firmen am besten gleich bei Ihnen melden.

Ich bitte darum.

Sie sprachen Ihre Zukunft an. Wie sehr spielt da ein Kinderwunsch eine Rolle? Und wie sehr wird dies durch Ihre Behinderung, die auf einem Gendefekt basiert, beeinflusst?

Die Möglichkeit ist da. Einer meiner Brüder ist ja blind, der andere nicht. Heutzutage gibt es Tests, die einem sehr genau die Wahrscheinlichkeit aufzeigen, ob Kinder von mir auch sehbehindert wären. Den Test habe ich noch nicht machen lassen, aber ich werde ihn bald mal vornehmen lassen. Und egal, wie dann das Ergebnis ausfällt, werde ich damit umgehen. Egal, ob ein Kind von mir sehbehindert wäre oder nicht, ich würde das Beste daraus machen. So wie meine Familie bei mir. Sie hat mir das Selbstvertrauen gegeben, dass ich eben nicht mit Angst in die Welt hinausgehe.

Und wie geht es mit der sportlichen Karriere weiter?

Das kann ich noch gar nicht genau sagen, das hängt noch von so vielen Dingen ab, das wird sich zeigen. Aber ich bin sehr froh, dass ich das im Sport alles schon erleben durfte, besser als 2010, das geht gar nicht. Manchmal muss ich die Medaillen richtig anfassen, um zu glauben, dass alles wahr ist.

Interview: Matthias Kerber

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