Boxen: Wladimir Klitschko vor dem Joshua-Fight - auf der Suche nach sich selbst

Für Wladimir Klitschko geht es bei dem WM-Kampf gegen Anthony Joshua um mehr als nur Titel. Es geht darum, das Box-Debakel gegen Tyson Fury vergessen zu machen und seinen Ruf wiederherzustellen.
| Matthias Kerber
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Will seinen Ruf wiederherstellen: Wladimir Klitschko (l.), hier bei der bitteren Niederlage gegen Tyson Fury im November 2015.
dpa Will seinen Ruf wiederherstellen: Wladimir Klitschko (l.), hier bei der bitteren Niederlage gegen Tyson Fury im November 2015.

London - Er sah aus wie Wladimir Klitschko. Er bewegte sich wie Wladimir Klitschko. Doch wer um Himmels Willen war dieser Kerl, der an diesem 28. November 2015 beim WM-Kampf gegen Tyson Fury im Ring stand? Das, was dieser Kerl da zeigte, hatte nichts mit dem Wladimir Klitschko zu tun, der fast ein Jahrzehnt lang die Boxszene mit der Urgewalt seiner Stahlhammer-Fäuste regiert hatte.

Klitschko hat sich den Kampf auf Video angeschaut. Doch eine Erklärung hat er nie so recht gefunden für diese Nichtleistung im Ring. "Ich habe viele Fragezeichen", gestand Klitschko, der an diesem Abend alle WM-Gürtel durch eine klare Punktniederlage verloren hatte, der AZ, "ich habe einfach meine Fäuste nicht eingesetzt."

Nicht nur das. Klitschko hat nicht gekämpft. Er wirkte ängstlich, gehemmt, wie ein Schatten seiner selbst. An diesem Abend sah er so aus, wie ihn seine Kritiker, die ihn gerne als langweiligen, vorsichtigen Fighter abtun, der nur aufgrund seiner überlegenen Physis gewinnen würde, dargestellt hatten. "Wladimir hatte den Kampf verloren, bevor er überhaupt in den Ring gestiegen ist", sagte die britische Box-Ikone Johnny Nelson, Cruisergewichtsweltmeister von 1999 bis 2006, der AZ. "Fury hat es geschafft, in Wladimirs Kopf einzudringen, mit seinen Mätzchen zu verunsichern. Bei einem Rematch würde das Gleiche passieren. Wladimir schlägt alle Boxer, die orthodox boxen, aber wenn einer so unberechenbar ist wie Fury, weiß er nicht, wie er dem Herr werden soll", sagte Nelson, der als Experte für Sky Sports in Großbritannien arbeitet.

Klitschko: Fury hat sich selbst zerstört

"Ganz ehrlich? Das war nicht mein Bruder Wladimir da im Ring. Ich habe ihn nicht erkannt", sagte Vitali Klitschko, der als Augenzeuge dieser Demontage zum Zuschauen verurteilt war: "Wladimir hat nichts gezeigt. Das hat mich geschockt. Geschwindigkeit? Nicht da. Kondition und Power? Nicht da. Schläge und Distanzgefühl? Nicht da. Ich stehe vor einem Rätsel."

Genau wie Wladimir. Er machte sich auf die Suche nach sich selbst. Alle Mitglieder seines Box-Teams – Trainer, Physios, Camp-Manager – bat er zu Einzelgesprächen. Was war schief gelaufen? Wo lag die Ursache? Doch alles war wie immer. In diesem Moment wusste Klitschko: Es gab nur einen Schuldigen. Den sah er jeden Tag, wenn er in den Spiegel blickte. "Ich allein habe die Verantwortung für das, was passiert ist. Nur der Kopf entscheidet über Sieg und Niederlage", sagte der 41-Jährige, "aber Fury ist Geschichte. Ich habe auf ihn ein Jahr gewartet. Er hat sich in der Zwischenzeit selbst zerstört." Drogen, Alkohol, Fressattacken, Depressionen, Sperre. Furys einzige Gegner sind im Moment seine eigenen Dämonen.

Die Zukunft heißt Anthony Joshua. Gegen den britischen Olympiasieger von 2012 steigt Klitschko, Olympiasieger von 1996 in Atlanta, am Samstag vor 90.000 Fans im Wembley-Stadion in den Ring. Es geht für Klitschko nicht nur darum, zu gewinnen, sich die Gürtel, die er sich so lange um die Six-Pack-Taille schnüren konnte, zurückzuholen. Es geht vor allem um ihn selbst. "Ich will mir selber zeigen, dass ich auf mich stolz sein kann."

Schafft der Stahlhammer die Triple-Krönung?

Es ist sein 29. WM-Kampf, Weltrekord im Schwergewicht. 68 Profi-Kämpfe hat Dr. Stahlhammer bestritten, nur vier (1998 Ross Puritty, 2003 Corrie Sanders, 2004 Lamon Brewster, 2015 Fury) davon verloren. "Doch die Leute reden fast nur über diese Niederlagen", sagte Klitschko, "deswegen freue ich mich auf den Kampf gegen Joshua. Es ist der größte Fight meiner Karriere. Man wird sehen, hat es der alte Mann noch drauf?"

Sollte Klitschko abermals den Box-Thron besteigen, wäre er zum dritten Mal König der schweren Jungs. Nach 2001 und 2006, als er sich jeweils von Chris Byrd die Insignien der Box-Macht mit schlagkräftigen Argumenten geholt hatte. Den Grundsatz des Schwergewichts "They never come back – sie kommen nie zurück" zwei Mal zu durchbrechen, haben nur wenige Boxer geschafft: Muhammad Ali, Lennox Lewis, Vitali Klitschko, Michael Moorer und Evander Holyfield erboxten sich die Triple-Krönung, Granden wir Sonny Liston, Joe Frazier, George Foreman, Joe Louis, Larry Holmes oder Mike Tyson scheiterten daran.

Jetzt also Klitschkos große Chance auf Unsterblichkeit in der Box-Historie. "Rekorde sind schön, aber es geht jetzt nur um mich", so Klitschko. Er will sich selbst etwas beweisen, sich selber finden.

Lesen Sie hier das AZ-Interview mit Klitschkos Trainer Jonathon Banks:

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