Vier Mädchen und die Geister der Vergangenheit

In der Reihe "Das kleine Fernsehspiel" präsentiert das ZDF die Free-TV-Premiere von Mascha Schilinskis internationalem Kinoerfolg "In die Sonne schauen". Ein berauschendes Epos über vier miteinander verwobene Frauenschicksale über mehr als 100 Jahre hinweg.
von  Susanne Bald
Die siebenjährige Alma (Hanna Heckt) wächst in den 1910er-Jahren auf dem Hof in der Altmark auf, wo sie mit ihrer Großmutter Frieda (Liane Düsterhöft), den Eltern, Geschwistern, Mägden und Knechten zusammenlebt.
Die siebenjährige Alma (Hanna Heckt) wächst in den 1910er-Jahren auf dem Hof in der Altmark auf, wo sie mit ihrer Großmutter Frieda (Liane Düsterhöft), den Eltern, Geschwistern, Mägden und Knechten zusammenlebt. © ZDF und Fabian Gamper/Studio Zentral

Deutscher Vorschlag für die Oscars, zehn Deutsche Filmpreise, der Preis der Jury in Cannes und zahlreiche weitere Auszeichnungen bei über 60 internationalen Nominierungen: Mascha Schilinskis Epos "In die Sonne schauen" ist ein Film, wie es sie selten gibt. Das ZDF zeigt ihn als Free-TV-Premiere in der Nacht auf Sonntag.

Auf mehreren Zeitebenen erzählen Schilinski ("Die Tochter") und ihre Koautorin Louise Peter in knapp 150 Minuten von vier Mädchen auf einem abgeschiedenen Vierseitenhof in der Altmark in Sachsen-Anhalt. Sie sind auf verschiedene Weisen miteinander verbunden, ihre Geschichten verwoben, sei es verwandtschaftlich oder durch Erfahrungen und Traumata, verdrängte Erinnerungen und Geheimnisse vor der jeweiligen historischen Kulisse. "Es geht in dem Film auch darum, welchen Blicken Frauen ein Jahrhundert lang unterworfen sind", sagt Mascha Schilinski.

Vier Epochen und Schicksale

In den 1910er-Jahren wächst die kleine Alma (Hanna Heckt) in einer erdrückenden Atmosphäre, geprägt von Aberglauben und tiefer Religiosität, mit ihrer Familie, Knechten und Mägden auf. Eines Tages entdeckt sie das Totenbild eines Mädchens - ihre Schwester, von der sie nichts wusste und deren Namen sie trägt. Fortan ist Alma überzeugt, dass auch sie dem Tode geweiht ist. Für diese Zeitebene wurden zahlreiche Dialoge ins altmärkische Plattdeutsch übersetzt und gesprochen.

30 Jahre später, während des Zweiten Weltkriegs, entwickelt die heranwachsende Erika (Lea Drinda) eine morbide und erotische Faszination für ihren bettlägerigen Onkel Fritz. In der DDR der 80er-Jahre lernt man Angelika (Lena Urzendowsky) kennen, eine junge Frau zwischen Lebenslust und Todessehnsucht, die ihre Sexualität entdeckt und gleichzeitig von ihrem Onkel und Cousin belästigt wird.

In den 2020ern zieht Nelly (Zoë Baier) mit ihrer Familie auf den mittlerweile stark heruntergekommenen Hof, der die Geister der Vergangenheit nicht losgelassen hat. Trotz der scheinbaren Geborgenheit machen dem Mädchen intensive Träume und Traumata früherer Geschehnisse zu schaffen. Schließlich droht sich ein tragisches Ereignis aus der Vergangenheit des Hofes zu wiederholen ...

Ein berauschender Sog

Ungeschönt und unaufgeregt, in langen Einstellungen, nah an den Figuren und nahezu dokumentarisch, fängt Fabian Gamper das Geschehen mit der Kamera ein und verleiht ihm durch den Einsatz von Unschärfen oder Lichtreflexen zusätzliche Authentizität. Mascha Schilinski folgt keiner klassischen, linearen Erzählstruktur. Zeit- und Traumebenen verschwimmen in diesem epischen Werk. man spürt und sieht im Haus die Spuren der Zeit, die mehr als ein Jahrhundert überdauert haben, erblasst sind, aber dennoch präsent bleiben.

Michael Fiedler und Eike Hosenfeld sorgen mit ihrer Klangkomposition aus Naturgeräuschen, inneren Monologen, Rauschen oder auch Brummen dafür, dass "In die Sonne schauen" nicht nur visuell, sondern auch akustisch einen geradezu berauschenden Sog entwickelt. In seiner poetischen, assoziativen und atmosphärischen Erzähl- und Inszenierungsweise erinnert der Film zuweilen an Michael Hanekes "Das weiße Band" oder die "Heimat"-Filme von Edgar Reitz.

Aber auch an Filme, die alle Sinne stimulieren, wie Terrence Malicks "The Tree of Life" oder Lars von Triers "Melancholia" fühlt man sich im besten Sinne erinnert. Doch Mascha Schilinski und ihr Team replizieren nichts. So entsteht ein eigenständiges, sinnliches Filmerlebnis, das sich bewusst jeder klassischen Erzählweise entzieht.

In die Sonne schauen - Mo. 14.09. - ZDF: 00.05 Uhr

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