Interview

Motorrad-Star Schrötter: Ich habe keinen Führerschein

Marcel Schrötter ist der letzte Deutsche, der noch in der Motorrad-WM fährt. Vor dem Saisonstart in Jerez spricht er über seine Anfänge, gefährliche Schieflagen und Stürze.
| Matthias Kerber
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"Für uns Mitteleuropäer ist es generell schwierig, einen Schritt in die WM zu schaffen", sagt Marcel Schrötter.
imago images/Action Plus 2 "Für uns Mitteleuropäer ist es generell schwierig, einen Schritt in die WM zu schaffen", sagt Marcel Schrötter.
Der Ellenbogen dient schon mal als Stützrad: Marcel Schrötter.
imago images/Icon SMI 2 Der Ellenbogen dient schon mal als Stützrad: Marcel Schrötter.

Marcel Schrötter (27) aus Pflugdorf ist der einzige deutsche Starter bei der Motorrad-Weltmeisterschaft. Am Wochenende geht die Saison in Jerez weiter, "ServusTV" überträgt das Qualifying am Samstag (12.25 Uhr) und das Rennen am Sonntag (ab 10.20 Uhr) live.

AZ: Herr Schrötter, wie geht es einem eigentlich so als "letzten deutschen Mohikaner" der Motorrad-WM. Jahrelang waren viele deutsche Fahrer dabei, in dieser Saison sind Sie plötzlich das Unikum.
MARCEL SCHRÖTTER: Damit war wirklich nicht zu rechnen. Vor ein paar Jahren waren wir ja noch, fünf, sechs, sieben Deutsche, die über alle Klassen verteilt bei der WM unterwegs waren. Jahr für Jahr wurden es einer oder zwei weniger. Und plötzlich stehe ich ganz allein da. Auf der einen Seite ist es für mich persönlich natürlich nicht schlecht, wenn der Fokus voll auf mir ist, aber für unseren Sport, gerade in Deutschland ist es natürlich sehr schlecht.

Woran krankt es Ihrer Meinung nach in Deutschland?
Für uns Mitteleuropäer ist es generell schwierig, einen Schritt in die WM zu schaffen. Man muss sehr, sehr gut sein, weil schon die Nachwuchsserien, die wir hier fahren, nicht das Niveau haben, das es auch nur ansatzweise zur WM braucht. Und selbst, wenn du es in die WM schaffst, wenn die Ergebnisse nicht gleich passen und du als 25. ankommst, bist du halt ganz schnell wieder weg. Die Trainingsmöglichkeiten, die Förderungen hier sind alle nicht in dem Maß gegeben, dass man es mit Spanien oder Italien vergleichen könnte.

Dem Motorrad-Sport in Deutschland fehlen die Förderer, die Strukturen, die Unterstützung vom Verband.
Genau so ist es. Früher haben sich große Unternehmen, für die 5.000 oder 10.000 Euro eine lächerliche Summe sind, ein bisschen für den Nachwuchs eingesetzt. So konnten sie sich, und ich will keine Namen nennen, immer als große Unterstützer feiern lassen. Aber als es dann richtig ernst wurde, man Richtung Juniorenweltmeisterschaft oder gar WM kam, die Bereiche, wo dir 10.000 nichts bringen, da waren die dann auf einmal nicht mehr da. Das war bei mir so, das war bei den anderen so. Das ist das, was einfach enttäuschend ist. Wenn aber später der Erfolg kommt, man auf dem Podium steht, hört man wieder was von ihnen. Ja, der war bei uns im Nachwuchs, wir haben ihn gefördert. Wenn es ernst ist, ist keiner da, wenn man es dann geschafft hat, hat man aber wieder viele Freunde, dann tut die Schulter vom vielen Geklopfe plötzlich weh.

Der Ellenbogen dient schon mal als Stützrad: Marcel Schrötter.
Der Ellenbogen dient schon mal als Stützrad: Marcel Schrötter. © imago images/Icon SMI

Marcel Schrötter: "Wenn man anfängt, der Beleidigte zu sein..."

Am Wochenende steht für Sie jetzt der zweite Lauf der Saison in Jerez an – der Auftakt in Katar war auch von Ihrem Duell mit Fabio di Giannantonio geprägt, der Sie sogar touchiert hat. Was überwiegt in dem Moment? Wut? Angst?
In der Situation war es Wut, weil ich eindeutig schneller war und er mich aufgehalten hat. So verliert man einfach Zeit und den Kontakt zur Spitzengruppe. Man hat ja am Ende gesehen, was drin gewesen wäre, wenn ich am Anfang frei hätte fahren können. Ich hätte ganz, ganz sicher um einen Platz auf dem Podium gekämpft – wenn nicht um mehr.

Spricht man sich danach unter Rennfahrern aus?
Es war in dem Fall nichts sehr, sehr Unfaires dabei. Es war sehr hart, und manche Manöver sind auch bescheuert, weil sie uns langsam machen. Im Endeffekt war es Racing. Und wenn man anfängt, der Beleidigte zu sein oder wegen jeder Aktion mit anderen Fahrern zu diskutieren, machst du dir keine Freunde. Nicht, dass ich Freunde haben will, das sind alles Gegner und Konkurrenten, aber ich will auch nicht als der dastehen, der sich wegen jeder Kleinigkeit aufregt. Wenn ich in seiner Position gewesen wäre und weiß, ich muss mit allem, was ich habe, kämpfen, würde ich es genauso machen. Jeder kämpft um seine Position, da geht es um Meisterschaftspunkte, da geht es um Geld, jede Position zählt da.

Marcel Schrötter: "Wir müssen fast ständig im Grenzbereich sein"

Haben Sie überhaupt Angst in den Rennen?
In den Rennen weniger, wenn eher in den Trainings. Da gibt es schon mal Passagen, da muss man die Cojones (Eier, die Red.) ein bisschen in die Hand nehmen. Stellen, wo man weiß, dass man schon fast abfliegt, aber man immer noch zu langsam ist. Der Sport ist auf so einem Niveau, da kann es nicht sein, dass du an einer Stelle nur 70 Prozent gibst. Wenn du nur mit 70 Prozent fährst, bist du zu 100 Prozent bald draußen aus dem Geschäft. Zwei Zehntel pro Runde können über fünf, sechs Positionen entscheiden. Ich verliere mehr Zeit, wenn auf der Geraden das Gas einmal kurz auf oder zu mache. Wir müssen fast ständig im Grenzbereich sein.

Wenn man sich die Schieflagen anschaut, in denen Sie unterwegs sind, hat man das Gefühl, das Gesetz der Schwerkraft sei außer Kraft gesetzt.
Für uns ist das normal, aber wenn man manchmal dann Bilder sieht, denkt man schon mal: Wow, cool. Dass die Ellenbogen und alles am Boden schleifen, ist für uns normal. Wir brauchen das auch, weil wir oft am Grenzbereich fahren. Erst am Mittwoch bei den Tests ist mir zwei Mal das Rad weggerutscht, da ist man nahe am Sturz. Aber dadurch, dass du eh am Ellenbogen liegst, konnte ich die Maschine abfangen.

Der Ellbogen als Stützrad.
So schaut es aus. (lacht)

Marcel Schrötter: Seine Stürze und Verletzungen 

Vergangene Saison haben Sie sich bei einem Sturz einen vierfachen Schlüsselbeinbruch zugezogen, haben Sie irgendeine Ahnung, wie viel Stürze sie in Ihrem Leben hatten?
Boa, das kann man nicht mehr zählen. Bis auf die letzten zwei Jahre, wo ich mir immer wieder was gebrochen, war es fast alles harmlos. 2019 das Schlüsselbein, das Jahr davor den Mittelfußknochen. 2017 das Kahnbein am Handgelenk was bis heute noch Ärger macht. In der linken Schulter habe ich mir mal zwei Bänder gerissen. Und bei ein, zwei Stürzen war ich kurz bewusstlos. Aber alles in allem lief alles glimpflich ab.

Das liegt im Auge des Betrachters – macht es Ihnen eigentlich Spaß, auf der Straße Motorrad zu fahren?
Die Gefahren sind dort – anders als im Sport – kaum abzuwägen. Es macht keinen Spaß. Ich habe auch gar keinen Führerschein.

Wie bitte?
Ja, ich habe keinen Motorradführerschein. Ich fahre auf tollen Strecken, mit tollen Reifen. Auf der Straße hingegen, wenn ich mal mitfahre, hat man gleich ein mulmiges Gefühl. Vielen Hobbyfahren ist gar nicht bewusst, wie schnell was schiefgehen kann – und was dann passiert. Daher macht das gar keinen Spaß. Ich habe vor Kurzem eine alte Vespa gekauft und komplett restauriert, die darf ich mit dem Pkw-Führerschein fahren. Da habe ich Spaß. Ich werde auch mal den Führerschein machen, um mal was Größeres fahren zu können als eine 50er. Aber wirklich nur zum Baden, was Gemütliches halt.

Marcel Schrötter: Als kleiner Bub schon auf dem Motorrad

Dabei haben Sie bereits mit zweieinhalb Jahren erstmals ein Motorrad gesteuert.
Das stimmt. Ich habe einen älteren Bruder, der durfte vor mir anfangen, wir hatten eine kleine Yamaha – anfangs mit Seitenwagen. Er ist gefahren, ich war nur im Seitenwagen. Aber er ist so bescheuert gefahren, dass ich immer rausgeflogen bin. Da hatte ich keine Lust mehr – und wollte selber fahren. Ich hatte das Glück, dass mein Bruder zwar immer fahren wollte, aber er zu faul war, die Schutzkleidung anzuziehen. So hat ihn der Papa aber ned fahren lassen. Ich war immer in Schutzkleidung dagestanden und habe bei 40 Grad in der Montur geschwitzt. Und das obwohl ich nicht fahren durfte. Da war ich zweieinhalb Jahre. Ich konnte nur Fahrrad mit Stützrädern fahren. Der Papa hat dann gesagt, wenn ich Fahrrad ohne Stützräder fahren kann, darf ich auch das Motorrad fahren. Noch am gleichen Tag bin ich ohne Stützräder mit dem Fahrrad durchs Dorf gefahren – und dann eben auch Motorrad. Da haben alle schon gewusst, was ich für eine Leidenschaft dafür in mir habe.

Sie waren auch ein sehr, sehr guter Skifahrer.
Es gab einige Sportarten, in denen ich leider, sehr, sehr gut war. Leider, weil ich am liebsten alles gemacht hätte. Ich war damals in Ski-Kader, der Vorstufe zu den Nationalteams. Aber als ich so zwölf war, habe ich gesagt, es reicht. Mein Leben damals war das Motorrad im Sommer und im Winter Skifahren. Ich hatte damals schon mehr Spaß daran, Schanzen zu bauen und zu springen, als am eigentlichen Skifahren. Ich bin dann noch zwei Jahre Freestyle gefahren, war so eine Art Deutscher Meister. Dann habe ich es komplett gelassen. Von gefühlt 200 Skitagen im Jahr auf null. Fünf Jahre lang. Dann habe ich es irgendwann wieder mit Kumpels betrieben, aber so, dass der Apres Ski mindestens so wichtig war, wie das echte Skifahren. Auch im Eishockey war ich sehr gut. Aber am Ende war mir Motorradfahren immer wichtiger. Ich würde sagen, es war die richtige Entscheidung. (lacht)

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