AZ-Serie: Steffi Graf - Miss Vorhand gewinnt den Golden Slam

1988 war Grafs erfolgreichstes Jahr: Deutschlands Tennis-Queen gewann alle vier Grand-Slams und wurde in Seoul auch noch Olympiasiegerin – ein bis zum heutigen Tag einzigartiger Golden Slam.
| Thomas Becker
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Da is’ das Ding: Nach dem Finalsieg gegen Gabriela Sabatini (u.) gab’s für Steffi Graf Olympia-Gold, bei den Grand Slams dagegen Pokale.
imago images 2 Da is’ das Ding: Nach dem Finalsieg gegen Gabriela Sabatini (u.) gab’s für Steffi Graf Olympia-Gold, bei den Grand Slams dagegen Pokale.
Dehnen für Olympia: Steffi Graf mit ihrer Doppelpartnerin Claudia Kohde-Kilsch. In Seoul gewann das Duo 1988 die Bronzemedaille.
imago images 2 Dehnen für Olympia: Steffi Graf mit ihrer Doppelpartnerin Claudia Kohde-Kilsch. In Seoul gewann das Duo 1988 die Bronzemedaille.

München - Herrlich, diese Bilder! Gabriela Sabatini, wie sie langsam, fast genüsslich die für ihren Aufschlag so charakteristische Bogenspannung aufbaut, um dann den Ball dann mit Kick übers Netz zu schicken. Dumm nur, dass auf der anderen Seite des Platzes mal wieder diese Steffi Graf steht, die ihr schon so oft den Triumph vorenthalten hat – und das auch noch viele weitere Jahre tun sollte.

Graf ist im olympischen Finale von Seoul 1988 erst 19, Sabatini ein Jahr jünger – und mal wieder die Unterlegene, wie in 29 der insgesamt 40 Duelle. Auf besagten zweiten Aufschlag antwortet "Miss Vorhand" also mit einem Hochgeschwindigkeits-Return, gegen den die Argentinierin schlicht machtlos ist. Spiel, Satz und Sieg Graf, 6:3, 6:3. Klingt locker, dauerte aber fast eineinhalb Stunden. Egal, mit Olympia-Gold ist der Grundstein gelegt für eine bislang einzigartige Serie namens Golden Slam. Wie sagte der TV-Kommentator damals so treffend: "Was hat dieses Mädel geleistet in diesem Jahr!"

Steffi Graf gewann auch Bronze im Doppel

Stefanie Maria Graf aus Mannheim-Neckerau: eine Frau der Superlative. 107 Einzeltitel, knapp 22 Millionen Dollar Preisgeld und ein Matchbilanz von 900:115. Schon 1987, im Jahr vor den Olympischen Spielen in Seoul, hatte Nordkorea eine Sonderbriefmarke mit einem Bild von Steffi Graf herausgegeben, neben ihrem Namen stand nur ein Wort: "Winner", wohlgemerkt ein Jahr vor den Spielen. 1988 war das Jahr, in dem sie Sportgeschichte geschrieben hat: alle vier Grand Slams gewonnen plus Olympia. 14 Turniere hat sie in diesem Jahr gespielt, zwölf Mal im Finale gestanden, elf Mal gewonnen. Gesamtbilanz des Jahres: 72 Siege, drei Niederlagen, zwei davon gegen Sabatini. Im Jahr darauf war sie noch besser: 86:2. Unfassbar!

1988 war aber ihr erfolgreichstes Jahr: In Melbourne bei den Australian Open besiegte sie die Legende Chris Evert 6:1, 7:6, in Paris bei den French Open in der Rekordzeit von 32 Minuten die bemitleidenswerte Natalia Zwereva 6:0, 6:0, und in Wimbledon gelang ihr der erste Sieg gegen die ewige Platzhirschin Martina Navratilova.

Fehlte zum Golden Slam nach dem Olympiasieg in Seoul nur noch ein Sieg bei den US Open in New York, und den fuhr Graf dann auch noch ein – gegen Sabatini, in drei hochklassigen Sätzen. Damit war sie die erste Spielerin seit Margaret Court 1970 und die erst dritte Spielerin überhaupt, die einen Grand Slam vollenden konnte – nur eben noch mit dem Sahnehäubchen Olympia-Gold obendrauf. Dass sie mit Claudia Kohde-Kilsch auch noch Bronze im Doppel holte, empfand sie wohl eher als Niederlage.

Dehnen für Olympia: Steffi Graf mit ihrer Doppelpartnerin Claudia Kohde-Kilsch. In Seoul gewann das Duo 1988 die Bronzemedaille.
Dehnen für Olympia: Steffi Graf mit ihrer Doppelpartnerin Claudia Kohde-Kilsch. In Seoul gewann das Duo 1988 die Bronzemedaille. © imago images

1988: Steffi Graf wird Weltsportlerin des Jahres

Der Lohn für Olympia-Gold im fernen Südkorea: Küsschen von den ersten Gratulanten auf der Tribüne, Papa Peter und Betreuer Klaus Hofsäß und eine Siegerehrung im viel zu großen Sweatshirt des deutschen Olympia-Teams, zum letzten Mal mit der Länderkennung FRG (Federal Republic of Germany). Später gab’s noch 15 000 Mark vom Deutschen Sport-Bund, die Wahl zur Weltsportlerin des Jahres sowie die Ehrenbürgerschaft ihrer Heimatgemeinde Brühl.

Kein Wunder, dass sich das seit den Wimbledon-Siegen von Boris Becker in Euphorie badende Tennis-Deutschland und auch die Presse kaum in ihrer Begeisterung zügeln konnten. Als ein Reporter mal zu ihr meinte, dieser Golden Slam werde wohl bis in alle Ewigkeit einzigartig bleiben, meinte Graf trocken: "Nein, nein, man weiß ja gar nicht, wie lange es die Erde noch gibt."

1992: Finalniederlage gegen Jennifer Capriati

Und auch nach dem Sieg beim ersten olympischen Tennisturnier seit 1924, bei dem nun erstmals die Profis zugelassen waren, war sie nicht gerade euphorisch. Bei einer Feier mit Kaviar und Champagner im Hotel Ramada Renaissance hatte sie sich zwar in Schale geworfen und sogar ein wenig Schminke aufgelegt, ordnete den Olympiasieg aber ganz nüchtern ein: "Wimbledon war mir wichtiger."

Es blieb ihre einzige Goldmedaille bei Olympia: Beim nächsten Versuch 1992 scheiterte sie im Finale am US-Wunderkind Jennifer Capriati. In der Neuzeit stehen große Namen in der olympischen Siegerliste (Murray, Nadal, Kafelnikov, Agassi), einige fehlen aber: Roger Federer kam über Silber (2012) nie hinaus, Novak Djokovic holte gar nur Bronze (2008). Deutsche Medaillen haben ebenfalls Seltenheitswert: Das eigentlich unvereinbare Doppel Becker/Stich holte 1992 Gold, Tommy Haas gewann 2000 Silber, wie auch Angelique Kerber 2016 in Rio.

Letzterer gab Steffi Graf ab und zu mal Tipps, ganz diskret, wie es nun mal ihre Art ist, Golden Slam hin oder her. Ansonsten hält sie sich raus aus dem oft überhitzten Tennis-Business. Der Trubel ist nicht ihr Ding. Sie wollte immer nur spielen – und gewinnen. Nochmal Glückwunsch, Miss Vorhand, und danke für all die tollen Spiele!

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