Thüringen, ein bisschen moderner

Eine neue Krimireihe aus Thüringen sollte 2023 den ARD-Donnerstagabend "bereichern" - und das könnte tatsächlich etwas werden. Der nun wiederholte Auftaktfilm "Tod am Rennsteig - Auge um Auge" startet zwar etwas zu "groß" mit Ritual- und Serienmorden, baut jedoch auf ein interessantes Team und durchaus starke Zwischentöne.
von  Eric Leimann
Die neue Psychologin Annett Schuster (Kristin Suckow) und "Profiler" Jan Kawig (Bernhard Conrad) finden eine Leiche in einem Waldstück. Die beiden Ermittler sind Teil des neuen Thüringen-Krimis "Tod am Rennsteig", der mit einer Folge am ARD-Donnerstagabend startet.
Die neue Psychologin Annett Schuster (Kristin Suckow) und "Profiler" Jan Kawig (Bernhard Conrad) finden eine Leiche in einem Waldstück. Die beiden Ermittler sind Teil des neuen Thüringen-Krimis "Tod am Rennsteig", der mit einer Folge am ARD-Donnerstagabend startet. © MDR/ARD Degeto/Gordon Muehle

Kein noch so kleiner Ort, nicht die entlegendste Region Deutschlands kann sich verstecken, wenn die Krimi-Konzeptionierer des hiesigen Fernsehens nach neuen Schauplätzen suchen. Vor drei Jahren musste der Rennsteig dran glauben, eine bislang eher für Wanderrouten denn Ritualmorde bekannte Destination. Doch was soll der Provinz-Vorwurf? In der schönen Landeshauptstadt Erfurt, immerhin gut 200.000 Einwohner stark, gibt es tatsächlich die LKA-Einheit der Operativen Fallanalyse (OFA), von der im nun wiederholten ersten Film einer geplanten MDR-Krimireihe "Tod am Rennsteig - Auge um Auge" (Regie: Maris Pfeiffer, Buch: Jens Köster) erzählt wird.

Im Prinzip handelt es sich dabei um ein Team von "Profilern", das bei schwierigen Fällen in der Region übernimmt oder berät. In "Auge um Auge" betreten Zuschauerinnen und Zuschauer die durchaus spezielle Welt der OFA durch die Augen der neu hinzukommenden Psychologin Annett Schuster (Kristin Suckow).

Ein Kühlschrank auf dem Rennsteig

An deren erstem Arbeitstag - wie es das Krimiklischee eben so haben will - steht ein großer Kühlschrank auf dem Rennsteig mit Blick Richtung Wartburg, in dem ein als "Richter Gnadenlos" bekanntes Opfer tot und in Gebetspose gefesselt auf seinen Fund wartet. OFA-Leiterin Marion Dörner (Anne-Kathrin Gummich, die Mutter von Schauspielerin Nina Gummich), Jan Kawig (Bernhard Conrad), Sabine Limmer (Berit Künnecke) und Gerichtsmedizinerin Vanessa Sun (Jing Xiang) untersuchen den bizarren Mord. Allerdings nicht, ohne zwischen den Zeilen schon mal ein paar Beziehungsfährten zu streuen.

"Wow, du bist so schön", wirft die Medizinerin der neuen Psychologin als erste Worte auf einem Waldpfad an den Kopf - und in diesem Ton geht es immer wieder mal zwischen dem "reinen" Krimiplot weiter. Im stark weiblich und mitunter divers bis fluide gebauten OFA-Team gibt es spritzig kluge Dialoge und moderne Selbstreflexionen zu hören, die zudem gut gespielt sind. Diese Momente kontrastieren die, was den Krimi betrifft, eher konventionellen Abläufe.

Ein Autor, der weiß, wie es geht

Zu den starken Frauen gesellt sich der etwas schratige Jan Kawig (Bernhard Conrad), gelernter Schreiner und alleine auf dem Land lebend, der zum Nachdenken mit seinen Mittagspausen-Stullen in die Kirche geht und ein heimatverbundener Thüringer durch und durch ist. Mit dem Schauspieler Bernhard Conrad, der selbst aus Weimar stammt, der derzeit schwer angesagten Berlinerin Kristin Suckow ("Ottilie von Faber-Castell - Eine mutige Frau") und Schauspiel-Professorin Anne-Kathrin Gummich, in deren "wurschtigen" Authentizität man lustigerweise auch ihre Tochter wiedererkennt, hat die Produktion einen tollen Cast zusammen, zudem komplett mit Ost-Wurzeln ausgestattet.

Aufgrund dieser Stärken sollte man sich nicht von den ersten 30 bis 45 Minuten "Tod am Rennsteig" abschrecken lassen, deren Jagd auf einen Serienmörder (nach dem Kühlschranktoten folgen weitere religiös kontextuierte Opfer!) ein bisschen zu groß gedacht ist. Eine weniger große Krimiwelt mit fett beschrifteten Profiler-Westen, CSI-Anklängen und David Fincher-Momenten hätte wahrscheinlich besser zum beschaulich-hübschen Thüringer Ambiente gepasst. Nachdem sich die Teamvorstellung und Atemlosigkeit des Falles in der Mitte des Films ein wenig legen, bietet der Krimi nämlich überdurchschnittlich komplexe Figuren und angenehm kluge Dialoge. Verantwortlich dafür ist der erfahrene Drehbuchautor Jens Köster ("ZERV - Zeit der Abrechnung").

Echte Ostbiografien zum Anfassen

Unterm Strich lässt einen die erste Folge von "Tod am Rennsteig" (Regie: Maris Pfeiffer) mit einem etwas zwiespältigen Eindruck zurück. Man erkennt Ambition und Potenzial, aber die Angst vorm Sprengen von Erwartungen, was den konventionell "atemlosen" Kriminalfall betrifft, ist hier doch noch ein wenig zu groß - was den neuen ARD-Donnerstagkrimi zu einem Zwitterwesen zwischen "überraschend inspiriert" und "arg konventionell" macht.

Mit 6,63 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern und einem Gesamtmarktanteil von 23,8 Prozent (bei den Jungen waren es 9,4 Prozent) kam "Tod am Rennsteig - Auge um Auge" bei der Erstausstrahlung jedenfalls gut an. Auch der zweite Film "Tod am Rennsteig - Haus der Toten", den das Erste am Donnerstag, 23. Juli, um 20.15 Uhr, wiederholt, konnte sich im März 2025 über vergleichbare Werte freuen. Zwei weitere Filme befinden sich derzeit noch in der Entwicklung.

Tod am Rennsteig - Auge um Auge - Do. 16.07. - ARD: 20.15 Uhr

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