Susan Link im Interview: "Die Menschen suchen Tiefe und Menschlichkeit in den Medien"

Der NRW-Talk "Kölner Treff" wird 50 Jahre alt. 2017 stießen Micky Beisenherz und Susan Link zur einst von Alfred Biolek erdachten Kult-Sendung. Im Interview spricht die Moderatorin über die "Erfolgsstory" NRW und den Zauber menschlicher Talksendungen.
von  Eric Leimann
Der "Kölner Treff" wird 50 Jahre alt. Der WDR feiert dies mit einem langen Jubiläums-Talk und einer Doku. Susan Link moderiert die einst von Alfred Biolek erdachte Sendung seit 2017. Im Interview spricht die gebürtige Thüringerin über ihren Blick auf Nordrhein-Westfalen und den Zauber menschlicher Talksendungen.
Der "Kölner Treff" wird 50 Jahre alt. Der WDR feiert dies mit einem langen Jubiläums-Talk und einer Doku. Susan Link moderiert die einst von Alfred Biolek erdachte Sendung seit 2017. Im Interview spricht die gebürtige Thüringerin über ihren Blick auf Nordrhein-Westfalen und den Zauber menschlicher Talksendungen. © WDR/Melanie Grande

Oft ist der Blick Außenstehender auf ein Land oder eine Region erhellend. Der von Susan Link beispielsweise. Die 49-jährige Moderatorin vom "Kölner Treff" zog im Teenageralter kurz nach der Wende aus dem ländlichen Thüringen nach Nordrhein-Westfalen. Seit 2017 arbeitet sie im Moderationsteam der Kultsendung, die einst von TV-Legenden wie Alfred Biolek, Elke Heidenreich und Bettina Böttinger moderiert wurde. 1976 startete der NRW-Talk, und nach einer längeren Pause von 1983 bis 2006 sendete man durchgehend. Seit 2023 sind Susan Link und Micky Beisenherz Stamm-Moderatoren. Am Freitag, 18. September, feiert der "Kölner Treff" einen langen Abend: Dem Talk "50 Jahre Kölner Treff - die große Jubiläumsausgabe" (20.15 Uhr) folgt um 22.30 Uhr "50 Jahre Kölner Treff - die Doku". Im Interview spricht Susan Link über die "Erfolgsstory" NRW und den Zauber menschlicher Talksendungen.

teleschau: Der "Kölner Treff" war vor 50 Jahren die erste Talkshow, in der "Normalos" mit Promis zusammenkamen. Dazu hatte man einen klaren Fokus auf die Region.

Susan Link: Das stimmt, in der ersten Sendung war zum Beispiel ein Schuhputzer, der vor dem Dom arbeitete, zu Gast. Alfred Biolek, der die Idee für den "Kölner Treff" hatte, war es wichtig, dass in der Sendung jene Menschen abgebildet werden, die sie auch schauten. In den Alltag ganz normaler Menschen einzutauchen, war Teil des Konzepts.

teleschau: Hat Nordrhein-Westfalen eine klare Identität?

Susan Link: NRW ist tatsächlich ein Bundesland mit sehr unterschiedlichen Regionen und mit einer großen Vielfalt an Landschaften und Mentalitäten. Fast jede Autobahnabfahrt ist eine neue Stadt, denn es leben schließlich fast 18 Millionen Menschen hier. Ich bin kurz nach Wende im Teenageralter aus einer sehr ländlichen Region in Thüringen zugezogen. Seitdem lebe ich in NRW, erst in Wuppertal, nun schon lange in Köln - und fühle mich hier sehr wohl und aufgehoben.

"Hier kümmern sich die Menschen umeinander"

teleschau: Aber hat Nordrhein-Westfalen denn nun klare Eigenschaften außer der Vielfalt, die man benennen könnte?

Susan Link: Die Vielfalt ist meiner Meinung nach die Identität. Es gibt ländliche Regionen wie das Sauerland, den Niederrhein oder das Münsterland. Aber auch das Ruhrgebiet, diese weltweit einzigartige Metropolenregion, und natürlich die rheinischen Großstädte wie Köln oder Düsseldorf.

teleschau: Für eine Talk-Sendung bieten sich also viele Themen an?

Susan Link: Absolut. NRW als Standort und Themenfeld ist für eine Talkshow ein Geschenk. In einer unserer letzten Sendungen hatten wir zum Beispiel einen Kölner Musiker, der mit einem jungen Mann mit Migrationshintergrund aus dem Ruhrgebiet und dem NRW-Innenminister über Heimat und Integration gesprochen hat. Das ist genau die Mischung, das sind die Themen und die Vielfalt, die wir deshalb im Kölner Treff abbilden können.

teleschau: Es existieren viele Klischees über Menschen aus NRW. Der fröhliche, aber eher oberflächliche Rheinländer. Der kumpelig raue Mensch aus dem Ruhrgebiet. Der sture Ostwestfale. Ist das alles Quatsch, oder ist da was dran?

Susan Link: An vielen hartnäckigen Klischees ist etwas dran. Gleichzeitig sind Menschen aus derselben Region oft sehr unterschiedlich und manches Klischee stimmt dann eben auch nicht. Ich lebe seit 18 Jahren in Köln und finde: Hier kümmern sich die Menschen umeinander - und das finde ich alles andere als oberflächlich.

"In der Pubertät zieht niemand gerne um"

teleschau: Also ist der Kölner ein durch und durch toller Charakter?

Susan Link: Ja, meistens. Vielleicht sind wir hier manchmal im besten Sinne ein bisschen selbstbesoffen. (lacht)

teleschau: Diesen Begriff müssen Sie erklären ...

Susan Link: Die Kölner neigen dazu, sich selbst und die eigene Entspanntheit abzufeiern. Ich glaube, das gehört auf jeden Fall zur Kölner Mentalität.

teleschau: Wie sind Sie eigentlich nach NRW und Wuppertal gekommen?

Susan Link: Das hatte familiäre Gründe. Ich habe deutlich ältere Geschwister, die nach der Wende in Wuppertal gute berufliche Optionen hatten. Deshalb sind erst sie und dann meine Mutter und ich nach Beendigung meines Schuljahres dort hingezogen, damit die Familie wieder zusammen ist. Für mich war es schwer. In der Pubertät zieht niemand gerne um. In diesem Alter hält man sich gern an dem fest, was man hat und kennt. Bei mir ging es so weit, dass ich mich an meiner alten Schule nicht mal verabschiedete, sondern nur sagte, ich würde in den Ferien meine Geschwister besuchen. So unwirklich kam mir der Umzug vor. Aber ich habe mich schnell am neuen Ort eingelebt. Dass die Familie zusammen war, hat natürlich geholfen.

"Durch die Wende hat sich das Leben dort radikal verändert"

teleschau: Sie sind als gestandene Moderatorin in den Osten zurückgekehrt, weil Sie zwei Jahre auch den Kult-Talk "Riverboat" beim MDR in Leipzig moderierten. Wir fanden Sie Ihre Rückkehr in den Osten?

Susan Link: Ich habe sehr gerne in Leipzig und für "Riverboat" gearbeitet. Im Osten trifft man viele Menschen, die ausgesprochen herzlich sind und die ihre Geschichte erzählen wollen. Auch deshalb, weil es oft eine Geschichte der Brüche ist. Durch die Wende hat sich das Leben dort radikal verändert. Das merkt man bis heute und dieses Lebensgefühl hat sich wie alles, was Eltern stark prägt, auch auf die Kinder übertragen. Die Zeit bei "Riverboat" liegt für mich auch schon wieder zehn Jahre zurück. Aber es war eine spannende Rückkehr für mich und auch eine Auseinandersetzung mit meiner eigenen Geschichte.

teleschau: Lassen Sie uns über die Talkshow an sich sprechen. Sie machen den "Kölner Treff" seit knapp zehn Jahren. Das Format selbst hat 50 Jahre auf dem Buckel. Funktioniert Talkshow heute anders als früher?

Susan Link: Es haben sich viele Dinge verändert und andere hingegen gar nicht. Was gleichgeblieben ist: Wir interessieren uns für andere Menschen. Dass wir über einen längeren Talk wie durch ein Schlüsselloch in das Leben anderer hineinschauen, ist so reizvoll wie eh und je. Dies wird sich niemals ändern. Das Leben selbst hat sich in 50 Jahren und sogar schon in den knapp zehn Jahren, die ich dabei bin, hingegen radikal verändert. Es kommen immer neue Themen hinzu. Dazu neue Kanäle, über die wir Menschen kennenlernen. Vor zehn Jahren haben wir den Zuschauern noch erklären müssen, was ein Podcast ist. Und dass YouTuber und Social Media Stars eben auch Menschen sind, für die sich ein Publikum interessiert, konnte man sich vor zehn oder 20 Jahren nicht vorstellen. Wir können als WDR mit unserem Content aus der klassischen Talk-Show auch neue Medien bespielen und tun dies auch. So ist der "Kölner Treff" auch bei Instagram oder YouTube bestens bekannt.

teleschau: Dass wir Menschen mittlerweile zu viel kommunizieren und konsumieren, gerade über die sozialen Medien, schadet der Talk Show nicht?

Susan Link: Nein, denn es kommt auf die Art der Kommunikation oder des Konsums von Medien an. Die Menschen suchen Tiefe und Menschlichkeit in den Medien. Wer dies erkennt und gute Inhalte dazu anbieten kann, wird als Medienmacher sein Publikum finden. Das war und ist auch das Geheimnis des Kölner Treffs.

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