AZ-Interview mit Gerd Schönfelder: "Ich bin nicht behindert – ich sehe nur so aus"

Gerd Schönfelder ist der erfolgreichste Athlet der Paralympics-Geschichte. Hier spricht er über den Unfall und das Leben danach. „Ein Wunder“.
| Matthias Kerber
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„Schwarzer Humor hilft“, sagt Gerd Schönfelder, der bei einem Unfall seinen rechten Arm verloren hat und hier mit einer Attrappe eines Weißen Hais posiert.
privat „Schwarzer Humor hilft“, sagt Gerd Schönfelder, der bei einem Unfall seinen rechten Arm verloren hat und hier mit einer Attrappe eines Weißen Hais posiert.

Der Skifahrer (46) ist mit 16 Goldmedaillen (dazu vier Mal Silber und zwei Mal Bronze) der erfolgreichste Paralympics-Sportler aller Zeiten. Jetzt hat er seine Biographie „Sieger“ (Verlag die Werkstatt, 19,90 Euro) veröffentlicht.

AZ: Herr Schönfelder, Sie sind mit 22 Medaillen der erfolgreichste Paralympics-Sportler aller Zeiten. Jetzt haben Sie Ihre Biographie „Sieger“ veröffentlicht. Was bedeutet es für Sie, ein Sieger zu sein?
GERD SCHÖNFELDER: Ich bin sicher im Sport zum Sieger geworden, aber für mich steht dieses Wort für das, was ich im Leben erreicht habe. Ich habe mit 19 diesen schlimmen Unfall gehabt, als ich den Zug unbedingt noch erreichen wollte und am Ende unter den Zug gekommen bin. Und dann stehst du plötzlich da und hast nur einen Daumen am einen Arm und der andere ist ganz ab. Da denkst du dir schon, dass man nicht mehr tiefer fallen kann. Aber: Schlimmer geht’s immer. Letztlich hatte ich Glück, auch wenn man das in dem Moment sicher nicht so sehen kann. Es hat ja nicht viel gefehlt, und ich wäre nimmer da gewesen. Von dem her ist das Leben, das ich jetzt habe, ein Geschenk, eine Zugabe, die jetzt schon 28 Jahre andauert – und hoffentlich noch lange währt. Aber aus diesem Loch herauszukommen, sich irgendwann nicht mehr zu verstecken, sich zu zeigen, wie man ist, Selbstvertrauen aufzubauen, das heißt Sieger sein. Das ist eine Entwicklung, die dauert, die nicht leicht ist.

Gerd Schönfelder: „Ich bin nicht behindert – ich sehe nur so aus“

Ihr altes Leben war von einem Tag auf den anderen zerstört.
Ja. Am einen Tag ist man topfit, macht Sport, ärgert sich über Nebensächlichkeiten, ärgert sich, dass man eine krumme Nase hat. Am nächsten Tag ist die Nase definitiv dein geringstes Problem. Da sagst du nachher: „Wie damisch warst du denn?“ Plötzlich bist du ein junger Mann, der erst einmal gar nichts mehr kann. Nicht essen, nicht trinken. Plötzlich brauchst du jemanden, der dir den Hintern abwischt. Wenn mir einer vor dem Unfall gesagt hätte, was auf mich zukommt, hätte ich gesagt: „Dann machen wir gleich den Deckel drauf.“ Aber als es soweit war, wollte ich nur leben. Nicht eine Sekunde habe ich gedacht, ich wäre lieber tot. Ich bin sehr zufrieden. Das Leben ist geil.

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Trotz Ihres ganz persönlichen 11. Septembers im Jahre 1989.
Heute sage ich: Es war kein Schicksalstag, sondern ein Glückstag. Ich bin nicht behindert, ich sehe nur so aus. Jeder hat seine Einschränkungen. Beim einen sieht man’s, beim anderen ned. Der eine weiß es, der andere ned (lacht). Meine ist sichtbar, aber nicht vorhanden. Aber ich kann ganz viele Dinge machen. Klar fluche ich manchmal und sage: Jetzt a zweiter Arm, das hätte was. Aber das ist mehr im Spaß. An sich denke ich an das Datum gar nicht mehr so sehr, aber da es eben auf den 11. September fällt, werde ich durch den Tag, der für die Welt so einschneidend war, immer wieder erinnert, was mir an diesem Tag passiert ist. Außerdem ist es auch noch der Geburtstag meiner Schwiegermutter. Ich komme also gar nicht aus, werde jedes Jahr dran erinnert.

Glauben Sie an Schicksal? Schließlich gab es viele Möglichkeiten, dass es nicht zu der Tragödie hätte kommen müssen. Sie wollten mit dem Motorrad fahren, haben es gelassen, weil es zu gefährlich war. Ein Freund chauffiert Sie zum Bahnhof, der Stau, der Kollege hält an der letzten Ampel bei Orange an, Sie verlieren Zeit, sprinten dem Zug hinterher.
Ich glaube an das Schicksal. Irgendwo hat es so sein müssen. Letztlich war es nur mein Verschulden. Keiner hat mich gezwungen, dem Zug hinterherzulaufen und die Tür aufzureißen. Nur ich habe das entschieden. Dafür muss ich die Konsequenzen tragen. Wir alle wissen ja gar nicht, wie oft wir dem Schicksal entkommen. Hätte ich es geschafft, wäre ich in den Zug gesprungen, hätte durchgeatmet und mir gedacht: „Gerd, a Hund bist scho.“ So bin ich eben unter den Zug gekommen. Wir entkommen unserem persönlichen 11. September viel öfter, als uns bewusst ist. Ich eben nicht. Ich denke, dass der Herrgott einen Plan hatte, warum es passiert ist. Warum ich überlebt habe. Ob man den Plan versteht, ist was anderes. Mein Cousin ist mit 18 bei einem Unfall verunglückt. Warum erwischt es den einen am ersten Tag, an dem er den Führerschein hat und andere fahren ihr Leben lang wie die Verrückten, überleben alles? Warum erwischt es Michael Schumacher, der in seiner Formel-1-Karriere hunderte gefährliche Situationen überstanden hat, beim Skifahren?

Sie sind sehr gläubig.
Das war ich immer. Der Glaube an Gott gibt mir Kraft. Wenn man nicht weiter weiß, kann man immer noch beten, das Zwiegespräch suchen. Ich bin mir sicher, dass es etwas nach dem Tod gibt. Denn es wäre wirklich traurig, wenn dieses Leben alles ist, dann müsste man in dauernder Angst vor dem Tod sein. Ich bin hunderttausendprozentig sicher, dass es eine übermenschliche, überirdische Kraft gibt. Ich für mich nenne sie Gott.

Wie war dieser Moment direkt nach dem Unfall für Sie?
Das kann man nicht in Worte fassen. Ich war ja nicht eine Sekunde weg, der Schmerz war gar nicht so schlimm, aber dann schaut man am Körper runter und dort, wo der Arm sein sollte, stehen nur Knochen raus und irgendjemand legt mir den Arm, der nur an Fetzen dranhing, auf den Körper. Ich habe nur geschrien „nicht amputieren“, aber ich wusste irgendwie, dass der Arm nicht mehr zu mir gehört. Dann ist es auch gut, wenn die große Keule in Form der Narkose kommt.

„Egoismus ist ja auch, wenn man sich nur das Positive aneignet“

Viele sagen, dass Zeit der beste Heiler ist. Sie sagen, der Humor ist genauso wichtig.
Ja, für einen selber, aber auch für die anderen, die wissen auch nicht, wie sie damit umgehen sollen. Ich hatte das davor bei einem Menschen erlebt und wusste nicht, damit umzugehen. Als meine Leute ins Zimmer kamen und ich deren Blicke sah, sagte ich halt: „Geh weiter, die Füße sind noch dran.“ Das half allen. Ich bin auch einer, der sich Dinge schönreden kann. Egoismus ist auch, wenn man sich nur das Positive aneignet. Als ich zu den Behindertensportlern gekommen bin, da half der Schwarze Humor gewaltig. Du kommst da hin, und da sind nur Kaputte. Wir erzählen uns Behindertenwitze, das würde sich keiner sonst trauen. Ich bezeichne Rollstuhlfahrer als Sitzplatzschweine. So gehen wir mit der Sache um. Schwarzer Humor hilft dabei, die persönlichen Tragödien zu verarbeiten. Wir wollen normal behandelt werden, da gehören auch Witze dazu. Ich sage auch gerne zu den Leuten: „Ich würde gerne Klavier spielen.“ Dann schauen alle mitleidig. Und dann: „Aber leider kann ich keine Noten lesen.“ Da traut sich nicht mal jeder zu lachen.

Sie sind mit sich im Reinen.
Ja, ich habe so viele tolle Dinge erlebt und erlebe sie immer noch. Im Sport, im Leben. Sicher, es dauert, bis man sich an Wunder gewöhnt. Aber es ist ein Wunder, dass ich lebe, dass ich all das geschafft habe, was ich erreichen durfte. Ich genieße jede Sekunde – bin für jede dankbar. Das Leben ist einfach lebenswert.

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