AZ-Interview: Das sagt Henry Maske zum Rücktritt von Wladimir Klitschko

Nach dem Rücktritt von Wladimir Klitschko adelt Box-Ikone Henry Maske den 41-Jährigen in der AZ: "Er war stets ein großartiger Botschafter dieses Sports."
| Matthias Kerber
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
"Gentleman" Henry Maske (links) war verantwortlich für den deutschen Boxboom in den 1990er Jahren. Wladimir Klitschko trat in dieser Woche von der Boxbühne ab.
dpa, Kunz/Augenklick "Gentleman" Henry Maske (links) war verantwortlich für den deutschen Boxboom in den 1990er Jahren. Wladimir Klitschko trat in dieser Woche von der Boxbühne ab.

Henry Maske: Der jetzt 53-Jährige war 1988 Olympiasieger und von 1993 bis 1996 Profi-Weltmeister im Halbschwergewicht. Der "Gentleman" war verantwortlich für den deutschen Boxboom in den 90er Jahren.

AZ: Herr Maske, Wladimir Klitschko ist Ihnen am Donnerstag in die Box-Rente gefolgt. Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie jetzt vor ihm stehen würden?
HENRY MASKE: Ich würde ihm aus tiefstem Herzen und vollster Überzeugung gratulieren. Und das beziehe ich nicht auf die Entscheidung, jetzt die Karriere zu beenden, sondern auf seine Karriere an sich. Die war verdammt lange und vor allem großartig. Für all die großen Kämpfe, die großen Erfolge. Auch die Art, wie er die herben Niederlagen - und die hatte er ja - weggesteckt hat und daran als Mensch, als Boxer gewachsen ist, das nötigt mir den allergrößten Respekt ab.

Also: alles richtig gemacht?
Wie heißt es so schön: Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich hätte für jede Entscheidung – weiterzumachen oder aufzuhören – Verständnis gehabt. Diese jetzt ist mir menschlich sehr viel angenehmer. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied - und Wladimir war ein sehr, sehr guter Schmied. Er weiß nicht nur, was es bedeutet, hocherhobenen Hauptes einen Ring zu betreten, sondern ihn in der gleichen Art auch wieder zu verlassen. Und in seinem letzten Kampf, der Niederlage in diesem grandiosen Fight gegen Anthony Joshua, hat er bewiesen, dass man auch als Verlierer den Ring mit stolz erhobenem Kopf verlassen kann.

"Das spricht für seinen Charakter"

Mit diesem Rücktritt hat Klitschko auch auf einen großen Zahltag verzichtet.
Und diese Tatsache macht die Entscheidung noch beeindruckender. Wir reden hier von einem Betrag von 20 Millionen aufwärts, den Wladimir für diesen Rückkampf kassiert hätte. Und als Boxfachmann weiß man, dass Klitschko in diesem Kampf nicht zugrunde gegangen wäre. Er hätte also sehr viel Geld mitnehmen können, ohne ein zu großes persönliches Risiko einzugehen. Aber er hat darauf verzichtet. Wladimir war immer sehr schlau, sehr clever, er braucht dieses Geld nicht unbedingt, aber trotzdem hätte er es relativ leicht mitnehmen können. Dass er das nicht tut, dass er nicht dem Zuschauer einen Kampf bietet, bei dem er nicht mehr mit vollem Herzen dahintersteht, rechne ich ihm sehr hoch an.

Wo würden Sie Klitschko in der Geschichte des Schwergewichtsboxens einordnen? Er ist ohne Frage einer der Größten, den der Boxsport jemals zu bieten hatte. Er hat seine Klasse – zusammen mit seinem Bruder Vitali - so lange, so beeindruckend dominiert, das sichert ihm einen Platz unter den Granden. Und er war immer auch ein großartiger Botschafter dieses Sportes, der ja leider auch sehr viele Vertreter hat, die sicher nicht als gute Vorbilder durchgehen. Wie er sich benommen hat, den Umgang, den er pflegte, den Respekt, den er jedem Gegner entgegengebracht hat, dass er sich nie hat gehen lassen und in schlechter Verfassung angetreten ist, das spricht für seinen Charakter.

Trotzdem war es sicher nicht leicht, nach so einer Karriere mit einer Niederlage abzutreten.
Sicher nicht. Aber ich glaube, es gab kaum eine beeindruckendere, eine bessere Art zu verlieren, als dieser so großartige Kampf gegen Joshua. Ja, im Kampfrekord steht, dass er verloren hat, aber eigentlich hat er den Ring als Sieger verlassen. Er hat in diesem Kampf all das gezeigt, was ihm seine Kritiker in all seinen Siegen ja so gerne abgesprochen haben.

Das Herz eines Boxers.
Absolut. Wenn man schon verliert, dann bitte so. Und natürlich nimmt er die Resonanz wahr, dass er sich in diesem Kampf all das Ansehen zurückgeholt hat, das er bei seiner Niederlage gegen Tyson Fury verloren hatte. Mit dieser Niederlage hat er wieder das Podest bestiegen, von dem er durch die Darbietung gegen Fury vielleicht gestürzt war. In seinen Kämpfen hat er oft eine gewisse Zurückhaltung offenbart, manchmal gar Unsicherheit. Das war in den ersten fünf Runden gegen Joshua auch so. Aber nachdem er am Boden lag, hat er tief in sich den Kämpfer gefunden, da hat er voll dagegengehalten und Joshua niedergestreckt. Ja, es kam in der elften Runde das Ende für Klitschko, aber er ist in diesem Kampf nochmal gewachsen.

Wie schwer ist der Weg raus aus der Öffentlichkeit, rein ins Privatier-Dasein?
ch bin mir sicher, Wladimir hat sich mit dieser Situation schon länger beschäftigt. Er ist 41, da weiß man schon seit Jahren, dass der nächste Kampf der letzte sein kann, dass die Zukunft im Ring endlich ist. Ich bin daher überzeugt, dass Wladimir ein glücklicher Mensch sein wird. Und so ganz wird er auch nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden. Er und sein Bruder sind zwei Meter groß! Egal wo sie hingehen, sie fallen auf, sie können sich nicht verstecken. Nach Jahrzehnten im Rampenlicht freut man sich aber darauf, mal weniger unter dem Mikroskop der Öffentlichkeit zu leben. Wie gesagt, er war ein sehr guter Schmied seines Glücks, er wird das auch bleiben.

Lesen Sie hier: AZ-Kommentar - Der König seiner Ära

Bildergalerie: Die wichtigsten Kämpfe von Wladimir Klitschko

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren