Ruder-Champ Zeidler: Komet auf dem Wasser

In nur drei Jahren hat es Oliver Zeidler vom Anfänger zum Ruder-Weltmeister geschafft, die Pandemie hat ihn nun ausgebremst. Hier spricht er über Olympia und die Anfänge: "Früher bin ich immer gekentert."
| Simon Stuhlfelner
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Die Olympia-Vorbereitung findet für Zeidler teilweise von Zuhause aus statt.
instagram.com/ollizeidler 2 Die Olympia-Vorbereitung findet für Zeidler teilweise von Zuhause aus statt.
Oliver Zeidler aus Deutschland in Aktion. Foto: Gian Ehrenzeller/Archiv
dpa 2 Oliver Zeidler aus Deutschland in Aktion. Foto: Gian Ehrenzeller/Archiv

Fast wirkt es so, als hätte nur das Corona-Virus den kometenhaften Aufstieg des Oliver Zeidler stoppen können. Des Weltmeisters, der erst vor dreieinhalb Jahren, mit 20, mit dem Rudern begann. Der ein halbes Jahr später bereits Weltmeister am Ergometer war, 2018 Sieger im Gesamtweltcup. Und dann, 2019, Europameister und Weltmeister im prestigeträchtigen Einer.

Der nächste logische Schritt wäre der Olympiasieg gewesen, diesen Sommer in Tokio. Es wäre wohl zu schön gewesen, die Spiele wurden bekanntlich aufs kommende Jahr verlegt. Und Zeidlers Erfolgslauf erstmal ausgebremst.

Die Olympia-Vorbereitung findet für Zeidler teilweise von Zuhause aus statt.
Die Olympia-Vorbereitung findet für Zeidler teilweise von Zuhause aus statt. © instagram.com/ollizeidler

"Die ersten Wochen nach der Verschiebung waren echt hart, weil man erstmal die Motivation suchen musste. Aber die habe ich relativ schnell wieder gefunden", sagt Zeidler zur AZ, "und jetzt stelle ich mich den neuen Herausforderungen." Die da lauten: Trainingspläne umschreiben, das duale Studium neu organisieren, mit dem Arbeitgeber sprechen, ob man auch im nächsten Jahr kürzer treten kann.

"Langweilig wird mir nicht", sagt der Steuerrechts-Student, der aus Schwaig in der Nähe des Flughafens kommt. Die Pläne, nach Olympia für ein Jahr zum Masterstudium nach England zu gehen, hat er freilich verschoben, er ist auf der Suche nach Alternativprogrammen, um nicht ein weiteres Jahr zu verlieren.

Alle Familienmitglieder waren Ruderer, er wollte Schwimmer werden

Doch wenn einer bewiesen hat, dass er verlorene Zeit aufholen kann, dann ja wohl er. Die außergewöhnliche Geschichte des Oliver Zeidler liest sich wie ein Zeitraffer-Durchgang durch eine Sportlerkarriere, die erst spät richtig Fahrt aufgenommen hat.

Dabei stammt Zeidler ja aus einer Ruder-Dynastie. Sein Opa Hans-Johann Färber wurde 1972 Olympiasieger im sogenannten "Bullen-Vierer", Papa Heino Zeidler, Onkel Matthias Ungemach und Tante Judith Zeidler waren ebenso Weltklasse-Ruderer, dekoriert mit WM-Titeln und Olympiasiegen, auch die kleine Schwester rudert. Doch Oliver wollte lieber Schwimmer werden.

Oliver Zeidler aus Deutschland in Aktion. Foto: Gian Ehrenzeller/Archiv
Oliver Zeidler aus Deutschland in Aktion. Foto: Gian Ehrenzeller/Archiv © dpa

"Als Bub bin ich mit dem Ruderboot immer gekentert und habe mir dann gedacht: Im Wasser ist es doch schöner als auf dem Wasser", erinnert er sich, "und so bin ich erstmal beim Schwimmen geblieben." Er wurde zweimal deutscher Nachwuchsmeister, war sogar bei den Jugend-Europameisterschaften, und erst Ende 2016, als sich seine Trainingsgruppe bei der SG Stadtwerke München auflöste, probierte er es doch nochmal mit dem Rudern. Schließlich half der Opa nach: Er setzte sich mit Oliver in den Zweier, verriet ihm Tipps und Tricks eines Olympiasiegers. "Da bekam ich zum ersten Mal Geschwindigkeit aufs Wasser", sagt Zeidler.

Zeidlers Weg zur Weltklasse: "Ab 2019 lief's richtig gut"

Er, 2,03 Meter groß und 103 Kilogramm schwer, mit optimalen Hebeln ausgestattet, entwickelte sich erst in kleinen, dann immer größeren Schritten zum Weltklasse-Ruderer. "Ab 2019 lief’s richtig gut", sagt er, "alle Regatten, die ich im vergangenen Jahr gewinnen wollte, habe ich gewonnen. Und wenn man in der prestigeträchtigsten Bootsklasse, dem Einer, Weltmeister wird, darf man sich laut Ruder-Legende Olaf Tufte stärkster Ruderer der Welt nennen. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Es ist eine riesige Ehre und macht mich stolz."

Dass er erst so spät mit dem Rudern begonnen hat, bereut er überhaupt nicht. "Wer weiß, ob es überhaupt so erfolgreich gelaufen wäre, wenn ich eher begonnen hätte."

Training in Oberschleißheim: "Ich will eine Goldmedaille holen"

Und doch waren da die Überlegungen, den Rudersport nach Olympia wieder aufzugeben. Sponsoren waren rar gesät, sein Training schwer zu finanzieren – allein ein Boot kostet 15.000 Euro, jedes Jahr braucht man ein neues. Mittlerweile blickt Zeidler positiver in die Zukunft. "Mein Arbeitgeber Deloitte unterstützt mich voll, ich habe die Förderung der Sporthilfe. Und wenn es im Sponsoring so weitergeht wie in den Monaten vor Corona, kann ich meinen Sport bis Olympia 2024 finanzieren", sagt er.

Doch davor kommt erstmal Tokio, im Juli 2021, so Corona es will. "Ein Jahr ohne Regatta ist schwierig, ein absoluter Worst Case. Dafür kann keiner einen richtigen Plan haben", sagt Zeidler, der von seinem Vater Heino trainiert wird.

Immerhin: Fürs Training auf der Regattastrecke in Oberschleißheim hat er eine Ausnahmegenehmigung erhalten, als einziger darf er dort trainieren. "Ich will mich optimal vorbereiten, um die Goldmedaille zu holen", sagt er, "wenn es dann Silber oder Bronze wird, bin ich auch zufrieden." Wer hätte daran vor drei Jahren überhaupt gedacht?

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