Wladimir Klitschko im AZ-Interview: "Ich bin angepisst!"

Der entthronte Weltmeister gibt sich vor seinem WM-Kampf gegen Anthony Joshua so entschlossen wie noch nie. "Ich bin jetzt ein kompromissloser, multidimensionaler Egoist", sagt der 41-Jährige.
| Matthias Kerber
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"Er hat diese enormen Muskeln, die ihm das Vertrauen geben, dass er alles zerstören kann", sagt Klitschko (r.) über Joshua.
2 "Er hat diese enormen Muskeln, die ihm das Vertrauen geben, dass er alles zerstören kann", sagt Klitschko (r.) über Joshua.
"Ich habe mich gegen Fury selber bezwungen", meint Klitschko.
2 "Ich habe mich gegen Fury selber bezwungen", meint Klitschko.

Klitschko war fast zehn Jahre Weltmeister im Schwergewicht, bis er 2015 sensationell gegen Tyson Fury verlor. Am Samstag (22.00 Uhr, RTL) kämpft er um den verlorenen Titel.

AZ: Herr Klitschko, Sie scheinen ein neues Lieblingswort zu haben: Besessenheit!
WLADIMIR KLITSCHKO: Weil es meinen momentanen Gemütszustand am besten beschreibt. Ich bin besessen davon, am Samstag gegen den Weltmeister Anthony Joshua mir selber zu beweisen, dass ich jeden Mann, der sich mir im Ring entgegenstellt, schlagen kann. Jeden. Ohne Ausnahme. Wie man bei meiner Niederlage gegen Tyson Fury im November 2015 gesehen hat: Der schlimmste und gefährlichste Gegner für mich bin ich selbst. Ich werde mir auf dem Weg zum Erfolg nicht mehr selber im Weg stehen. Zum dritten Mal Weltmeister zu werden, ist schön, aber nur ein Nebeneffekt. Es geht mir um das eigene Ego, das angekratzt ist.

Definieren Sie doch mal Besessenheit für uns?
Ich rede nicht von einer Besessenheit im pathologischen Sinne, ich bin nicht psychisch krank, zumindest hoffe ich das (lacht). Besessenheit ist eine extreme Form der Liebe. Das sind zwei Emotionen, die sich sehr nahe sind. Man ist wie ein Künstler – und Boxen ist für mich Kunst –, der seiner Arbeit mit Passion, Leidenschaft, Besessenheit nachgeht. Die 41 Jahre, die ich auf der Welt bin, haben mich zu diesem besessenen Menschen gemacht. Ich war das schon oft, aber noch nie in diesem Ausmaß, dieser Intensität. Ich würde mich im Moment als einen kompromisslosen, multidimensionalen Egoisten bezeichnen.

Viele Leute würden das nicht gerade als Kompliment empfinden.
Ja, diese Worte haben natürlich an sich negative Bedeutungen, erst in ihrer Kombination werden sie positiv.

"Er hat diese enormen Muskeln, die ihm das Vertrauen geben, dass er alles zerstören kann", sagt Klitschko (r.) über Joshua.
"Er hat diese enormen Muskeln, die ihm das Vertrauen geben, dass er alles zerstören kann", sagt Klitschko (r.) über Joshua.

"Er hat diese enormen Muskeln, die ihm das Vertrauen geben, dass er alles zerstören kann", sagt Klitschko (r.) über Joshua. Foto: dpa

Das müssen Sie erklären.
Okay. Ich bin kompromisslos, weil ich eben besessen bin. Es gibt jetzt nur einen Weg zum Ziel. Alles andere stört. Alles was stört, werde ich ausblenden. Es gibt Momente, wo Kompromisse für die Schwachen sind, wo sie einen schwächen. Manchmal kommt man mit Diplomatie eben nicht weiter. Als ich jung war, musste ich mich erst finden, da geht man Kompromisse ein, aber ich habe meine Erfahrungen im Leben gemacht. Ich weiß, was ich tun muss – und ich weiß noch mehr, was ich nicht tun muss. Mein Ziel ist klar definiert. Keine Kompromisse.

Und der Egoismus?
Es geht um mich. Um den Sieg. Ich bin bereit, sehr weit zu gehen, um mir selber zu zeigen, dass ich stolz auf mich sein kann. Aber: All das funktioniert nur, wenn man multidimensional denkt.

Eindimensionalität führt zu Betriebsblindheit?
Wer eindimensional denkt, sieht bei einer Schlange nur die tödliche Gefahr, das Gift. Denkt man aber multidimensional, dann sieht man auch die Chance, aus diesem Gift ein Gegengift, ein Heilmittel zu machen und Leben zu retten. Es muss ein gesunder Egoismus sein. Lassen Sie mich noch ein Beispiel bringen: Wer viel fliegt, kennt die Anweisungen der Flugbegleiter. Im Falle, dass der Luftdruck sinkt, kommen die Sauerstoffmasken runter. Die Anweisung ist: Helfen Sie erst sich selbst, ehe sie anderen, etwa Kindern, assistieren. Eindimensional betrachtet, ist das egoistisch, alles begehrt in einem auf. Nein, man hilft erst den Kindern. Aber multidimensional gesehen, kann man den Kindern nur helfen, wenn man selber stark ist. Dieser Egoismus ist also eigentlich ein Mittel zum Überleben. Daher kompromissloser, mulitidimensionaler Egoist.

Das heißt, Ihre Familie...
...im Moment geht es um mich. Meine Uhr tickt bis zum 29. April, dem wird alles untergeordnet. Ich liebe mein Kind, meine Familie, aber jetzt habe ich ein Ziel vor Augen, das verfolge ich ohne Wenn und Aber.

Sie wirken härter, der Blick ist entschlossener denn je.
Weil ich angepisst bin. Auf mich selber. Dass ich es gegen Tyson Fury nicht geschafft habe zu zeigen, was ich kann.

Klitschko: "Ich bin kein zerstörter oder gebrochener Mann"

Da haben Sie fast gar nichts gezeigt.
Genau das motiviert mich. Joshua ist für mich der größte Glücksfall, er ist eine enorme Herausforderung, die wohl größte in meiner Karriere. Ich selber habe viele Fragezeichen. Ich hatte in meinen 27 Jahren als Boxer nie so eine lange Pause. Hat der alte Mann es noch drauf? Habe ich Rost angesetzt? Ich weiß, ich kann es noch. Mein Ziel war es immer, vollkommen zu sein, aber ich werde das natürlich nie erreichen. Das Leben ist eine lange Reise. Man lernt, aus seinen Niederlagen mehr als aus allen Siegen. Wie heißt es: Willst du einen Mann zerstören, lass ihn ein paar Jahre Erfolg haben. Ich habe das erlebt. Wenn man dauernd Erfolg hat, wird man vorsichtiger. Ist man aber zu vorsichtig, verpasst man die großen Chancen im Leben. Meine Einstellung jetzt als Jäger ist eine ganz andere, als zu Zeiten, als ich die Gürtel hatte.

War die Niederlage gegen Fury der Tiefpunkt Ihrer Karriere?
Es ist wirklich komisch. Sie sprechen von einer Niederlage, aber irgendwie empfinde ich es nicht so. Ja, ich habe verloren. Aber hat er mich bezwungen? Ich habe mich selber bezwungen, weil ich nichts gemacht habe. Ich bin kein zerstörter oder gebrochener Mann. Und ich habe nichts zu verlieren, ich habe ja schon alles verloren. Ich würde gerne in einem Bildnis sprechen und hoffe, dass es nicht arrogant wirkt.

"Ich habe mich gegen Fury selber bezwungen", meint Klitschko.
"Ich habe mich gegen Fury selber bezwungen", meint Klitschko.

"Ich habe mich gegen Fury selber bezwungen", meint Klitschko. Foto: dpa

Nur zu.
Ich stand einmal in meinem Leben am Fuße des Mount Everest. Es war ein unglaublicher Anblick da im Basecamp. Der Mount Everest, der höchste Berg der Welt, ist einfach da. Seit Ewigkeiten. Ja, man kann ihn besteigen. Es gibt ein paar Wochen im Jahr, wo das möglich ist. Dann kann man es versuchen, und vielleicht schafft man es. Man steht auf dem Gipfel und kann sagen, ich habe den Mount Everest bezwungen. Aber hat man das?

Für diesen Moment, ja.
Der Bergsteiger muss schnell wieder runter. Manche haben es geschafft, viele sind gestorben. Aber wenn der Bergsteiger unten ist, dann ist der Mount Everest immer noch da. Er wird wieder Leben fordern. Ich bin 41. Ich bin immer noch da, ich habe 68 Profikämpfe bestritten, nur vier verloren. Ja, ich wurde bezwungen. Aber die, denen das gelungen ist, sind nicht mehr da. Das meine ich, wenn ich sage, ich habe zwar verloren, aber bezwungen fühle ich mich nicht.

Okay, Mr. Everest.
(lacht) Das habe ich nicht gesagt, ich will mich nicht mit dem Mount Everest vergleichen, ich wollte eine Parabel erzählen, um den Unterschied von verlieren und bezwungen werden zu verdeutlichen.

Ist Joshua Ihr persönlicher Mount Everest?
Ich habe sehr viel Respekt für ihn. Er ist stark, athletisch, explosiv. Ich war da, als er 2012 Gold bei Olympia geholt hat. Er war 2014 mein Sparringspartner. Er ist mir damals schon aufgefallen. Aber er war sehr roh. Er ist immer noch ungeschliffen. Er hat diese enormen Muskeln, die ihm Kraft geben, sie geben ihm das Vertrauen, dass er zerstören kann, was und wer vor ihm steht. Aber man nennt Boxen nicht umsonst Sweet Science, die süße Wissenschaft. Kann er das auch? Wenn Muskeln ausschlaggebend wären, würden nur Bodybuilder boxen. Die Boxgeschichte hat gezeigt, die furchterregendsten Boxer haben alle verloren. Ich habe kürzlich mit meinem Bruder Vitali gesprochen. Er hat gesagt: "Bruderherz, wenn du wirklich willst, wirst du gewinnen. Du musst nur wollen." Und eins ist klar: Ich will.

Besessenheit.
Besessenheit. Ganz genau.

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