TV-Tipp: Wunderbare Hommage an den "Kaiser" läuft im Free-TV
Im Grunde ist es ein Drama: Fragt man junge, vom Business gezeichnete Fußballfans, was sie mit dem Namen "Franz Beckenbauer" verbinden, bekommt man womöglich zornige Referate zum Thema "FIFA", "Katar" und "Funktionärswesen" zu hören. Fair ist das natürlich nicht. Aber es passt eben in diese Zeit, in der der Fußball seine Unschuld verloren hat. In der Menschen nicht mehr trennen zwischen dem Kapitalismus auf der einen und dem schönsten Spiel der Welt auf der anderen Seite. Aber: "Der Kaiser", ein Sky-Biopic, das 2022 seine Premiere feierte und nun am Freitag, 11. September, 20.15 Uhr bei RTL Nitro zu sehen ist, tut das. Weitestgehend jedenfalls.
Der Film mit rund 100 Minuten Laufzeit will vom "ersten Beckenbauer" erzählen. Und nur von ihm. Er beginnt 1963, als Beckenbauers (Klaus Steinbacher) die große Zeit bei den Bayern begann, und endet in Rom, beim Finale 1990, als er als Teamchef den Titel holte, in sich gekehrt über den Platz schritt und nachdachte. Bilder, die jeder Fan kennt. "Der Kaiser" ist eine Hommage. Ein Biopic, ohne den tiefen Fall der Hauptfigur, der sonst fast immer zu dem Genre gehört. "Wie also einen spannenden Film machen, der nur bergauf geht", fragte sich auch Regisseur Tim Trageser und gab sich selbst zur Antwort: "Das kann nur gelingen, wenn man sich auf die Menschen konzentriert, statt auf die Wendungen der Story."
"Vergiss nie, wo du herkommst, Bua!"
Zur "Allianz" soll er doch bitteschön gehen, sagt Vater Beckenbauer (Heinz-Josef Braun), als ihm sein 18-jähriger Sohn offenbart, er wolle fortan nur noch Fußball spielen. "Ich weiß immer noch nicht, was das für ein Beruf sein soll, wenn man nach 30 nicht weiß, was dann wird." Aber: Die Eltern unterstützten den Jungen am Ende, solange der zeit seines Lebens eines immer im Sinn hat: "Vergiss nie, wo du herkommst, Bua!"
Das Drehbuch von Martin Rauhaus geht, ja fliegt in der Folge zügig durch die Jahre. Alle wesentlichen sportlichen Stationen Beckenbauers werden beschrieben: England samt Wembley-Tor 1966, WM 1974, Abschied von den Bayern 1977, die Zeit in New York bei Cosmos, dann Teamchef der deutschen Nationalmannschaft von 1984 bis 1990. Der Titel gegen Maradona. Pokal. Fertig. Der Film arbeitet dabei zum Teil mit Originalaufnahmen aus der Totalen, fügt aber auch selbst gedrehte detailliertere Szenen des Spielers mit hinzu. Ein geschickter Schachzug, der auch optisch geglückt ist.
All diese sportlichen Glanzlichter in der Karriere Beckenbauers sind älteren Fußballfans natürlich bekannt. Mehr hätte man sich hier noch gewünscht: Die EM 1972 zum Beispiel, in der die Nationalmannschaft so gut spielte wie nie. Oder die drei Landesmeisterpokale von 1974 bis 1976, mit denen die Grundlage für den Mythos FC Bayern gelegt wurde und die jedem eingefleischten Fan des Vereins bis heute wichtiger sind als die WM 1974, die letztendlich gegen Cruyffs starke Holländer auch ein bisschen glücklich war. "Die Rahmenbedingungen sind historisch belegt. Der Spielfilm ist im Übrigen aber weitgehend fiktional. Dies gilt vor allem für die Dialoge und die Darstellung der privaten Beziehungen der Beteiligten", heißt es jedoch zu Beginn, und genau da beginnt der spannende Teil des Biopics.
Wie also hat Beckenbauer damals gedacht? Wovon träumte er? Was gab ihm sein Manager Robert Schwan (Stefan Murr) mit auf den Weg? Was geschah hinter den Kulissen, nachdem Deutschland gegen die DDR 1974 bei der WM sensationell 1:0 verlor und der Aufstand gegen Bundestrainer Helmut Schön (Jörg Pose) stattfand? Wie fühlte sich der prunkvoll in Leuchtlettern vorgestellte "Kaiser" in den USA? Vieles wurde in zahllosen Interviews der Beteiligten erzählt. Der Film fasst zusammen, ersinnt die passenden Dialoge und spekuliert natürlich auch. Aber letzten Endes passt das alles zum Bild jenes Sportlers und Trainers, das sich in den Jahrzehnten bei den Fans festgesetzt hat.
"Fußball ist die allwöchentliche Wiedererlangung der Kindheit"
Viel Neues erfährt man nicht. Und doch macht das Zuschauen Freude. Zum einen erinnert der Film eben an die womöglich besseren Zeiten des Sports, in denen alles noch echter, noch harmloser war. Nostalgie pur. Zum anderen funktioniert er über weite Strecken auch wie kunterbuntes Wimmelbild-Suchspiel. Überall Bekannte, überall fußballerische Ikonen. Sie alle zu suchen und zu erkennen, ist fraglos ein Fan-Spaß.
Vor allem aber fällt die große Liebe zum Sport auf, mit der dieser Film gemacht wurde. Autor, Regisseur und Produzenten - sie alle sind Fußballfans. Stephan Bechtle, Produzent Bavarian Fiction, lässt sich zum Film wie folgt zitieren: "'Fußball ist die allwöchentliche Wiedererlangung der Kindheit', schrieb der spanische Fußballphilosoph und Schriftsteller Xavier Maria. Das beschreibt ganz gut, was Fußball für mich bedeutet." Und genau so ist auch dieser Film. Unbedarft, ganz bewusst auch ein bisschen naiv, gut meinend. Regisseur Tim Trageser wurde in Darmstadt groß und warf als Balljunge der 98-er bei einem Heimspiel gegen die Bayern Paul Breitner und Sepp Maier den Ball zu. Diesen Moment, sagt er, wird er nie vergessen. Und diese Form von kindlichem Respekt und offener Bewunderung offenbart auch der Film.
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