Boris Becker: "Die Grube ist riesengroß"

Vor dem Beginn der BMW Open rechnet Boris Becker mit dem deutschen Tennis und dessen Talentförderung ab – und lobt nur Kerber, Petkovic und Haas. Er fühlt sich furchtbar missverstanden
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Berlin - Boris Becker ist wieder auf der Tour unterwegs. Nein, nicht auf der ATP-Tour, so wie zu seinen Zeiten als Tennisprofi – Becker zockt auf der European Poker Tour. Jüngst wurde er beim Turnier in Berlin 49. – das bisher beste Ergebnis seiner „Karriere”.

Kappe, Lederjacke, Sonnenbrille, Pokerface: Diese Rolle gefällt dem ehemaligen Weltranglisten-Ersten und dreimaligen Wimbledon-Sieger. Wenn es allerdings um den Ist-Zustand des deutschen Tennis und, vor allem, um sein persönliches Bild in der Öffentlichkeit geht, dann hört für Becker der Spaß allerdings ganz schnell auf.

„Die Grube, in die das deutsche Tennis gefallen ist, ist riesengroß. Da kommt man nicht in einem oder zwei Jahren raus. Das dauert viel länger”, sagt Becker. Vor allem bei den Männern sieht er eine düstere Zukunft. „Die sensationellen Erfolge sind derzeit Mangelware. Es geht ja schon seit einigen Jahren so, dass die Frauenriege deutlich stärker ist als die Männerriege”, sagt der 45-Jährige: „Da darf man natürlich auch das Hickhack um das Davis-Cup-Team mit dem Rücktritt von Patrick Kühnen nicht verschweigen.”

Vieles hänge, so Becker, von den Führungspersönlichkeiten und deren Einstellung ab. „Das sind aber alles Einzelunternehmer. Gerade der Philipp (Kohlschreiber, Anm. d. Red.) denkt ein bisschen mehr an sich als an die Nationalmannschaft oder das Olympiateam”, sagt Becker: „Das ist schade, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Bei den Damen ist das aber anders. Deswegen werden auch die Erfolge medial mehr wahrgenommen.”

Explizit von seiner Kritik verschont blieben die deutschen Frauen um Angelique Kerber und der 35-jährige Tommy Haas. Er selbst habe Haas ein solches Comeback nicht zugetraut. Ein „kleines Sportwunder” sei der gebürtige Hamburger, der derzeit als bester Deutscher auf Platz 14 der Weltrangliste liegt. Neben Haas machen Becker aber zumindest die deutschen Frauen Mut – vor allem die Weltranglistensechste Angelique Kerber. „Angelique spielt fantastisch. Sie ist häufig die letzte Mohikanerin. Nur durch sie weiß man, dass auch in Deutschland noch Tennis gespielt wird”, sagt Becker. Auch die immer wieder vom Verletzungspech gebeutelte Andrea Petkovic hat Eindruck hinterlassen: „Ich hoffe, Andrea findet den Weg wieder zurück in die Top Ten.”

Bei der Nachwuchsförderung fordert Becker einen kompletten Systemwechsel: „Wir haben viel zu lange an verkrusteten, alten Strukturen festgehalten”. Erfolgreiche Nationen verfolgten einen zentralistischen Ansatz: „Möglicherweise funktioniert das Tennis heute anders”, meint Becker – und schimpft über sein Image in Deutschland: „Ich war gerne der 17-jährige Leimener, mittlerweile bin ich aber 45. Was ich mit 20 oder 25 getan oder gesagt habe, hat nichts mehr damit zu tun, wie ich heute lebe”, sagt Becker, der in London lebt.

Für Oktober plant er ein neues Buch, um vielleicht doch mit Vorurteilen aufräumen zu können: „Man kann gerne kritisieren, was ich heute bin. Aber nicht, was ich vor zehn Jahren gemacht habe.” Heute ist Becker eben Pokerspieler.

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