Ex-Biathlon-Königin Laura Dahlmeier: Ich genieße die Freiheit

Laura Dahlmeier im AZ-Interview: Hier spricht die frühere Biathlon-Königin über ihr Karriereende und ihr neues Leben: "Jetzt habe ich auch die Zeit, neue Dinge zu entdecken, die mir Spaß machen", sagt sie.
| Simon Stuhlfelner
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"Ich würde die Entscheidung immer wieder so treffen", sagt Laura Dahlmeier über ihr Karriereende. Die 26-Jährige widmet sich nun vielen neuen Projekten: Ihrem Studium, dem Trainerschein und einem Kinderbuch.
"Ich würde die Entscheidung immer wieder so treffen", sagt Laura Dahlmeier über ihr Karriereende. Die 26-Jährige widmet sich nun vielen neuen Projekten: Ihrem Studium, dem Trainerschein und einem Kinderbuch.

Laura Dahlmeier ist zweimalige Olympiasiegerin und siebenmalige Weltmeisterin im Biathlon. Nach der vergangenen Saison hat sie ihre Karriere beendet.

AZ: Frau Dahlmeier, an diesem Wochenende beginnt die neue Biathlon-Saison – ohne Sie. Hand aufs große Sportlerherz: Bereuen Sie die Entscheidung, Ihre Karriere beendet zu haben?
LAURA DAHLMEIER: Nein, ich würde die Entscheidung immer wieder so treffen. Ich habe das ja auch sehr überlegt und bewusst entschieden. Ich war in letzter Zeit so viel unterwegs, dass mir überhaupt nicht langweilig geworden ist. Aber ich freue mich jetzt wahnsinnig, dass es losgeht und bin schon gespannt, wie es so ist, die Saison vor dem Fernseher zu verfolgen – oder an der Strecke mitzufiebern.

Sie haben ja gleich etliche neue Projekte angepackt. Stillsitzen ist für Sie nichts, oder?
Ich stelle mir gerne neue Aufgaben und Herausforderungen. Manchmal sogar ein bisschen zu viele (lacht). Jetzt habe ich die Zeit, den Blick nach links und rechts zu richten und neue Dinge zu entdecken, die mir Spaß machen. Und das nicht mit dem gleichen Druck und der gleichen Intensität wie im Leistungssport, sondern eben breiter gefächert – und das finde ich super.

Eines dieser neuen Dinge ist Ihr Studium der Sportwissenschaften, das Sie in München begonnen haben. Es ist sicher ungewohnt für Sie, so lange still am Schreibtisch zu sitzen.
An das muss man sich tatsächlich erst gewöhnen. Abends schaue ich dann aus dem Fenster und denke mir: "Krass, jetzt bist du wieder den ganzen Tag drin gesessen." Als Ausgleich fahre ich mit dem Radl zur Uni, und zum Glück sind in meinem Studium, auch wenn es eher theoretisch ist, viele sportbegeisterte Leute, mit denen ich abends noch zum Bouldern (eine Variante des Kletterns, die oft auch Indoor betrieben wird, d. Red.) oder in den Kraftraum gehen kann, damit ich noch ein bisschen Bewegung bekomme.

Dahlmeier: "Diesen Winter genieße ich nun erstmal"

Sie machen auch den Biathlon-Trainerschein. Kristallisiert sich schon heraus, in welche Richtung es beruflich gehen soll?
Da bin ich total offen. Aktuell möchte ich einfach neue Erfahrungen sammeln und meine praktischen Erlebnisse der letzten Jahre mit theoretischem Wissen untermauern. Was dann letztendlich dabei rauskommt, bleibt offen.

Könnten Sie sich vorstellen, im Biathlon zu arbeiten?
Aktuell nicht unbedingt, aber das kann sich jederzeit ändern. Ein Grund, meine Karriere zu beenden, war ja, dass ich nicht mehr jedes Wochenende von einem Ort zum nächsten tingeln wollte. Diesen Winter genieße ich nun erstmal, wenn ich mehr zuhause bin. Aber wer weiß schon, was in drei oder fünf Jahren ist?

Vor zwei Wochen waren Sie bei der Berglauf-WM am Start, für die Sie sich mehr zufällig denn geplant qualifiziert haben. Wie waren Ihre Eindrücke dort?
Allein die Anreise nach Argentinien war schon ein Abenteuer, weil ich an jedem Flughafen hängengeblieben bin, an dem man hängenbleiben konnte. Es hat über 60 Stunden gedauert, bis ich vor Ort war, was leider auch die Vorbereitung ein bisschen beeinträchtigt hat. Vor Ort hat’s mir dann aber richtig gutgetan. Wir hatten eine brutale Strecke – keinen Meter geradeaus, sondern rauf, runter, rechts, links. Oben ging es dann über ein großes Schneefeld, auf das ich mich schon am meisten gefreut hatte. Da ist es mir richtig gut ergangen, aber ansonsten muss man sagen, dass die Konkurrenz echt stark ist – und die Post ganz schön abgeht. Es hat mich glücklich und dankbar gemacht, dass ich mit einer ordentlichen Zeit durchgekommen bin.

Ein weiteres Ihrer Projekte ist ein Kinderbuch über den bewussten Umgang mit der Natur und den Bergen. Machen Sie sich Sorgen über den Klimawandel?
Ich finde, der Klimawandel ist ein Thema, das uns alle angeht und bei dem man nicht wegschauen sollte. Ich spüre ja selber auch, wenn ich in der Natur unterwegs bin, dass sich etwas ändert. Es hat mir besondere Freude gemacht, dass ich das Buch für Kinder schreiben konnte. Von manchen Eltern habe ich schon gehört, dass die Kinder plötzlich sagen: "Du, Papa, können wir nicht auch den Fernseher ausstecken?" Oder: "Lass uns doch mal öfter Zug fahren." Ich finde es schön, wenn man mit so einem Buch zum Nachdenken anregen kann.

Nach dem Karriereende: Diese Dinge vermisst Dahlmeier

Was halten Sie von der Fridays-for-Future-Bewegung um Greta Thunberg?
Ich möchte nicht diejenige sein, die sich mit erhobenem Zeigefinger hinstellt und sagt: "Wir müssen aber..." Dafür fliege ich selbst zu oft mit dem Flugzeug oder bin mit dem Auto unterwegs, da muss ich mich schon an der eigenen Nase packen. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir alle Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen. In welchem Ausmaß, das muss jeder selbst entscheiden. Ich finde es auch wichtig, ein Signal nach oben in die Politik zu senden, dass uns dieses Thema wichtig ist. Ich bin aber nicht die Person, die am Freitag demonstrieren geht, sondern ich versuche, in einem Gespräch – oder etwa mit dem Buch – ein Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen.

Sie haben eingangs gesagt, dass Sie Ihre Entscheidung zum Karriereende nicht bereuen. Gibt es auch Sachen, die Sie vermissen?
Ja, klar, die gibt es. Zum Beispiel das Training mit den Kolleginnen. Sich ins Sommertraining reinzufuchsen und gemeinsam für ein Ziel zu kämpfen, alle Einzelheiten bis ins Detail auszuarbeiten, das sind schon superschöne Sachen. Oder die Konzentration beim Schießtraining, wo man völlig in diese Welt eintaucht und nichts anderes mehr zählt. Das ist etwas, was man im Alltag gar nicht hat und was mir schon abgeht. Und natürlich das Gefühl, ein erfolgreiches Rennen zu bestreiten und den Jubel des Publikums entgegenzunehmen. Andere Dinge, wie zum Beispiel die unmittelbare Saisonvorbereitung, die meine früheren Kolleginnen zuletzt in Norwegen gemacht haben, vermisse ich nicht. Dieses Gefühl, wenn man nicht weiß, was man von der neuen Saison zu erwarten hat, ist nicht nur angenehm.

Dahlmeier über ihr Karriereende: Der Körper gab Signale

Was genießen Sie am meisten von der neugewonnenen Zeit nach dem Karriereende?
Die Freiheit, wieder selbst über sich und seine Zeit zu bestimmen und die Entscheidungen selbst zu treffen. Dass nicht schon im April klar ist, wo ich die nächsten zwölf Monate verbringen werde, wann ich wohin an- und abreisen muss. Und, dass mein Körper jetzt einfach mal durchschnaufen kann. Auch wenn ich mich gerne plage: Drei Rennen an einem Wochenende, das brauche ich nicht mehr.

War das mitausschlaggebend für Ihre Entscheidung, die Karriere zu beenden?
Ich habe schon körperliche Signale bekommen, dass es an der Zeit ist, kürzer zu treten. Ein anderer wichtiger Aspekt war, dass ich alles erreicht habe und mir die Frage gestellt habe: Will ich das immer wieder machen? Oder gibt es auch andere Dinge im Leben, die mich interessieren? Letzten Endes habe ich in mir gespürt, dass es Zeit für etwas Neues ist.

Lesen Sie auch das AZ-Interview mit Josef Ferstl:

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