„Alle Grenzen gesprengt“

Hier spricht Box-Trainer Emanuel Steward über die größten Kämpfer aller Zeiten. Er schwärmt von Muhammad Ali, Joe Louis und Max Schmeling. Über Klitschko sagt er: „Der Beste seiner Ära“
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Der Gürtelsammler Wladimir Klitschko verteidigt seine Titel nun gegen Hasim Rahman.
dpa Der Gürtelsammler Wladimir Klitschko verteidigt seine Titel nun gegen Hasim Rahman.

Hier spricht Box-Trainer Emanuel Steward über die größten Kämpfer aller Zeiten. Er schwärmt von Muhammad Ali, Joe Louis und Max Schmeling. Über Klitschko sagt er: „Der Beste seiner Ära“

Von Matthias Kerber

AZ: Herr Steward, Ihr Schützling Wladimir Klitschko boxt am Samstag nicht nur gegen Eddie Chambers, sondern will mal wieder seine Zweifler ruhig stellen und seinen Platz in der Box-Geschichte sichern. Wie sehr können ihm solche Kämpfe dabei überhaupt noch helfen?

EMANUEL STEWARD: Zum einen: Chambers ist nicht zu unterschätzen. Ich halte ihn, was seine Defensivqualitäten betrifft, für den besten Boxer im Schwergewicht. Und was die andere Frage betrifft: Wladimir kann nur alle weghauen, die sich ihm in den Weg stellen. Die Geschichte wird ihm dann seinen Platz zuweisen. Sein Pech ist, dass ihm die großen Gegner fehlen.

Hat er deshalb nicht die unumwundene Reputation?

Es ist schwer zu zeigen, wie sehr man diese Ära dominiert, wenn es an der nötigen Konkurrenz fehlt. Wenn ich mich so umsehe, die Gegner haben doch alle Angst vor ihm. Sie gehen ihm aus dem Weg. Ein Alexander Powetkin steht seit zwei Jahren als Pflichtherausforderer fest. Aber er kämpft lieber gegen unterklassige Gegner, als sich Wladimir zu stellen. Das ist die Realität.

Wo stufen Sie Wladimir ein unter den Box-Größen?

Er ist der Beste seiner Ära. Das ist alles, was man sein kann. Joe Louis war der Beste seiner Epoche, Muhammad Ali in seiner, Lennox Lewis in seiner. Aber man kann sie nicht untereinander vergleichen. Hätte Ali Louis geschlagen? Wahrscheinlich! Allein, weil er größer, schwerer, stärker war. Und trotzdem sind die Leistungen von Louis unglaublich.

Wer ist denn in Ihren Augen der beste Boxer aller Zeiten?

Wenn man alle Gewichtsklassen einbezieht, steht Sugar Ray Robinson über allen, danach würde ich Louis und Ali auf eine Stufe heben. Aber ich beziehe da nicht nur boxerische Leistungen mit ein. Denn beide haben alle Grenzen gesprengt, die es gab. Ali wird weltweit verehrt, er ist ein Symbol der Zivilcourage, er steht für das Überwinden von Rassentrennung. Aber die herausragendste Leistung war, dass er die Größe hatte, sich zu ändern. Als Ali begann, wandte er sich den Black Muslims zu, die eine verquere Interpretation des Islam vertraten. Sie hassten die Weißen. Ali war ihnen verfallen, war selber Rassist. Erst nachdem er nach Mekka gepilgert ist, hat er den wahren Islam entdeckt und erkannt, wie sehr er verblendet und wie sehr sein Geist von der Hasslehre der Black Muslims vergiftet war. Er hat sich abgewandt, sich entschuldigt und wurde dieser Mensch, den wir alle bewundern. Deswegen sage ich ja, es geht über den Boxsport hinaus.

Und Joe Louis?

Was er im Ring erreichte, 25 Titelverteidigungen, das alles sucht seinesgleichen. Aber auch hier wird die wahre Größe erst durch die Größe des Herzens dieses Menschen bestimmt. Nehmen sie die Kämpfe gegen Max Schmeling. Beim ersten Fight jubelten die Menschen noch Schmeling zu. Schlicht, weil er ein Weißer war und Louis der Farbige. Das drehte sich dann vollkommen im zweiten Fight. Der hatte sich zu einem Kampf der Systeme, zu einem Kampf der Ideologien entwickelt. Schmeling stand damals, es war 1938, für die Amerikaner, für das Unrechtsregime der Nazis. Er war der Vertreter der Nazis, die die Überlegenheit der arischen Rasse proklamierten. Deswegen war dieser Abend auch nicht ein Boxkampf zweier Männer, sondern er war ein definierender Moment in der Geschichte.

Ein Kampf, den Louis für sich entschied. Und plötzlich war ein Farbiger der Held aller Amerikaner.

Ja, es gibt solche Momente, in denen man meint, dass die Welt still steht, dass die Erde auf ihrer Umlaufbahn still steht, weil sie der Dinge harrt, die da vor sich gehen. Das war einer dieser Momente. Louis knockte Schmeling aus und zerstörte damit auch den Mythos der Überlegenheit einer Rasse. Somit brachen auch viele andere Dämme. Dieser Kampf tat mehr für die Gleichstellung der Schwarzen als die Politik in Jahrzehnten erreichte. Louis war in diesem Moment nicht mehr schwarz, er hatte die Rassenschranken überwunden, er war da nur Amerikaner, ein Symbol der Freiheit. Aber auch vor Schmeling habe ich größten Respekt.

Er ließ sich trotz aller Propaganda nicht gänzlich von den Nazis instrumentalisieren.

Genau! Schmeling war nie ein aktiver Teil dieses Verbrechensregimes. Er hielt sogar an seinem jüdischen Manager fest. Und die Art, wie er sich nach der Niederlage gegen Louis gerierte, ist Zeugnis seiner menschlichen Größe. Er wurde im Ring vernichtet, erlitt mehrere Wirbelbrüche, doch das, was ihn danach in Nazi-Deutschland erwartete, war noch viel schlimmer. Er war bei den Nazi-Größen in Ungnade gefallen, er hatte den Mut, Juden zu verstecken, man hat versucht, ihn umzubringen, indem man ihn in einer Art Selbstmord-Kommando an die Front schickte. Schmeling wurde auf allen Ebenen fertig gemacht, er hat das überstanden. Später freundeten er und Louis sich an und als Joe starb und die Familie nicht das Geld für die Beerdigung aufbringen konnte, half Schmeling in aller Stille aus, zahlte für die Beerdigung seines großen Gegners im Ring. Beide sind für mich Helden und große Persönlichkeiten, die mehr für das Zusammenwachsen der Rassen taten, als man sich vorstellen kann.

Was halten Sie von Jack Johnson, dem ersten schwarzen Schwergewichtsweltmeister? Viele sehen in ihm ein Vorbild, weil er sich gegen das Establishment aufgelehnt hat, weil er als Schwarzer den Weißen die Stirn bot.

Ich verstehe nicht, wie man diesen Mann idolisieren mag. Er war ein Verbrecher. Ein Zuhälter, der Frauen verprügelte, der seine eigenen Ehefrauen so quälte, dass er eine in den Selbstmord trieb. Er hat für die Schwarzen nichts getan. Sie waren ihm egal. Als nach seinen Kämpfen, speziell als er den Weißen James Jeffries besiegt hat, Schwarze in den Straßen vom Mob gelyncht und ermordet wurden, hat er nur gemeint: „Und?“ Er kümmerte sich nicht um die Schwarzen, sondern nur um sich selbst. Warum sollte ich ihn bewundern? Ich bewundere keine Zuhälter und Frauenschläger. Ich bewundere Männer wie Nelson Mandela, der bereit war, immense Opfer für seine Überzeugungen zu bringen und unsägliches Leid auf sich zu nehmen, um die Gesellschaft positiv weiterzuentwickeln. Mandela hat dem Rassenhass die Größe seines Herzens entgegengesetzt. Mandela hat gewonnen.

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