"Die Klitschkos wären gute Sparringspartner für mich"

Exklusiv in der AZ spricht Box-Legende Larry Holmes über die Misere des Schwergewichts, seinen alten Freund und Mentor Muhammad Ali und warum er sich selbst für den Größten hält.
| Matthias Kerber
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Exklusiv in der AZ spricht Box-Legende Larry Holmes über die Misere des Schwergewichts, seinen alten Freund und Mentor Muhammad Ali und warum er sich selbst für den Größten hält

AZ: Herr Holmes, Vitali Klitschko verteidigt am Samstag seinen WM-Titel gegen Tomasz Adamek. Gibt es überhaupt eine Chance, dass Adamek die Boxwelt schocken kann, wie Sie es taten, als Sie 1978 den großen Ken Norton entthronten?


LARRY HOLMES: Adamek ist kein schlechter Kämpfer, aber er ist nicht in Klitschkos Liga. Er ist kein echter Schwergewichtler, er wird Klitschko mit seinen Schlägen nicht beeindrucken können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Überraschung gibt.


Klitschko betont sehr gerne, wie stolz er ist, den Gürtel des prestigeträchtigsten Boxverbandes WBC zu tragen. Den Gürtel, den Muhammad Ali, Joe Louis, Mike Tyson oder eben Larry Holmes trugen.


Er hat jedes Recht, darauf stolz zu sein. Jeder, der mit diesen Kämpfern in einem Atemzug genannt wird, kann stolz sein. Ob er wirklich in diese Reihe gehört, steht aber auf einem ganzen anderen Blatt.


Sie sehen das wohl nicht so…


Die Klitschkos sind ohne Frage die dominanten Boxer ihrer Ära. Aber was ist das für eine Ära? Das Schwergewicht war noch nie so talentfrei. Die Boxer heute wollen leben. Wein, Weib, Gesang. Aber so geht das nicht, wenn man sich dem Sport nicht opfert, opfert er dich im Ring. Die Klitschkos sind gut, aber sie sind keine Legenden. Ich würde sie vielleicht auf eine Stufe mit Mike Tyson stellen, der war der letzte Schwergewichtler, der die Menschen begeistert hat. Aber die Gegner, die er besiegt hat, rechtfertigen keinen Legendenstatus.


Wie hätten sich denn in Ihren Augen die Klitschkos in Ihrer Ära, die man als die goldene des Boxens bezeichnet, geschlagen?


Sie wären sehr gute Sparringspartner für mich gewesen, aber nicht mehr. Wenn sie lange genug von Boxern wie mir oder Muhammad Al hätten lernen können, hätten sie vielleicht die Chance gehabt, was Großes zu werden. So haben sie Boxer geschlagen, die zu unserer Zeit das Box-Gym hätten reinigen dürfen. Ich war siebeneinhalb Jahre durchgehend Weltmeister, das ist Rekord. Aber wenn ich heute boxen würde, würde ich wahrscheinlich 15 Jahre Weltmeister sein.


Naja, die Klitschkos haben das Schwergewicht in einer Weise leergefegt, wie es das noch nie gab, sie verbreiten Angst und Schrecken bei ihren Gegnern.


Ich verrate Ihnen mal was, zu meiner Zeit gab es Boxer wie George Foreman, Joe Frazier. Ich habe so hart trainiert, weil ich Angst vor ihnen hatte. Aber vor welchem Boxer sollte ich heute Angst haben? Die sind alle zu eindimensional, sind nicht in der Lage, Strategien zu ändern. Auch die Klitschkos nicht. Es gibt zwei Kategorien von Boxern. Es gibt die reinen Boxer und es gibt die Puncher, die Schläger. Die Klitschkos sind mehr Puncher als Boxer. Puncher haben mir nie Probleme gemacht.


Naja, Mike Tyson hat Sie ausgeknockt…


Nicht Tyson hat mich besiegt, ich habe mich besiegt. Ich war schon zurückgetreten, aber das Geld, das man mir geboten hat, war gut, also habe ich den Kampf gemacht. Wäre ich normal vorbereitet gewesen, hätte ich Tyson besiegt.


Wer war in Ihren Augen der größte Boxer aller Zeiten?


Sie sprechen mit ihm.


Die meisten würden Joe Louis oder Muhammad Ali sagen.


Ja, aber ich bin mir sicher, dass ich zu meiner besten Zeit jeden Boxer zu seiner besten Zeit besiegt hätte. Das ist meine Meinung. Ali sagte das Gleiche über sich, Louis über sich, Rocky Marciano über sich. Es gibt wohl viele Größte. Aber Sie haben mich gefragt und so wie ich es sehe, bin ich der Größte.


Wir sprachen über die momentane Situation im Schwergewicht: Was muss passieren, damit die Königsklasse ihren alten Glanz wiederbekommt?


Holt uns alte Jungs aus dem Ruhestand, das ist die einzige Chance. Wir sind vielleicht nicht mehr die Schnellsten, aber wir haben unser Handwerk nie verlernt.


In Ihrem Kampf gegen Ihren alten Mentor Muhammad Ali sah es am Ende so aus, als hätten Sie nicht mehr zuschlagen wollen. War das der für Sie mental schwerste Kampf?


Ohne Zweifel. Ali war mein Freund, mein Idol. Es war nicht so, dass ich ihn gehasst habe, dass ich ihn töten wollte, ich bin gegen ihn angetreten, weil man mir dafür viel Geld gezahlt hat. Ich habe das Boxen nie geliebt. Welcher Mensch mag es, ins Gesicht geschlagen zu werden? Es war nur etwas, was ich konnte. Es war mein Weg aus der Armut. Ich stamme aus einer Familie, die war so arm, dass selbst die Armen sagten, die sind arm. Ich habe nach der siebten Klasse die Schule verlassen, damit ich Geld nach Hause bringe. Beim Boxen habe ich mehr gemacht als beim Laster fahren.


Glauben Sie, dass Ihr Mangel an Bildung einer der Gründe war, warum Sie ein sehr unbeliebter Champion waren?


Ich weiß es nicht. Ich kann lesen, was auf der Speisekarte steht und ich kann das Geld zählen, das man mir als Börse gezahlt hat. Es reicht für die wichtigen Dinge. Aber Spaß beiseite, ich bin der unterbewertetste Champion aller Zeiten. Jetzt sagt man oft, wie toll ich war. Wo waren diese Leute, als ich Champion war? Ich habe immer alles getan, damit man mich mag. Ich habe nie ein Autogramm verweigert, habe jedes Baby geküsst. Aber je mehr ich versuchte, dass man mich liebt, umso mehr wurde ich gehasst.


Sie waren auf dem Weg, den Rekord von Marciano zu brechen, der nach 49 Kämpfen unbesiegt abtrat, doch dann verloren Sie eine mehr als umstrittene Entscheidung gegen Michael Spinks. Denken Sie, dass man verhindern wollte, dass der ungeliebte Schwarze den Rekord des Weißen Marciano bricht?


Man wollte verhindern, dass ich den mir zustehenden Platz in der Geschichte kriege. Die Kampfrichter haben so entschieden. Das ist okay, sie müssen sich vor einem höheren Gericht dafür verantworten. Ich weiß nicht, ob es Rassismus war, der zu der Entscheidung führte, ich war den Leuten zu unbequem, weil ich die Wahrheit sagte. Das hat mir viele Feinde eingebracht, aber es gibt keinen anderen Weg als die Wahrheit.


Dann erzählen Sie doch mal die Wahrheit über Ihr erstes Zusammentreffen mit dem großen Muhammad Ali?


Ich werde das erste Sparring nie vergessen. Ich kam als niemand ins Gym und Ali gab mir eine Lehrstunde. Er schlug mir ein Veilchen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich war. Ich war der stolzeste Mensch der Welt. Ich hatte ein Veilchen von Muhammad Ali, dem größten Boxer damals. Ich habe alles getan, damit dieses Veilchen so lange als möglich sichtbar war. Das war das tollste Geschenk, dass ich je erhalten habe.


Was empfinden Sie, wenn Sie ihn nun von Parkinson gezeichnet sehen?


Sie sagen, das es Parkinson ist.


Was sagen Sie?


Wie gesagt, ich sage immer die Wahrheit. Ich sage, dass es Demenz ist. Demenz, die durch viel zu viele Schläge ausgelöst wurde, die er eingesteckt hat. Das ist eine Tragödie, der Mann, der mit dem Mund fast noch schneller als mit den Fäusten war, kann sich schon seit Jahren nicht mehr artikulieren. Das ist traurig, das tut weh. Aber Boxen ist ein brutaler Sport, das ist die Wahrheit.

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