Serien-Update des Horrorklassikers: Diese "Carrie" steckt in uns allen

"Carrie" war Stephen Kings Romandebüt, und Brian De Palmas Verfilmung von 1976 mit Sissy Spacek wurde für zwei Schauspiel-Oscars nominiert. 50 Jahre später startet das Serien-Update von Horrormeister Mike Flanagan bei Prime Video. Muss man die Geschichte um Mobbing, Qual und Rache heute anders lesen?
von  Eric Leimann
1974 erschien Stephen Kings Romandebüt "Carrie", zwei Jahre später folgte die erste von mehreren Verfilmungen mit Sissy Spacek als telekinetisch begabte 16-jährige Schulaußenseiterin. Nun hat Horrormeister Mike Flanagan ("Midnight Mass")den Stoff neu interpretiert. Für die Hauptrolle castete er die bisher unbekannte Summer H. Howell.
1974 erschien Stephen Kings Romandebüt "Carrie", zwei Jahre später folgte die erste von mehreren Verfilmungen mit Sissy Spacek als telekinetisch begabte 16-jährige Schulaußenseiterin. Nun hat Horrormeister Mike Flanagan ("Midnight Mass")den Stoff neu interpretiert. Für die Hauptrolle castete er die bisher unbekannte Summer H. Howell. © © Amazon Content Services LLC

Die Schule ist ein grausamer Ort - zumindest für Außenseiter. Einer der stärksten Stoffe der Literatur zu diesem Thema ist Stephen Kings 1974 erschienener Debütroman "Carrie". Er handelt von einer 16-jährigen Außenseiterin aus streng religiösem Elternhaus, die in ihrer Highschool gemobbt wird. Die Hauptfigur, in der berühmten ersten Verfilmung von Brian De Palma spielte sie 1976 die dafür Oscar-nominierte Sissy Spacek, verfügt allerdings über telekinetische Kräfte. Je nach Ausmaß von Carries Wut und Verzweiflung können Lampen zum Flackern gebracht oder Schneisen von Tod und Verwüstung erschaffen werden. Gruselmeister Mike Flanagan, der schon Edgar Allan Poes "Der Untergang des Hauses Usher" für Netflix ein denkwürdiges Zeitgeist-Update verpasste, hat nun auch "Carrie" für die Generation Social Media übersetzt. Die Serie startet am Mittwoch, 7. Oktober, mit allen acht Folgen bei Prime Video.

Anders als beim "Usher"-Stoff, den Flanagan in eine dysfunktionale Familie eines superreichen Kapitalisten-Clans verlegte, bleibt er mit "Carrie" dem Roman Stephen Kings, der die Serie mitproduzierte, verhältnismäßig treu. Natürlich findet Mobbing heute mit anderen Mitteln statt. Wie man sich denken kann, spielt Social Media dabei eine große Rolle. Für die Rolle der Carrie wurde aus 1.500 Bewerberinnen die mittlerweile 22-jährige Kanadierin Summer H. Howell ("Hunter Hunter") ausgesucht, die ihre Sache gut macht. Fast noch besser: Die Rolle der Mutter, bei Brian De Palma spielte sie ebenfalls Oscar-nominiert Piper Laurie, interpretiert Samantha Sloyan deutlich anders: War die Mutter in der Vergangenheit ein dem religiösen Wahn verfallenes Monster, ist Margaret White in der Serie eine komplexe Figur, die durchaus Liebe für ihre Tochter Carrie empfindet.

Manche Geschichten muss man für jede Generation neu erzählen

Ebenfalls neu in der 2026er-Version: Flanagan erschafft eine "Kaspar Hauser"-artige Backstory. So werden Carrie und ihre Mutter nach dem Unfalltod eines schweigsamen Bauarbeiters - Carries Vater - zu Hause in einer Art Gebetsschrank versteckt gefunden. Die Familie lebte zurückgezogen unter sich, das Haus verließ nur der Vater zwecks Erwerbstätigkeit. Carrie wurde daheim beschult, streng nach den fundamental-christlichen Prinzipien der Mutter. Die lehnt jede Form von Körperlichkeit und Spaß als Sünde der modernen Welt ab.

Als die Behörden den religiösen Rückzugsort der Whites entdecken, wird Carrie zur Highschool und die Mutter aus finanziellen Gründen zum Jobben verurteilt. Margaret White macht Erfahrungen an der Supermarktkasse und beim Reinigen von Toiletten. Dabei denkt man sich: Unser modernes Leben kann tatsächlich ganz schön fies und eklig sein. Ebenso subtil wird der von amerikanischer Fiction bereits gut ausgeleuchtete Handlungsort Schule gedeutet. Als in Carries neuer Highschool eine Amoklauf-Übung mit Sirenen, Tür-Lockdown und dem Eindringen eines bewaffneten Fake-Attentäters ansteht, brechen zum ersten Mal die Telekinese-Dämme.

Das zeitlos Faszinierende an Stephen Kings Carrie-Figur ist, dass hinter einem zierlichen Mädchen, das gegenüber seinen Altersgenossinnen fast noch kindlich wirkt, ein liebevoller und sensibler Mensch steckt. Es sind jene Umstände, die Kontrollsucht der Mutter sowie die Macht- und Intrigenspiele der Schüler, die Carries Zerstörungspotenzial triggern. Was Mike Flanagan als Autor und Regisseur von Gruselstoffen seit seinem gefeierten Serien-Durchbruch "Spuk in Hill House" (2018) bei Netflix so herausragend macht: er erzählt zwar Gruselstoffe, aber seine Charaktere, ihre Dialoge und Themen sind so anspruchsvoll beobachtet und in Szene gesetzt, dass sie genauso in einem preisgekrönten Arthaus-Drama auffindbar sein könnten. Auch in "Carrie", Flanagans erster Arbeit für Prime Video nach dem Ende seines Netflix-Seriendeals, sind dem 1978 geborenen Amerikaner wieder grandiose Momente rund um Scham, Entfremdung, Wut und menschlicher Grausamkeit gelungen.

Es ist aber eben auch eine knackige Highschool-Serie mit vielen Indie-Pop-Songs im Score und einer Darsteller-Riege, die an die Attraktivität und auch Verschlagenheit der Brian De Palma 70er-Jugendlichen anknüpft. Im Film damals spielten unter anderem John Travolta, Amy Irving und Nancy Allen die Schülerschaft. Letztendlich ist "Carrie" eine Serie über den Zauber und Horror des Heranwachsens. Dass es sich bei der durchaus sehenswerten Prime-Serie bereits um die vierte Verfilmung des Stoffes handelt, beweist: Manche Geschichten muss man für jede Generation neu erzählen.

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