Veröffentlichung vor 40 Jahren: Warum "Graceland" Paul Simon fast das Leben kostete
Ein Weltstar auf der Todesliste einer militanten Splittergruppe - das klingt nach Politthriller, nicht nach Popgeschichte. Doch genau das widerfuhr Paul Simon, nachdem er mit "Graceland" eines der einflussreichsten Alben der Musikgeschichte veröffentlicht hatte. Vor genau 40 Jahren, am 12. August 1986, erschien die Platte, die bis heute als Meisterwerk gilt - und die ihren Schöpfer fast umgebracht hätte.
Anfang der 1980er-Jahre steckte Simon tief in der Krise. Die Beziehung zu seinem einstigen Duo-Partner Art Garfunkel war zerrüttet, die Ehe mit Schauspielerin Carrie Fisher gescheitert, das Album "Hearts And Bones" (1983) ein Flop. Dann geriet eine Raubkopie-Kassette mit südafrikanischer Straßenmusik namens "Accordion Jive Hits" in Simons Hände - und das veränderte alles.
Von der Musik fasziniert reiste Simon 1984 nach Johannesburg, nahm dort mit lokalen Musikern wie Bakithi Kumalo und Ray Phiri Songs auf, ergänzte sie später in den USA um Gäste wie Linda Ronstadt und die Everly Brothers. Das Ergebnis: "Graceland", sein kommerziell erfolgreichstes Album mit geschätzt über 16 Millionen verkauften Exemplaren, gekrönt 1987 mit dem Grammy für das Album des Jahres.
Simon war "völlig unvorbereitet" auf die Reaktionen
Was Simon zunächst nicht bewusst war: Er hatte den internationalen Kulturboykott gegen das Apartheid-Regime gebrochen, auf den sich Künstler weltweit verständigt hatten. "Und dann stolpert da der weiße, westliche, egozentrische Popstar Paul Simon rein und will Musik machen, ohne über die politischen Konsequenzen nachzudenken", sagte er später durchaus selbstkritisch im Gespräch mit dem "Spiegel". Er sei "völlig unvorbereitet" auf die harschen Reaktionen gewesen, zu denen sich viele Kritiker erst mit dem Erfolg des Albums hinreißen ließen.
Der African National Congress (ANC) etwa setzte Simon auf eine schwarze Liste, Organisationen wie "Artists United Against Apartheid" warfen ihm vor, mit seiner Reise die Solidarität gegen die Apartheid zu untergraben. Auch der Vorwurf kultureller Aneignung stand im Raum. Andere wiederum kritisierten Simon dafür, dass er in seinen Texten nicht auf die Apartheid einging.
Er sei eben nicht gut darin, Protestsongs im Stil von Bob Dylan oder Bob Geldof zu schreiben, konterte Simon im "Rolling Stone" und sagte, dass "Graceland" dennoch ein politisches Statement sei: "Ich halte die Musik allein nach wie vor für die wirkungsvollste Form der Politik, wirkungsvoller als Dinge direkt zu sagen - weil man in diesem Fall meist nur die bereits Überzeugten belehrt. Die Menschen fühlen sich von der Musik angezogen, und sobald sie hören, worum es darin geht, sagen sie: 'Was? Das tun sie diesen Menschen an?'".
"Es gab keinen Missbrauch"
Die Kontroverse eskalierte 1991, als der Boykott bereits aufgehoben war und Simon - eingeladen von Nelson Mandela - Konzerte in Südafrika gab. Vor dem Auftakt im Johannesburger Ellis-Park-Stadion warf eine Splittergruppe der militanten "Azanian People's Organisation" (AZAPO) Handgranaten ins Büro des Konzertveranstalters.
Verletzte gab es keine, doch die Drohkulisse blieb real: Wie Steven Van Zandt, Gitarrist in Bruce Springsteens E Street Band und damals Anti-Apartheid-Aktivist, später in einem Interview mit dem Radiosender "Sirius XM" erzählte, stand Simon schon nach der Veröffentlichung von "Graceland" ganz oben auf der Mordliste der AZAPO. Erst Van Zandts Vermittlungsgespräche mit der Gruppe verhinderten Schlimmeres - er überzeugte sie, dass eine Ermordung Simons ihrer Sache nicht diene.
Auch die unmittelbar beteiligten Musiker verteidigten Simon entschieden. Gitarrist Ray Phiri erklärte rückblickend: "Wir haben Paul genauso genutzt wie Paul uns. Es gab keinen Missbrauch." Auch Exil-Musiker Hugh Masekela lobte, Simon habe schwarzer südafrikanischer Musik zu globaler Sichtbarkeit verholfen - allen voran Ladysmith Black Mambazo, die durch "Graceland" international bekannt wurden.
Heute, vier Jahrzehnte nach Erscheinen, überstrahlt der musikalische Verdienst die einstige Kontroverse deutlich. Songs wie "You Can Call Me Al" und der Titeltrack laufen unverändert im Radio, 2020 listete der "Rolling Stone" "Graceland" auf Platz 46 der besten Alben aller Zeiten, das Album wurde als "kulturell, historisch oder ästhetisch" wichtiges Tondokument in das Verzeichnis der US-amerikanischen National Recording Registry aufgenommen.
Der große Erfolg des Albums war Simon - laut eigenen Angaben - aber gar nicht wichtig: "Jeder Musiker möchte Hits landen. Es stimmt, auch ich wollte einen", sagte er dem "Spiegel". "Aber ich hatte damals bereits sehr viele Chart-Erfolge erlebt. Es ging mir tatsächlich vor allem darum, etwas Aufregendes zu machen."
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