Wenn die eigene Familie einem plötzlich fremd erscheint

Matthias Brandt und Désirée Nosbusch überzeugen in ihrem ersten gemeinsamen Film: In "Eine Nacht in Bangkok" spielen sie ein Ex-Ehepaar, das nach der Verhaftung ihrer Tochter plötzlich wieder zusammenarbeiten muss.
von  Elisa Eberle
Auf dem Münchner Filmfest wurde "Eine Nacht in Bangkok" mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis für Produzenten ausgezeichnet.
Auf dem Münchner Filmfest wurde "Eine Nacht in Bangkok" mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis für Produzenten ausgezeichnet. © NDR/ARD/Craubner + Hartmann/Stephan Rabold

"One Night in Bangkok" - wer kennt ihn nicht, jenen eingängigen Popsong des britischen Sängers Murray Head, an dem sich bis heute die Geister scheiden? Der Nummer-eins-Hit aus dem Jahr 1984, der von den ABBA-Stars Björn Ulvaeus und Benny Andersson in Zusammenarbeit mit Tim Rice geschrieben wurde, kann als Kritik am Exotismus in Bezug auf westliche Touristen in Thailand verstanden werden. Der Fernsehfilm "Eine Nacht in Bangkok", den das Erste am Mittwochabend erstmals zeigt, hat damit nichts zu tun. In seinem Drehbuch erzählt Sathyan Ramesh die Geschichte von Katharina (Désirée Nosbusch) und Hektor (Matthias Brandt), einem ehemaligen Ehepaar, das nach jahrelanger Trennung durch einen Schicksalsschlag wieder zusammengeführt wird. Rainer Kaufmann inszeniert diese Geschichte mit sehr viel Mut zur Stille.

Eine entfremdete Familie sucht einander

Der Grund, der den Pastor und die Yogalehrerin nach zehn Jahren erstmals wieder in einem Raum zusammenbringt, ist ihre Tochter Lilith (Clara Vogt). Die junge Frau sitzt in Untersuchungshaft. Angeblich soll sie in eine Einbruchserie verwickelt sein. Für Katharina und Hektor ist das unvorstellbar. Doch weil alle Indizien gegen Lilith sprechen, muss sie bis zur Anhörung in Untersuchungshaft bleiben. "Ich ruf Lydia an", verkündet Hektor. Die Anwältin (Kim Riedle) ist eine alte Freundin von ihm und wird Lilith schon heil aus der Sache herausholen, denkt er.

Katharina, die den Ideen ihres Ex-Mannes schon aus Prinzip grundsätzlich skeptisch gegenüber steht, will darauf nicht vertrauen: Lieber will sie selbst mehr über die Umstände herausfinden. Hektor zieht widerwillig mit. Doch schon ein Besuch in Liliths Wohnung, die sie sich mit Mitbewohner Robert (Danilo Kamperidis, "How to Sell Drugs Online (Fast)") teilt, wirft unangenehme Fragen auf: Wie gut haben Katharina und Hektor ihre eigene Tochter eigentlich wirklich gekannt?

Désirée Nosbusch und Matthias Brandt überzeugen auf ganzer Linie

Désirée Nosbusch und Matthias Brandt sind seit Jahrzehnten zwei echte Schwergewichte der deutschen Schauspielbranche. In dieser ersten Zusammenarbeit laufen die beiden zur schauspielerischen Höchstleistung auf: Man ist von Anfang an gefesselt, wenn zwischen dem 64-jährigen Mimen und seiner drei Jahre jüngeren Spielpartnerin hitzige Tiraden hin- und herfliegen. Bisweilen geschieht dies auch mit einem sanften, bittersüßen Witz: "Du bist anstrengend, Katharina", klagt Hektor eines Abends. "Frag mich mal", entgegnet diese. "Du findest es anstrengend, du zu sein?", wundert er sich und bekommt die knappe Antwort: "Auch!" Dialoge wie diese deuten an, wie viele unausgesprochene Gefühle und Verletzungen zwischen den beiden noch stehen.

Den titelgebenden Song "One Night in Bangkok", der im Verlauf des Films natürlich doch noch in einer bedeutenden Szene angespielt wird, findet Matthias Brandt übrigens "abscheulich", wie er im gemeinsamen Interview mit Désirée Nosbusch gesteht.

"Eltern bleiben Eltern"

Auch sprechen die beiden Stars in dem Interview mit der Agentur teleschau über ihr Verständnis der Elternrolle: "Eltern bleiben Eltern", sagt Brandt, der eine erwachsene Tochter hat: "Das Kind kann 50 oder 60 sein, und man empfindet es noch immer als das eigene Kind - vorausgesetzt, man erlebt das noch. Nur der Einfluss wird geringer. Oder sollte es werden." Denn: "Konflikte entstehen oft dort, wo Eltern das nicht rechtzeitig bemerken und von ihren erwachsenen Kindern in die Schranken gewiesen werden müssen." Das bestätigt auch Désirée Nosbusch, deren beiden Kinder in den USA leben: "Meine Mutter ist 88 und fragt mich noch immer: 'Hast du genug gegessen? Du bist so spitz geworden.' Und ich ertappe mich dabei, meinen Kindern am Telefon genau dieselben Sätze zu sagen. Diese Liebe und diese Sorge um die eigenen Kinder verändern vielleicht ihre Form, wenn sie erwachsen sind. Weniger sichtbar werden sie aber nie."

Beim Münchner Filmfest wurde "Eine Nacht in Bangkok" mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis für Produzenten ausgezeichnet.

Eine Nacht in Bangkok - Mi. 23.09. - ARD: 20.15 Uhr

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