Ex-Skispringer Hannawald zur Vierschanzentournee: Keiner hat zehn Tage Glück

Zum Auftakt der Vierschanzentournee spricht Hannawald in der AZ über die Favoriten auf den Gesamtsieg, die Probleme der DSV-Adler und warum der Grand Slam der Beginn seines Burnouts war.
| Krischan Kaufmann
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Sven Hannawald gewann 2002 die Vierschanzentournee.
dpa/Henning Kaiser Sven Hannawald gewann 2002 die Vierschanzentournee.

AZ-Interview mit Sven Hannawald. Der jetzt 45-Jährige holte bei Olympischen Spielen ein Mal Gold und zwei Mal Silber, war zwei Mal Weltmeister und gewann 2002 die Vierschanzentournee, bei der er als erster Springer alle vier Bewerbe gewann.

AZ: Herr Hannawald, kribbelt es schon bei Ihnen oder ist die Tournee nach so vielen Jahren auf und neben den Schanzen mittlerweile business as usual für Sie?
SVEN HANNAWALD: Nein, niemals. Früher hatte ich sogar lange Zeit, wenn ich zum Tourneestart nach Oberstdorf gefahren bin, ein komisches Gefühl. Denn wie wahrscheinlich jeder Sportler, dem etwas Außergewöhnliches gelungen ist, wollte ich natürlich solange wie möglich der einzige bleiben, der den Grand Slam geschafft hat. Also habe ich immer nach der ersten Station der Vierschanzentournee gehofft, dass möglichst bald ein zweiter Sieger feststeht. Aber seit Kamil Stoch es auch geschafft hat, bin ich viel befreiter. Im Gegensatz zu einem verlorenen Wettkampf ist es hier ja so, dass sich nur jemand dazugesellt und ich werde ja trotzdem immer der Erste bleiben, der alle vier Springen gewonnen hat.

Bei den Buchmachern liegt der Vorjahressieger Ryoyu Kobayashi ganz vorn. Sie als Insider, auf welchen Athleten würden Sie heuer Ihr Geld setzen?
Wenn Ryoyu seinen normalen Stand abruft, kann er sich schon durchsetzen. Aber sein Problem in diesem Jahr ist, dass er nicht mehr so locker und gelöst ist wie bei seinem Tourneesieg. Außerdem weiß ich, dass von vielen Konkurrenten mittlerweile sein Stil kopiert wird. Sein Stil war der Grund, warum er so dominant war.

Was macht Kobayashi denn so anders beim Sprung?
Sein Absprung ist viel aggressiver, er springt mit dem maximalen Druck ab. Bei Ryoyu ist der Ski direkt da, hat sofort Anströmung. Das ist sehr kompliziert, daran sind viele Konkurrenten immer gescheitert. Viele haben gar nicht begriffen, wie Ryoyu das macht. Diesen Stil haben die Konkurrenten aber über den Sommer mit extremer Technikangleichung geschafft, zu übernehmen. Ich weiß auch, dass viele Nationen jetzt zur Tournee noch mal Material auspacken, das sie vorher nicht gezeigt haben. Wir haben damals auch nicht unsere Anzüge zu früh gezeigt. Da kann es also noch einige Überraschungen geben.

Wer macht Ihnen aus deutscher Sicht Hoffnung?
Karl Geiger, ihn darf man sicher nicht vergessen. Geiger und Kobayashi sind die Stabilsten des gesamten Weltcups. Bei ihm habe ich die Hoffnung, dass es nach so vielen Jahren wieder mit einem deutschen Gesamtsieg klappen könnte. Aber ich bin auch zufrieden, wenn ein deutscher Athlet auf dem Podest steht.

Freund, Wellinger, Eisenbichler – alle drei deutschen Springer sind hoch und vor allem weit geflogen – und dann im nächsten Jahr abgestürzt. Das kann kein Zufall sein, oder?
Das sind genau die Dinge, die Ryoyu jetzt durchmacht. In der zweiten Saison merkst du an dir selbst, dass die Erwartungen steigen. Keiner möchte, dass das vergangene Jahr nur Zufall war. Also arbeitest du daran, dass der Erfolg wiederkommt. Und dann ist plötzlich die Lockerheit weg.

Das ist also kein deutsches Problem.
Nein. Ich glaube eher, dass das deutsche Problem in den letzten Jahren war, dass man zu früh offengelegt hat, an was das Team gearbeitet hat. Dann gab’s spätestens in Oberstdorf immer die böse Überraschung. Oberstdorf war eigentlich immer die Schanze mit den meisten deutschen Siegen. Deshalb hat’s mich zuletzt gewundert, warum es dort immer auf die Hose gab. Aber ich glaube, dass Bundestrainer Stefan Horngacher – auch mit der Erfahrung von seiner Zeit mit Stoch – anders an die Sache herangeht. Er weiß, dass es wichtig ist, dass im Vorfeld der Tournee die Sprünge solide sind. Dann gilt es einen gewissen Überraschungseffekt hinzulegen. Das ist ein psychologischer Kniff, den man im Petto haben muss.

Wie viel macht bei Skispringern der Kopf aus?
Sehr viel. Wenn du das erste Mal in Oberstdorf oben auf der Schanze stehst und unten jubeln 25.000 Menschen – das ist schon etwas anderes. Das Interesse an deiner Person ist riesig. Alle wollen etwas von dir, das ist schwer auszuhalten. Da steht man oben auf der Schanze und hofft, dass der Zirkus endlich vorbei ist, egal wie es ausgeht. Klar ist es super, wenn es dann geklappt hat. Bei der Tournee kommen so viele Sachen auf dich zu, das kann man nicht trainieren. Du musst zehn Tage lang Topleistung abrufen. Deshalb sage ich auch: Es gibt glückliche Olympiasieger und glückliche Weltmeister, aber es gibt keinen glücklichen Tournee-Sieger. Niemand hat zehn Tage lang Glück.

Sie haben einmal über Ihren Tournee-Gewinn gesagt: "Die psychische Belastung, der Druck und Stress wurden mit jedem Tag größer": Wäre es ohne diesen Grand Slam womöglich nie zu Ihrem späteren Burnout gekommen?
Ich glaube schon, dass es dort angefangen hat. Und dazu kommt: Wenn du so etwas einmal geschafft hast, gibst du ja nicht Ruhe, sondern willst diesen Erfolg wiederholen. Dabei hat mir mein Körper damals schon klare Signale gesendet, mal einen Gang runterzufahren. Heute weiß ich, dass ich meine Pausen dringend einhalten muss. Damals war ich aber in dem Wahnsinn drin gesteckt, immer so weit wie möglich zu springen, immer am weitesten reinzuknallen.

Wie können sich Ihre Nachfolger auf der Tournee vor zu großer Belastung schützen?
Ich denke, dass viele durch mein Beispiel gewarnt sind, auf sich aufzupassen. Pausen sind das wichtigste. An mir sieht man auch, dass es, wenn der Burnout dann da ist, nicht mehr weitergeht. Ich wäre gerne noch weitergesprungen.

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