Formel 1: Die neue Bescheidenheit

Radmuttern für 1000 Euro? Privatjets für Rennfahrer? Das war einmal. Wenn am Sonntag die Formel-1-Saison beginnt, dann zeigt sich, wie die Teams mit der Finanzkrise umgehen. Die Branche spart heuer eine Milliarde Euro ein.
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BMW drosselte das Budget um 150 Millionen Euro.
AP BMW drosselte das Budget um 150 Millionen Euro.

MÜNCHEN - Radmuttern für 1000 Euro? Privatjets für Rennfahrer? Das war einmal. Wenn am Sonntag die Formel-1-Saison beginnt, dann zeigt sich, wie die Teams mit der Finanzkrise umgehen. Die Branche spart heuer eine Milliarde Euro ein.

Es sind oft Kleinigkeiten, die die größte Symbolkraft haben. „Ich werde dieses Jahr nur in der Economy Class zu den Rennen fliegen“, erzählte Timo Glock Mitte der Woche in Melbourne. Glock (27) hat mal Gerüstbauer gelernt, ehe er sich ganz der Rennfahrerei verschrieb. Seit einem Jahr ist der Odenwälder beim Toyota-Rennstall angestellt, bei jenem Team also, das in der Formel 1 noch nie durch einen ausgeprägten Sparwillen aufgefallen ist.

400 Millionen Euro hat der Rennstall mit Sitz in Köln in der letzten Saison fürs Vollgas-Kreiseldrehen verballert, mehr als alle anderen Teams. In der am Sonntag beginnenden neuen Saison (8 Uhr, RTL und Premiere live) will Glock mindestens ein Rennen gewinnen. Und das, obwohl sein Rennstall heuer rund 120 Millionen Euro weniger ausgeben will als zuletzt.

"Es geht ums Überleben", sagt sogar Formel-1-Playboy Flavio Briatore

Längst hat die Finanz- und Automobilkrise auch die Formel 1 erreicht. In Zeiten, in denen die Mitarbeiter bei BMW oder Mercedes daheim Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen und Kurzarbeit angesagt ist, wollen auch die teuersten Mitarbeiter der Automarken vorangehen. Insgesamt eine Milliarde Euro weniger als 2008 werden die zehn Rennställe heuer ausgeben. Durch das Verbot von Testfahrten während der Saison, längere Motorenlaufzeiten und simpler konstruierte Autos konnten BMW, Mercedes, Renault, Toyota und Ferrari die Budgets durchschnittlich um rund ein Drittel senken. 2010 will die Branche noch einmal 500 Millionen Euro günstiger werden.

Die Zeiten, in denen einfache Radmuttern 1000 Euro kosteten und nach einmaligem Gebrauch einfach weggeschmissen wurden, Ingenieure hochsensible Felgen konstruierten, die oftmals schon beim Aufziehen auf die Reifen auseinanderbarsten, die Spice Girls zu Präsentationen eingeflogen wurden und Piloten grundsätzlich nur per Privatjet zu den Rennen düsten, die sind auch im weltweit agierenden Vollgas-Wanderzirkus vorbei.

„Es geht ums Überleben“, sagt etwa Renault-Teamchef Flavio Briatore. Ausgerechnet der Prototyp des verschwendungssüchtigen Formel-1-Playboys reduzierte seinen Fahrern das Gehalt. Der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso wird heuer 13 statt 20 Millionen Euro verdienen; Jenson Button bekommt beim neuen Brawn-Rennstall acht statt 16 Millionen Euro – Brawns Vorgängerteam Honda hatte sich im Dezember wegen der Finanzkrise aus der Formel 1 zurückgezogen. „Ich will der Mannschaft nicht zu sehr auf der Tasche liegen“, sagte Button.

Heidfeld zahlt sein Erste-Klasse-Ticket lieber selbst

Auf Geld müssen Robert Kubica und Nick Heidfeld vorerst nicht verzichten. Die Gehälter der beiden BMW-Piloten liegen eher im unteren Mittelfeld der Branche. Die Krise spüren aber auch sie. Kubica setzte sich bei seinem Flug nach Australien zu seinen Mechanikern in die Holzklasse. „Ich brauche den Luxus nicht“, sagte er. Heidfeld zahlte die Erste-Klasse-Tickets für sich und seine Familie aus eigener Tasche. Zu den Europarennen will aber auch der Mönchengladbacher Economy fliegen. „Jeder Euro wird zwei Mal umgedreht“, sagt Heidfeld. „Wer glaubte, dass wir von der Krise verschont bleiben würden, war naiv.“ Die bequemen Sitze in der Business Class sind nur noch Motorsportchef Mario Theissen und Top-Ingenieur Willy Rampf vorbehalten – und Team-Pressesprecher Jörg Kottmeier; der ist mit seinen über zwei Metern Körpergröße schlicht zu groß für die Economy.

Überhaupt gilt BMW in der Formel 1 als Vorreiterteam in Sachen Sparen. Der Rennstall operiert von allen Top-Teams mit den wenigsten Mitarbeitern (rund 350) und reduzierte den Etat von rund 350 Millionen auf deutlich unter 200 Millionen Euro. Theissen, der nüchterne Ingenieur, gilt unter den Teamchefs zudem als größter Fürsprecher einer vernünftigen Budgetobergrenze – und als Gegenmodell zu den Show- und Glamourgrößen der Branche wie Briatore. Aber auch Theissen weiß, dass das Formel-1-Engagament der Marke auch im BMW-Vorstand nicht mehr unumstritten ist. Für Nachfragen nach dem Sinn des Kreiseldrehens hat sich Theissen eine Formel zurechtgelegt, die er gebetsmühlenartig wiederholt. „Die Formel 1 bringt BMW aus Gesichtspunkten des Marketing und der Technologieentwicklung deutlich mehr ein, als sie kostet“, sagt er. Jedes Jahr werde das Engagement intern geprüft – dieses Jahr würde die Formel 1 dem Haus mehr bringen denn je. „Gerade in Krisenzeiten brauchen wir Marketing“, sagt Theissen. Dass sich die Piloten in die Holzklasse setzen, kann da sicher nicht schaden.

Filippo Cataldo; Mitarbeit: Peter Hesseler

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