TV-Show "grob fahrlässig": ProSieben reagiert erst auf Nachfrage zu verbotenem Promi-Verhalten

In "Most Wanted" fliehen zahlreiche Promis quer durch Deutschland, um den VIP-Jägern möglichst lange zu entkommen. Bei der Jagd wird es aber so wild, dass die Produktion mit Vorwürfen konfrontiert wird, Unbeteiligte zu gefährden und zu bedrängen. Ein Experte für Verkehrssicherheit kommentiert die gefährlichen Szenen in der AZ. Wie reagiert der Sender?
Sven Geißelhardt
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16 Promis traten bei der zweiten Staffel "Most Wanted" an - doch nun rücken die "Hunter" mit fahrlässigem Verhalten in den Fokus.
16 Promis traten bei der zweiten Staffel "Most Wanted" an - doch nun rücken die "Hunter" mit fahrlässigem Verhalten in den Fokus. © Joyn/Christoph Köstlin

Wettlauf gegen die Zeit, Flucht mit einem Flugzeug und Verfolgungsjagd im Auto: Es sind spektakuläre Szenen, mit denen das VIP-Format "Most Wanted" die Zuschauer vor die Bildschirme lockt. Doch wird dabei auch auf die Sicherheit von Außenstehenden geachtet? Oder riskieren die Beteiligten in der Sendung zu viel? Gar Menschenleben?

Gefährliches Verhalten: "Most Wanted"-Promis riskieren viel

Das Konzept von "Most Wanted" ist schnell erklärt: Mehrere Promis fliehen solo oder zu zweit vor den sogenannten "Huntern" Joey Kelly, Max Schradin und Otto Bulletproof. Dafür dürfen die prominenten Flüchtigen jedes Transportmittel benutzen – allerdings nur für maximal 40 Minuten pro Fahrzeug, danach muss gewechselt werden. Die Jäger hingegen verfügen über einen eigenen Bus, um Kandidaten wie Mirja du Mont, Janine Kunze, Marc Eggers oder Calvin Kleinen zu schnappen. In der vierten Folge kam es nun zu Szenen, die äußerst riskant erscheinen.

Die "Hunter" hatten sich an die Fersen von Schlagerstar Jürgen Milski geheftet. Aufmerksame Zuschauer sahen allerdings mehrere Verstöße gegen Verkehrsregeln, wie ein Blick in die sozialen Medien zeigt. So wurde der Jäger-Bus etwa mitten auf der Straße schnell gewendet, obwohl die mittlere Fahrbahnmarkierung eine durchgehende Linie bildete. Auf der Autobahn schien Fahrer Joey Kelly dem vorausfahrenden Auto aggressiv die Lichthupe zu zeigen, um schneller ans Ziel zu kommen. An einer roten Ampel sprangen die "Hunter" aus ihrem Fahrzeug mitten auf die Fahrbahn, um Milski noch rechtzeitig schnappen zu können. Des Weiteren wurde in der entsprechenden Episode auch ein Fahrbahnwechsel auf der Autobahn über mehrere Spuren gleichzeitig gezeigt.

Otto Bulletproof, Max Schradin und Joey Kelly sind die "Hunter" bei "Most Wanted".
Otto Bulletproof, Max Schradin und Joey Kelly sind die "Hunter" bei "Most Wanted". © Joyn/Christoph Köstlin

Sicherheitsexperte über ProSieben-Show: "Grob fahrlässig"

Die AZ hat einem Verkehrssicherheitsexperten die entsprechenden Szenen gezeigt und um seine Einschätzung gebeten. Andreas Kämper arbeitet als Sicherheitsauditor in Freising und überprüft unabhängig die Sicherheit auf deutschen Straßen. Die Verfolgungsjagd bei "Most Wanted" schätzt er als klaren Verstoß gegen Verkehrsregeln ein. "Es ist aus meiner Sicht äußerst bedenklich, wenn solches Verhalten einer breiten Öffentlichkeit als Spiel bei nicht abgesperrten Straßen als 'normal' dargelegt wird", teilt er der AZ mit.

Vor allem beim Vorfall mit der Lichthupe sei aus seiner Sicht "klar erkennbar, dass der Fahrer den vorher fahrenden Pkw nötigen wollte, beiseite zufahren, um schneller an sein Ziel zu kommen". Die in dem Format dargestellten Spurwechsel seien Andreas Kämper zufolge "zumindest sehr fragwürdig". Und auch das "innovative Wenden" über eine durchgezogene Straßenbahnmarkierung sei nicht erlaubt. Solche riskanten Fahrmanöver kenne der studierte Diplomingenieur "sonst nur, wenn die Straßen für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind. Ich betrachte das gezeigte Verhalten als grob fahrlässig." Das könnte ein Bußgeld und Punkte in Flensburg zur Folge haben.

Sender reagiert auf AZ-Anfrage: "Klare Sicherheitsvorgaben"

Wie reagiert ProSieben auf die Vorwürfe der Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer? Die AZ hat den Verantwortlichen der Sendung einen Katalog mit folgenden Fragen zukommen lassen:

  • Wie schätzt ProSieben und die Produktion hinter "Most Wanted" das Verhalten der drei "Hunter" bei der Jagd nach den Promis ein?
  • Wie wird gewährleistet, dass andere Verkehrsteilnehmer durch die Jagd quer durch Deutschland nicht gefährdet werden?
  • Haben Joey Kelly, Max Schradin und Otto Bulletproof vorab ein Training für Fahrsicherheit erhalten?
  • Wer ist im Falle eines Unfalls haftbar?
  • An welche Vorgaben der Produktion müssen sich die drei "Hunter" halten, wenn es um das Thema Sicherheit im Straßenverkehr geht?
  • Hat das verkehrswidrige Verhalten Konsequenzen?

Doch sechs konkrete Antworten blieben aus. Eine Sendersprecherin teilt der AZ in einem knappen Statement mit: "'Most Wanted' ist ein Abenteuer-Programm, das von einer besonderen Dynamik und Intensität lebt. Trotzdem erfolgt die Produktion unter klaren Sicherheitsvorgaben. Die Sicherheit aller Beteiligten sowie unbeteiligter Dritter hat oberste Priorität. Alle Teilnehmer werden im Vorfeld entsprechend gebrieft, dass sie sich an alle gesetzlichen Regeln halten." Wie die Produktion selbst das gezeigte Verhalten der "Hunter" einschätzt, ob das Konsequenzen hat und wer haftbar ist? Darauf wird in der Erklärung nicht eingegangen.

"Die Straße wird immer öfter zum Spielplatz umfunktioniert"

Das Fazit von Andreas Kämper hingegen fällt deutlich aus: "Meine grundsätzliche Meinung ist, dass die Straße immer öfter zum Spielplatz umfunktioniert wird, ohne die möglichen Konsequenzen und die Interessen der primären Nutzer zu berücksichtigen." Vielleicht lernt ProSieben bei einer dritten Staffel dazu – denn spannend inszeniert ist "Most Wanted" allemal.

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