Promis auf Doping-Liste

 Der Weltverband UCI hat namhafte einheimische Fahrer sowie Profis anderer Nationen bei der Tour de France 2010 auf eine interne Doping-Verdachtsliste gesetzt.
| dpa
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Die Elite des deutschen Radsports ist in Aufruhr. Der Weltverband UCI hat namhafte einheimische Fahrer sowie Profis anderer Nationen bei der Tour de France 2010 auf eine interne Doping-Verdachtsliste gesetzt.

Paris - Das Geheim-Papier der UCI, das alle Namen der Teilnehmer der Tour des vergangenen Jahres umfasst, veröffentlichte die französische Sportzeitung "L'Équipe" am 13. Mai. Der Weltverband bestätigte die Existenz der Liste und kündigte eine Untersuchung an, wie die internen Informationen an die Öffentlichkeit gelangten. "Wir suchen die undichte Stelle", teilte der Verband mit.

Alle 198 Tourstarter des Vorjahres waren nach einem Punktsystem von null (kein Dopingverdacht) bis zehn (sehr starker Verdacht) beurteilt worden. Der in der Schweiz lebende deutsche Sprinter Danilo Hondo, nach einer Dopingsperre seit 2007 wieder starberechtigt und bei Lampre in Italien beschäftigt, wurde mit acht Punkten bedacht. Er wies die Verdächtigungen auf dpa-Anfrage zurück. Routinier Jens Voigt war "sauer", dass er zwei und nicht null Punkte aufwies. Grundlagen der Klassifizierungen waren die Werte der Blutpässe der Profis und die Ergebnisse der obligatorischen Untersuchung aller Teilnehmer am 1. Juli 2010 unmittelbar vor Tourstart.

Zweimal sechs und zweimal sieben Punkte wurden anderen deutschen Spitzen-Profis zuerkannt. Der 39-jährige Voigt, der am Samstag am Start der Kalifornien-Rundfahrt steht, hielt die Liste auf Anfrage "für nicht so bedeutend, wie sie erscheinen mag. Meine Werte waren immer korrekt", sagte der gebürtige Mecklenburger.

Null Punkte und damit eine Einstufung als unverdächtig erhielten unter anderen der mehrfache Zeitfahr-Weltmeister und Olympiasieger Fabian Cancellara (Schweiz), der zweifache deutsche Meister Fabian Wegmann (Freiburg) und der frühere Zeitfahr-Weltmeister Bert Grabsch (Lutherstadt Wittenberg). Der dreifache Toursieger Alberto Contador kam auf fünf Punkte. Gegen den Spanier läuft zur Zeit ein Dopingverfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS, das im Juni abgeschlossen werden soll.

Contador war als einzigem Fahrer der Tour 2010 Doping nachgewiesen worden. Er war positiv auf das Kälbermastmittel Clenbuterol getestet worden, bestreitet aber eine Dopingabsicht und schob die erhöhten Werte auf den Verzehr eines kontaminierten Steaks. Die Existenz des Doping-Rankings sei laut Tour-Direktor Christian Prudhomme "der Beweis, wie ernst es dem Radsport in seinem Anti-Doping-Kampf ist". Das jetzt veröffentlichte Papier sei "ein Extra-Werkzeug" in diesem Kampf.

Hondo wies die Verdächtigungen zurück. "Das überrascht mich sehr. Jetzt muss die UCI erklären, wie es zu solchen Listen kommt. Es geht um Rufschädigung. Ich kann für mich nur sagen, dass meine Werte gleichbleibend und unauffällig waren. Jeder, der will, kann meine Werte einsehen. Nach Ende der Tour 2010 wurde ich dreimal kontrolliert und in diesem Jahr erst zweimal. Bei einem angeblich Hochverdächtigen wäre das doch sehr wenig", sagte der 37-jährige Wahlschweizer am Freitag vor dem Start der 7. Etappe des Giro d'Italia in Maddaloni.

Laut "L'Équipe" signalisiere die Sparte sechs bis zehn Punkte einen "überwältigenden Verdacht", was Sanktionen nach sich ziehen muss. Von null bis eins gelte der Fahrer laut UCI-Liste als "sauber". Von zwei bis vier gelte ein geringer Verdacht, der von gewissen Abweichungen in den Blutprofilen gespeist wird.

Zwei Fahrer erhielten die volle Punktzahl, ein Profi neun Punkte. In der Hondo-Gruppe mit acht Punkten befinden sich weitere zehn Profis. 49 der 198 klassifizierten Fahrer gelten mit null Punkten als sauber, 27 mit Werten über sechs als stärker verdächtigt. Darunter seien nur drei der ersten 20 der vergangenen Tour, die von Contador vor Andy Schleck (Luxemburg) und Denis Mentschow (Russland) gewonnen wurde.

"Das Dokument war ausschließlich für die UCI und die externen Experten der Welt-Anti-Doping-Agentur vorgesehen. Es gelangte in die Hände Außenstehender. Dieser Bruch der Vertraulichkeit ist eine ernste Angelegenheit, und wir werden eine Untersuchung einleiten", teilte die UCI laut "Cyclingnews" mit. Der in erhebliche Erklärungsnot geratene Verband kündigte über seinen Sprecher Enrico Carpani eine ausführlichere Stellungnahme an.

Der routinierte Sprinter Robbie McEwen vom US-Team RadioShack kritisierte das Geheimpapier. "Ich bin dafür, dass die Betrüger gestellt werden, aber das geht zu weit", sagte der Australier. Sein Sprint-Kollege Mark Cavendish (Großbritannien) vom HTC Highroad-Team, wie McEwen beim Giro beschäftigt, fragte in Maddaloni: "Also sind alle Tourstarter von 2010 verdächtig, aber wie verdächtig?"

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