Michael van Gerwen: Vom Mobbingopfer zum Großmeister

Darts-Star Michael van Gerwen kämpft um den WM-Titel. Im Interview mit der AZ spricht er über seine schwierige Kindheit, wie er in der Schule gehänselt wurde, sich mit Fäusten wehrte – und nun über die Peiniger lacht.
| Alexander Gernandt
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Der jüngste Weltmeister der Dart-Geschichte äußert sich im Interview mit der Abendzeitung.
dpa Der jüngste Weltmeister der Dart-Geschichte äußert sich im Interview mit der Abendzeitung.

London - Michael van Gerwen ist der jüngste Weltmeister in der Geschichte des Darts. Der 26-jährige Niederländer krönte sich 2014 und kämpft zur Zeit in London um den erneuten Titelgewinn. Die Abendzeitung sprach mit van Gerwen, der sich unter anderem über seinen großen Konkurrenten Phil Taylor äußert.

 

Herr van Gerwen, die Darts-WM in London hat begonnen. Wie stehen Ihre Chancen auf den Titel?

MICHAEL VAN GERWEN: Ich denke, gut. Meinem Ziel, Weltmeister zu werden, werde ich alles unterordnen. Meine größten Konkurrenten sind Phil Taylor und Gary Anderson. Gary geht zurzeit durch eine schwierige Phase, und genau das muss ich ausnutzen.

Dabei wollten Sie eigentlich Fußballer werden.

Das ist richtig, aber eine „Karriere“ wäre da ganz sicher nicht daraus geworden. Mit 11, 12 kickte ich in einer Jugendmannschaft in meiner Heimat Brabant in Holland. Aufgrund meines Körperumfangs wurde ich als Abwehrspieler eingesetzt. Ich war grottenschlecht. Ich hätte 24 Stunden am Tag trainieren können, es hätte nichts gebracht. Ebenso erging es mir beim Judo, das ich im Anschluss einige Zeit betrieb.

Schließlich sind Sie dann beim Darts gelandet…

Und das war nicht mal geplant! Als ich zwölf war, bekam ich in der Schule eine Einladung zu einem Jugendturnier. Ich nahm sie an, obwohl ich zuvor nur zu Hause mit meinem Vater und meinem Bruder Pfeile geworfen hatte. Und das nicht mal auffällig gut.

Wie verlief dieses Turnier?

Erstaunlich positiv. Ich habe ordentlich abgeschnitten und am Ende einen Pokal mit nach Hause gebracht. Das war ein ganz neues Gefühl. Zum ersten Mal bekam ich so etwas wie Anerkennung im Sport.

Sie waren damals Schüler.

Die Schule hat mich nie wirklich interessiert. Ich verbrachte jeden Samstag in der Kneipe „De Buur“ beim Jugenddarts. Mit dem Dartsvirus war ich schnell infiziert.

Wie haben Sie das finanziert?

Eine berechtigte Frage. Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen. Mein Vater ist Lkw-Fahrer, meine Mutter arbeitet in der Kantine einer Metallbaufirma. Viel Geld hatten wir nie. Trotzdem hat mein Vater immer die Turniergebühr von fünf Euro für mich bezahlt und mich an Wochenenden übers Land gefahren. In der Folge siegte ich bei jedem Jugendturnier in Holland. Da kamen die ersten Sponsoren. Darts ist kein kostspieliger Sport: Du brauchst drei Pfeile und ein Trikot. Aber die Fahrten zu den Turnieren gingen ins Geld.

Haben Sie auch selbst Geld dazu verdient?

Klar. Ich musste damals mein Taschengeld aufbessern, hatte aber keine Lust zum Autowaschen. Also fragte ich meine Eltern, ob ich in der Dartskneipe als Schreiber bei den Spielen aushelfen dürfe. Ich durfte – und verdiente pro Spiel fünf Euro. Am Ende ging ich mit über hundert Euro nach Hause.

An die Schulzeit haben Sie keine guten Erinnerungen?

Stimmt. Ich wurde gemobbt, weil ich dick war. Das hat mich schwer getroffen und an meinem Selbstbewusstsein genagt. Ich wusste mir damals nicht besser zu helfen, als zuzuschlagen und mir so vermeintlich Respekt zu verschaffen. Heute weiß ich, dass Gewalt keine Lösung ist. Aber damals ging es halt nicht anders. Irgendwann hat man mich in Ruhe gelassen.

Ihre Darts-Erfolge stärkten sicher Ihr Selbstbewusstsein.

So war es. Aber auch hier haben mich meine Kameraden anfangs belächelt und ihre Späßchen über Darts gemacht. Heute bin ich derjenige, der lacht.

Was sagen Sie Kritikern, die Darts nicht als Sport sehen?

Ich sage immer: Dann ist Golf auch kein Sport. Ich meine, die Golfer lassen sich sogar im Buggy über den Platz chauffieren. Aber Golf ist ein Sport, genau wie Darts! Es braucht ganz spezielle Fähigkeiten. Ich bin sehr froh, dass Darts immer populärer wird, und zwar in der ganzen Welt. Darts ist jetzt ein Welt-Phänomen.

Und Sie gehören zu den Zuschauermagneten.

Ich weiß, dass ich im Fokus stehe. Damit geht auch eine große Verantwortung einher. Ich bin vielen ein Vorbild und muss mich diszipliniert verhalten. Bis vier in die Disco und Unmengen Alkohol trinken, ist nicht. Das ist für einen jungen Menschen nicht immer einfach, aber ich habe mich im Griff. Ich habe ein Talent für Darts geschenkt bekommen, das darf ich nicht vergeuden.

Was ist für Sie die Faszination am Darts?

Neben der Spannung ist es die länderübergreifende Euphorie. Wenn ich bedenke, wie viele deutsche Fans ich als Holländer habe – das wäre im Fußball undenkbar! Ich habe die Häme der deutschen Fußballfans mitbekommen, als unsere Nationalelf die EM-Quali nicht schaffte. Aber beim Darts werde ich von diesen deutschen Fans angefeuert. Wunderbar!

Irgendwann kam für Sie dann das große Geld als Dartsprofi.

Mit 18 hatte ich so viel verdient, dass ich einen Golf GTI bar bezahlen konnte. Das war ein tolles Gefühl. Insgesamt liege ich bei zwei Millionen Pfund Siegprämien. Das ist doch auch was für einen 26-jährigen gelernten Fliesenleger!

Wie lebt es sich als Superstar?

Sehr gut. Ich liebe mein Leben und bin meinen Fans sehr dankbar. Ich werde mittlerweile weltweit erkannt – aber das liegt vielleicht auch an meiner Glatze (lacht).

Erinnern Sie sich an einen ganz besonderen Moment Ihrer Karriere?

2014 wurde ich als jüngster Darts-Weltmeister aller Zeiten von Königin Maxima und König Willem Alexander zum Lunch in den Soestdijk Palast eingeladen. Ich trug Anzug und Krawatte, was für mich ungewöhnlich ist, aber man will gut aussehen bei so einem Anlass. Ich habe mein Hemd komplett durchgeschwitzt, so nervös war ich. Aber es war eine tolle Begegnung, die beiden sind cool. Meine Eltern waren richtig stolz. Ich glaube, dass ich von unserem Königspaar empfangen wurde, hat ihnen mehr bedeutet als die WM-Trophäe.

Sie wirken auf der Bühne sehr emotional und kraftvoll, dadurch polarisieren Sie auch.

Man kann nicht jedem gefallen. Vielleicht bin ich ein bisschen vergleichbar mit einem Zlatan Ibrahimovic von Paris St. Germain, den ich sehr mag. Er ist auch eine große Persönlichkeit und lässt auf dem Platz Emotionen raus. Wenn man die zeigt, bedeutet das, dass man liebt, was man tut. Aber jeder hat ein anderes Naturell.

Gönnen Sie sich Luxus?

Ich habe in meiner Heimat ein Stück Land gekauft und baue dort zur Zeit ein schönes Haus für mich und meine Frau. Es wird einen großen Garten haben, ein Gym, dazu Pool, Sauna und natürlich einen Dartsroom. Das ist mein Luxus. Ein Ort, an dem ich meine Ruhe habe und Kraft tanken kann. Wenn ich Sorgen habe, kann ich mich während eines Matches nicht wirklich zu 100 Prozent Spiel konzentrieren.

Der 16-malige Champion Phil Taylor ist 55 und spielt immer noch vorne mit.

Phil ist mit Abstand der größte Dartsspieler aller Zeiten. Eine lebende Legende. Er hat meinen vollen Respekt, aber bis zu diesem Alter will ich nicht spielen. Mitte 40 soll Schluss sein. Dann will ich so viel verdient haben, dass ich sorglos leben kann. Ich werde dann nur zum Spaß bei Showturnieren antreten.

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