Als Bob Beamon der Jahrtausend-Sprung gelang

Bob Beamons Fabelsatz auf 8,90 Meter gilt als eine der größten Leistungen der Sportgeschichte. Doch der Weitspringer blieb stets ein Suchender.
| Simon Stuhlfelner
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"Der Sprung ins nächste Jahrtausend": Bob Beamon springt bei den Olympischen Spielen in Mexiko Stadt 8,90 Meter.
imago images 2 "Der Sprung ins nächste Jahrtausend": Bob Beamon springt bei den Olympischen Spielen in Mexiko Stadt 8,90 Meter.
Bei der Siegerehrung: Beamon mitRalph Boston (l.) und DDR-SpringerKlaus Beer, der Zweiter wurde.
United Press/dpa 2 Bei der Siegerehrung: Beamon mitRalph Boston (l.) und DDR-SpringerKlaus Beer, der Zweiter wurde.

Bob Beamons Fabelsatz auf 8,90 Meter gilt als eine der größten Leistungen der Sportgeschichte. Doch der Weitspringer blieb stets ein Suchender.

Eigentlich schien es so, als würde dieser 18. Oktober 1968 nicht der Tag des Bob Beamon werden. Es war der Tag des Weitsprung-Finals bei den Olympischen Spielen von Mexiko, und Beamon war einer der großen Favoriten. Doch der junge Mann, damals 22, der in der New Yorker Bronx aufgewachsen war, hatte am Abend zuvor ordentlich gezecht. Und bereits in der Qualifikation war er nach zwei ungültigen Versuchen vor dem Aus gestanden, erst der Rat seines Teamkollegen Ralph Boston, des damaligen Weltrekordlers, der ihm einen Sicherheitssprung empfahl, verhalf ihm ins Finale. Was dort folgte, sollte Sportgeschichte schreiben.

Doch von vorn: Es war keine leichte Zeit für Beamon, der in seinem Leben stets ein Suchender war. Seine Stütze in den frühen Lebensjahren, die geliebte Mutter, starb, als er noch ein Kind war. In der Schule war der Bub abwechselnd mal Streithammel, mal Clown, immer auf der Suche nach Halt. Zur Zeit der Spiele von Mexiko lebte er frisch getrennt von seiner damaligen Ehefrau. Und kurz bevor sein olympischer Traum Realität werden sollte, wurde er auch noch von seiner Universität in El Paso ausgeschlossen, weil er sich als schwarzer Athlet geweigert hatte, in einem Wettkampf gegen das Team von Brigham Young anzutreten, einer Universität, die keine schwarzen Studierenden aufnahm.

In der Nacht vor dem Wettkampf überfluteten ihn seine persönlichen Probleme. "Alles lief schief, also bin ich in die Stadt, habe mir einige Tequila genehmigt", erzählte Beamon später. "Mann, was habe ich mich verloren gefühlt."

Beamons magische Weite

Doch dann kam eben dieser 18. Oktober 1968 und plötzlich, bei Beamons erstem Versuch, passten alle Puzzleteilchen zusammen. So, als wäre ihm das Leben noch etwas schuldig gewesen. Beamon nahm, erstmals auf der frisch verlegten Tartan- statt der bisher üblichen Aschenbahn, Anlauf, er traf das Absprungbrett millimetergenau, der gerade noch zulässige Rückenwind von 2,0 Metern pro Sekunde unterstützte seinen Flug, die verdünnte, widerstandsärmere Atmosphäre auf 2.248 Metern Höhe tat ihr Übriges. Beamon flog, und flog, und flog und landete nach sechs Sekunden – ja, wo genau? Man wusste es zunächst nicht, die elektronische Weitenmessung war nur auf eine Weite bis 8,60 Meter ausgelegt.

Ein gewöhnliches Maßband musste herhalten, es "dauerte fünf, zehn, ja sogar 15 Minuten", schilderte Beamon, dann leuchtete die magische Weite auf: 8,90 Meter! 55 Zentimeter weiter als der bisherige Weltrekord! Der "Sprung ins nächste Jahrtausend", wie die Presse später titelte. Alles jubelte. Nur Beamon nicht. Der 1,90 Meter große und nur 70 Kilogramm schwere Schlaks war mit dem metrischen System nicht vertraut.

Bei der Siegerehrung: Beamon mitRalph Boston (l.) und DDR-SpringerKlaus Beer, der Zweiter wurde.
Bei der Siegerehrung: Beamon mitRalph Boston (l.) und DDR-SpringerKlaus Beer, der Zweiter wurde. © United Press/dpa

"Erst, als mir Ralph Boston sagte, dass ich über 29 Fuß gesprungen bin, kollabierte ich. Ich wollte es nicht wahrhaben, glaubte zu träumen und mich in einer irrealen Welt zu befinden", sagte Beamon einmal der "Welt". "Diesen Sechs-Sekunden-Film habe ich für die Ewigkeit abgespeichert." Dabei hatte der spätere Olympiasieger unmittelbar nach dem Sprung gar kein so gutes Gefühl: "Ich landete am Rand der Grube und war im ersten Moment enttäuscht, weil mein Gesäß den Sand gestreift hatte. Es war kein perfekter Sprung." Erst 23 Jahre später, bei der WM in Tokio, knackt sein Landsmann Mike Powell (8,95 Meter) im epischen Duell mit Carl Lewis (8,91) Beamons Bestleistung, Olympiarekord ist sein Satz von Mexiko freilich noch immer. Außer Powell und Lewis sprang niemals ein Mensch weiter.

Bob Beamon: Schneider, Soziologe, Showmaster und Diskothekenbesitzer

Und Beamon? Der bleibt zeitlebens irgendwie ein Suchender, der Rekord macht ihm sein Leben nicht gerade einfacher. "Es ist, als ob ich keine Luft mehr bekäme. Der Rekord macht mich fertig", sagte er bereits zwei Jahre später. Nie mehr springt er weiter als 8,22 Meter.

Der gelernte Schneider und studierte Soziologe versucht sich als Basketball-Profi bei den Phoenix Suns, ohne jemals ein Spiel in der NBA zu bestreiten, verdingt sich mit ganz unterschiedlichen Tätigkeiten als Sozialarbeiter, Diskothekenbesitzer, Museumsdirektor und Showmaster. Heute ist er in fünfter Ehe verheiratet und nach eigener Aussage glücklich.

In seiner 1999 erschienenen Autobiographie schreibt Bob Beamon: "Jetzt bin ich stolz auf den perfekten Sprung. Wenn ich nach ihm gefragt werde, jubelt meine Seele und sie wird immer jubeln."

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