Von Opfern, Flüchtlingen und Tätern: So hart war das Leben im zerstörten Nachkriegsdeutschland

Ein Land in Trümmern - und trotzdem Hoffnung auf Neuanfang: Mirko Drotschmann begibt sich in der "Terra X History"-Doku "Aufbruchsjahre - Deutschland nach dem Krieg" auf eine Reise in eine entbehrungsreiche Zeit, in der Geflüchtete, Holocaustüberlebende und Täter aufeinander trafen.
von  Maximilian Haase
Mirko Drotschmann blickt in seiner neuen "Terra X History"-Doku auf das Leben im zerstörten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Mirko Drotschmann blickt in seiner neuen "Terra X History"-Doku auf das Leben im zerstörten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. © ZDF/Paul's Boutique

Als 1945 die letzten Bomben gefallen waren und die letzten Soldaten kapituliert hatten, begann in Deutschland eine bis heute im kollektiven Gedächtnis fest verankerte Zeit. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gelten gemeinhin als entbehrungsreich, geprägt von Narrativen um "Trümmerfrauen" und die "Stunde Null". Dass die Nachkriegszeit jedoch weitaus komplexer war, zeigt nicht nur die historische Forschung, sondern auch eine aktuelle "Terra X History"-Doku im Zweiten: Unter dem Titel "Aufbruchsjahre - Deutschland nach dem Krieg" beleuchtet Moderator Mirko Drotschmann jene Epoche aus unterschiedlichsten Perspektiven, von den Shoah-Überlebenden über die Flüchtlinge aus dem Osten bis hin zu den Nazi-Tätern, die bisweilen unbehelligt davonkamen.

Wie es sich inmitten des zerstörten Landes lebte und wie man in die unsichere Zukunft blickte, zeigt der 90-Minüter anhand vielfältiger Biografien. Da wären Wilhelm und Gerda Groos, die wesentlich am Wiederaufbau der Stadt Wesel beteiligt waren. Da wäre Hadassah Bimko Rosensaft, die als Überlebende des Holocaust in Bergen-Belsen jüdische Waisenkinder unterstützte und zur Hoffnungsträgerin geriet, wie auch ihr Sohn im Gespräch in der Gedenkstätte berichtet. Und da wäre Wolfgang Leonhard, der in der Sowjetzone beim Aufbau eines besseren, sozialistischen Deutschlands helfen wollte - bis er seinem Sohn zufolge vom Stalinismus desillusioniert wurde.

Von Opfern und Tätern

Mirko Drotschmann befragt für seine Doku Zeitzeugen, Angehörige sowie Expertinnen und Experten, blickt aber - ganz im Sinne der gefragten Presenter-Personality im Zweiten - auch auf seine eigene Familiengeschichte. Manche seiner Vorfahren mussten, damit stellvertretend für Millionen andere, nach dem Krieg fliehen und eine neue Heimat finden. In Archiven wie dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in München sucht der Journalist nach Informationen über seinen Urgroßvater Hans-Joachim - und findet gemeinsam mit Archivarin Maria Poguntke Dokumente zu dessen sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Wie herausfordernd die Jahre zwischen 1945 und 1948 waren, belegen auch prominente Fälle: So porträtiert die Doku etwa die Geschichte der späteren Erotikhandel-Unternehmerin Beate Uhse, die als alleinerziehende Mutter nach dem Kriegstod ihres Mannes ums Überleben kämpfte. In KI-gestützten animierten Einspielern werden derlei steinige Wege der Protagonistinnen und Protagonisten illustriert.

Dass sich inmitten des allgemeinen Chaos manche auch der Verantwortung entzogen, verschweigt der Film dabei ebenso wenig. Zur Realität der Nachkriegszeit gehörten eben auch jene Nationalsozialisten, die den Alliierten entkamen und in der späteren BRD ihr Leben unbescholten leben respektive sogar weiter Karriere machen konnten. Als eindrückliches Beispiel dieser Tätergeschichten dient im Film Sigfried Uiberreither. Der frühere Gauleiter galt als einer der wichtigsten NSDAP-Größen in Österreich, konnte aus der Gefangenschaft fliehen und führte bis zu seinem Tod 1984 ein unbehelligtes Leben im deutschen Sindelfingen.

Terra X History: Aufbruchsjahre - Deutschland nach dem Krieg - Di. 06.10. - ZDF: 20.15 Uhr

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