AZ-Interview: Felix und sein verrücktes Leben

Felix Neureuther ist bei der WM einer der Gold-Favoriten. Exklusiv in der AZ redet er über seinen maladen Körper, Freunde, seine Autoverrücktheit – und warum er monatelang den selben Kaugummi kaute.
| Interview: Thomas Becker
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Felix Neureuther, Slalom-Vizeweltmeister von 2013, fährt die beste Saison seines Lebens. Bei der WM in Vail ist der 30-Jährige einer der Goldafvoriten. Dabei fährt er fast nie ohne Schmerzen.
Minkoff/Augenklick Felix Neureuther, Slalom-Vizeweltmeister von 2013, fährt die beste Saison seines Lebens. Bei der WM in Vail ist der 30-Jährige einer der Goldafvoriten. Dabei fährt er fast nie ohne Schmerzen.

Neureuther ist bei der WM einer der Gold-Favoriten. Exklusiv in der AZ redet er über seinen maladen Körper, Freunde, seine Autoverrücktheit – und warum er monatelang den selben Kaugummi kaute.

AZ: Herr Neureuther, für Sie ist die WM in Vail schon die sechste: die mit den besten Medaillenchancen im besten Winter Ihrer Karriere – wenn nicht mal wieder eine Verletzung dazwischen kommt. Können Sie sich überhaupt an eine Saison ohne gesundheitliche Probleme erinnern?

FELIX NEUREUTHER: Das ist in der Tat länger her. Es ist eine Frage des Kopfes, wie man an so eine Verletzung ran geht. Ob man zu jammern anfängt – oder ob man die Folgeerscheinungen dieses Sports akzeptiert und das Beste aus jeder Situation herausholt. Es kostet jedoch viel mentale Kraft, immer wieder diese Reha-Programme durchzuziehen. Leider ist das auch mit vielen Fahrten zu Ärzten verbunden. Da stellt sich die Frage, wie lange habe ich noch die Energie habe, dieses Pensum so wie jetzt zu fahren? Die Probleme mit dem Rücken sind alles andere als gut, aber damit muss ich zurecht kommen. Ohne mein medizinisches Team, würde ich das nicht schaffen. Sie zeigen mir, was man aus seinem Körper herausholen kann, wenn man mitmacht und will. Dann erscheint eine Verletzung vielleicht doch nicht so schwerwiegend, wie man im ersten Moment gefürchtet hat.

Können Sie Ihren Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt überhaupt noch sehen?

Im Saisonfinale 2014 in Lenzerheide ist es mir voll in den Rücken geschossen. Da waren es schon so einige, um die Muskulatur wieder locker zu bekommen. Der Mull (Spitzname von Müller-Wohlfahrt, d. Red.) ist überragend, genial, eine Ikone. Ohne Mull und Mascht (Martin Auracher, d. Red.) am Schliersee würde ich schon lange nicht mehr funktionieren.

Wie passt Müller-Wohlfahrt mit dem Physiotherapeuten, Heilpraktiker und Osteopathen Auracher zusammen?

Der Mull diagnostiziert, behandelt und spritzt, der Mascht behandelt das Gesamtsystem. Wenn du ein Problem am Rücken hast, schaut er nicht nur den Rücken an, sondern vom Sprunggelenk bis zur Halswirbelsäule die gesamte Einheit. Die ergänzen sich perfekt.

Lesen Sie hier: Wasmeier im AZ-Interview: „Es ist nicht lustig, was Felix macht“

Ein gutes Team bilden auch Ihre Stammtisch-Kumpel daheim in Garmisch-Partenkirchen. Wie wichtig sind die?

Sehr, sehr wichtig. Meine Jungs kenne ich zum Teil seit dem Kindergarten. Insgesamt sind wir zehn oder zwölf, die sehr eng miteinander sind. Eishockeyspieler, die in Mannheim, München, Straubing, Füssen, Riessersee spielen, aber auch Nicht-Sportler. Wenn bei irgendwem etwas passieren sollte, kann man sich auf die Jungs hundertprozentig verlassen. Das sind definitiv Lebensfreundschaften.

Auch Ted Ligety und Marcel Hirscher sind gute Freunde – und Konkurrenten im Weltcup. Der Amerikaner war bei einem Besuch in Garmisch völlig verwirrt, als Ihre Mutter nicht nur darauf bestand, dem Gast die Wäsche zu waschen, sondern auch noch seine Unterhosen zu bügeln.

Ligety ist ein großer Freund. Mit Marcel verstehe ich mich sehr gut, aber das ist nicht so eng wie mit Ligety. Wir sind der gleiche Jahrgang und kennen uns ewig, eine richtig gute Freundschaft. Eigentlich sind alle Jungs im Weltcup gute Typen. Das ist mehr als reiner Konkurrenzkampf. Da entstehen Freundschaften, die über den Sport hinaus bestehen.

So wie die zu Ihrem Vorbild Alberto Tomba. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Er schreibt ab und zu, fragt, ob alles passt. Tomba ist eine Granate. Von den Skifahrern war er einer der größten Playboys. Bode Miller definitiv auch. Aber zwei völlig unterschiedliche Charaktere: Tomba sehr extrovertiert, Bode in gewisser Weise auch, aber mit einem weichen Kern. Beide sehr authentisch. Die Frauen haben sie geliebt – und lieben sie noch.

Stimmt es, dass Sie wochenlang auf einem Kaugummi von Tomba rumgekaut haben?

Ja, klar. Er war bei einem Einladungsrennen, der Papa hat ihn zum Flughafen gefahren, ich saß auf dem Rücksitz. Tomba sprach fast kein Wort deutsch und ich als sechsjähriger Knirps kein englisch. Trotzdem hat Tomba mit mir während der ganzen Fahrt nur Blödsinn gemacht – und mir eben einen Kaugummi geschenkt. Der war mein Heiligtum. Den habe ich ewig aufgehoben, jeden Morgen in den Mund geschoben und am Abend aufs Nachtkastl gelegt. Irgendwann hat ihn die Mama verschwinden lassen, und ich war echt sauer.

In Ihrer Garage steht ein 500 PS-Porsche und auf Facebook haben wir Sie am Lenkrad eines PS-starken Boliden wild übers Eis schleudern sehen. Gibt es noch mehr Autonarren unter den Kollegen?

Jede Menge! Jens Byggmark ist mega-autoverrückt. Der lässt sich immer irgendwelche Kisten bauen. Jetzt ist er an einem TT RS dran, mit über 600 PS. Eigentlich sind alle autoverrückt: Ted, Marcel, der Svindal auch. Ich kenne eigentlich keinen Skifahrer, der nicht schnelle Autos liebt. Auto- und skifahren ist ähnlich. Von der Einschätzung der Geschwindigkeit bis zur Linienwahl, da herrschen die gleichen Gesetze. Skifahrer sind auch immer gute Autofahrer.

Mal Lust auf ein richtiges Autorennen?

Klar! Am liebsten auf dem Ring – da kann am wenigsten passieren. Auf der Straße oder Rallye ist zu gefährlich.

Ohne Speed geht bei Ihnen nichts. Da ist es ja nur logisch, dass Sie irgendwann die Streif fahren wollen. Deutscher Abfahrtsmeister sind Sie ja schon, 2009. Wie kam es eigentlich dazu?

Mein wahrscheinlich größter Erfolg! Schmarrn, ich bin nur aus Spaß mit ins Pitztal gefahren, war von den Punkten her irgendwo auf Platz 3000 der Weltrangliste, war zuvor noch nie eine Abfahrt gefahren, bin mit der letzten Startnummer ins Rennen – und irgendwie waren die Bedingungen auf meiner Seite: Ich hatte Windglück, wahnsinnig schnelle Ski und war plötzlich Abfahrtsmeister. Aber man landet in der Abfahrt schnell auf dem Boden der Tatsachen. Fragen Sie mal meinen Vater, wenn der meine Abfahrtshocke kopiert...

Abgehoben sind Sie vor ein paar Jahren mit Trickski-Legende Fuzzy Garhammer: Heli-Skiing in Kanada...

Das war genial! Mein erstes Heli-Skiing! Fuzzy mit seiner Kamera wollte unbedingt, dass ich an einer Wächte einen 360er springe – aber ich wusste nicht, wohin der Sprung geht. Fuzzy schrie von unten: ‘Landung ist okay. Das geht leicht!’ Ich rief zurück: ‘Wie hoch?’ Fuzzy: ‘Nicht so schlimm. Sieben, acht Meter.’ Dann bin ich mit dem 360er rüber – und dem Fuzzy habe ich danach Brille und Maßband geschenkt.

Nach dieser Saison planen Sie wieder einen Kanada-Trip. Was genau haben Sie vor?

Etwas Einmaliges. Mit zwei Werdenfelser Jungs zum Freeriden und einen Film drehen. Die haben da so eine Idee...

Klingt nicht nach blauer Piste.

Es wird was Cooles. You will see.

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