Interview

Senta Berger wird 80: Ein bodenständiges Glückskind

Sie ist beliebt, erfolgreich und geht mit einem großen Herzen durch ein engagiertes Leben. Am 13. Mai wird die große Senta Berger 80 Jahre alt.
| Margret Köhler
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Die in Wien geborene Senta Berger gab 1950 ihr Filmdebüt. Von 1962 bis 1969 lebte sie in Hollywood, spielte dann wieder in Europa, u. a. mit Alain Delon oder in Salzburg die Buhlschaft
Die in Wien geborene Senta Berger gab 1950 ihr Filmdebüt. Von 1962 bis 1969 lebte sie in Hollywood, spielte dann wieder in Europa, u. a. mit Alain Delon oder in Salzburg die Buhlschaft © imago images/Sven Simon

Sie zählt zu den beliebtesten deutschsprachigen Schauspielerinnen und schaut auf ein volles und buntes Leben zurück: die in Wien geborene Senta Berger. Michael Douglas war heimlich in sie verliebt, Lex Barker wollte sie heiraten, aber sie fand ihr Glück mit Regisseur Michael Verhoeven. Über die Jahrzehnte drehte sie mehr als 100 deutsche und internationale Kinofilme und TV-Serien, darunter Helmut Dietls "Kir Royal". Sie war immer "frauenbewegt", aber zu #MeToo wollte sie sich im Gespräch nicht äußern. Am 13. Mai feiert die Grande Dame ihren 80. Geburtstag in Grünwald.

AZ: Frau Berger, Sie gehören zur Generation "Forever young". Wie fühlen Sie sich mit 80? Graut Ihnen vor der Zahl?
Senta Berger: Die Zahl und das sich damit verbindende Ereignis bleibt bis jetzt völlig irreal, unfassbar. Deshalb fehlen mir auch die Worte. Dieser Hilflosigkeit muss man eine Form geben, um sie überhaupt auszuhalten. Wir werden also meinen Geburtstag feiern. Im kleinen Kreis der Familie und mit wenigen Freunden. Mir ist es immer schon am liebsten gewesen, mit Menschen, zu denen ich Vertrauen habe und Liebe empfinde, die Feste des Lebens zu feiern.

"Mit 20 war ich ständig verliebt - wunderbar!"

Möchten Sie noch einmal 20 sein oder sind Sie froh, jetzt alles ruhiger angehen können?
Ich wäre sehr gerne noch einmal 20. Das war eine herrliche Zeit! Ich stand am Anfang meiner Entwicklung und habe die Welt entdeckt. In gewissem Sinne auch mich. Ich habe begonnen den Beruf ernst zu nehmen und damit auch mich. Und ich war ständig verliebt - wunderbar! "Ruhiger Angehen"? Das entspricht nicht meinem Temperament. Ich habe keine Zeit, es jetzt "ruhiger anzugehen". Ganz im Gegenteil. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Kein tröstlicher Gedanke, aber mein Zeitfenster wird immer enger und Corona verengt es noch mehr. Trotzdem versuche ich, gelassen zu bleiben. Vielleicht ist das schon "weise"...

An welche Zeit erinnern Sie sich besonders gerne?
Es gab viele schöne Zeiten, viele Glücksmomente. Sicherlich gehört dazu meine Kindheit in liebevoller Geborgenheit, ein Fundament für mein ganzes Leben. Und sicherlich auch die Begegnung mit Michael Verhoeven, unsere Jahre in Rom - und etwas später die Geburt meiner Söhne. Auch mit unserer Filmfirma Sentana-Filmproduktion wichtige und richtige Filme von "Die Weiße Rose" über "Die Schnelle Gerdi" bis zu "Willkommen bei den Hartmanns" geschaffen zu haben, erfüllt mich mit Freude.

"Einem Masterplan folgte ich nie"

Schon als Sechsjährige wollten Sie Schauspielerin werden. Gab es später einen "Masterplan", oder sind Sie mehr dem Zufall gefolgt?
Wir wollen nicht übertreiben. In einem Schulheft fand ich gerade eine sogenannte "Redeübung", die ich dazu benutzte, vor der Klasse über mein bisheriges Leben zu erzählen. Da war ich zehn Jahre alt und formulierte bereits, dass ich unbedingt Schauspielerin werden möchte. Mit sechs oder sieben Jahren trat ich allerdings mit meinem Vater, einem ausgebildeten Pianisten, bei sogenannten "Bunten Abenden" auf. Das war noch in der fernsehlosen Zeit, als man sich live unterhalten ließ. Mir machten alle Vorstellungen Spaß. Kein Lampenfieber. Das kam erst später und hat mich nie mehr verlassen. Nein, einem Masterplan folgte ich nicht. Dazu müsste man wohl strategisch denken können. Das konnte ich nie.

"Der Beruf hat meine guten Anlagen gefördert: Neugier, Fantasie, Disziplin"

Was war's dann?
Ich verfügte immer schon über eine gute Unterscheidungsfähigkeit: Was ist wichtig, was nicht. Wichtig war für mich, zu lernen, um was es überhaupt in meinem Beruf geht. Dass Textlernen alleine nicht reicht. Und auch nicht Autogramme geben. Und auch nicht mit einer Limousine zur Arbeit abgeholt zu werden. Der Beruf hat alle meine guten Anlagen gefördert: Neugier, Fantasie, Disziplin. Und er hat meine schwächeren Anlagen herausgestellt: Zweifel, Unsicherheit, Skepsis. Heute denke ich, beide Seiten sind notwendig, um jeweils Kompromissfähigkeit und Kompromisslosigkeit zu ermöglichen.

Anfang der 1960er Jahren wagten Sie sich nach Hollywood. War das mutig oder passierte das einfach so?
Meinen ersten amerikanischen Film hatte ich schon 1960 in Wien mit Richard Widmark gedreht, einen Polit-Thriller. Zwei Jahre später wurde ich in einem Walt Disney Film besetzt "Johann Strauss, der Walzerkönig" - ich als Frau Strauss. Anschließend spielte ich im Film "Die Sieger" ein deutsches "Fraulein" im zerstörten Berlin. Columbia produzierte den Film und bot mir 1963 einen Fünfjahresvertrag für Kinofilme an und Universalfilm einen Vertrag für Fernsehfilme. Ich ging also nach Los Angeles mit zwei Verträgen in der Tasche. Wäre ich gefallen, wäre ich weich gefallen. Dennoch war es Mut der Unwissenheit, dass ich mir diese Aufgaben fast selbstverständlich zutraute. Ich war 23!

"Amerikanischen Filme waren in den 50ern die Nahrung, die es zum Träumen brauchte"

Hollywood ist der Traum fast jede Schauspielerin. Sie sind nach einigen Filmen nach Deutschland zurückgekehrt. Wurmt Sie das heute?
Die amerikanischen Filme waren für meine Generation in den 50ern die Nahrung, die es zum Träumen brauchte. Ich weiß auch nicht, wieso ich Hollywood dennoch von Anfang an ziemlich nüchtern gegenüber stand. Es mag mit der Generationenablöse in den 60ern zu tun haben, die eher ein Bruch war. Ich wurde sehr liebevoll empfangen und habe im ersten Jahr in zwei großen US- Kinofilmen und in zwei Fernsehfilmen mitgewirkt. Ein Angebot, am Broadway zu spielen, habe ich abgelehnt. Zur Verzweiflung meiner Agenten habe ich überhaupt viel abgelehnt.

Weshalb?
Wahrscheinlich, weil ich bereits mit Michael Verhoeven zusammen war und meine Reisen zu ihm nach Europa immer häufiger wurden. Ich spürte, dass der Mann und Europa mich mehr interessierten, als Hollywood. In Frankreich gab es die "Nouvelle Vague", in Deutschland den "Neuen deutschen Film", und ich saß da in Los Angeles und machte einen Film mit Dean Martin. Meine Rollenmöglichkeiten waren auch begrenzt. Man schrieb keine eigenen Drehbücher mehr wie noch für Ingrid Bergmann. Es lockten spannende Angebote aus Europa, ich hatte Heimweh, packte meine Koffer und habe es nie bereut.

"Wir haben uns miteinander entwickelt und sind gemeinsam alt geworden"

Seit fast 55 Jahren sind Sie mit Michael Verhoeven verheiratet. Welche Zauberformel wenden Sie an?
Quatsch-Zauberformel! Wir waren sehr jung, haben uns miteinander entwickelt und nicht auseinander und nun sind wir gemeinsam alt geworden. Ein größeres Abenteuer gibt es nicht. Wir sind Zwei geblieben und nicht in Eins verschmolzen. Über Liebe oder Erotik kann man sowieso nicht sprechen, und ich tue es auch nicht.

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Sie gehörten 1971 zu den 374 Frauen, die im "Stern" erklärten "Ich habe abgetrieben" - ein Fanal gegen die herrschende Doppelmoral. Wie denken Sie an diese Frauenbewegung zurück?
Wir waren die erste Generation, die Fragen gestellt hat. Nach der Vergangenheit unseres Landes und nach seiner Gegenwart. Die Gegenwart war in vielen Bereichen durch eine schmerzende Doppelmoral gezeichnet. Das Wort "Abtreibung" alleine finde ich schon diskriminierend. Es geht um Schwangerschaftsabbruch, der jede Frau in tiefe Konflikte stürzt. Es war die Zeit, in der die Pille als Verhütungsmittel eine entscheidende Rolle spielte. Die Kirche hat sie verboten und als Todsünde gebrandmarkt, andererseits ledige Mütter und deren Kinder verurteilt. Und bot Frauen, die sich in ihrer Ausweglosigkeit für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden weder geistige noch materielle Hilfe an. Der Staat hatte diese Moralvorstellung weitgehend übernommen. Reiche Familien schickten Töchter und Frauen in die Niederlande, wo ein Schwangerschaftsabbruch möglich war. Oder man fand in Deutschland Ärzte, die für hohe Honorare einen Abbruch vornahmen. Auf diese fadenscheinige Moral wollten wir mit der Aktion hinweisen. Das ist uns geglückt.

"Ich glaube, wir müssen den Begriff Missbrauch neu definieren"

Gibt es eine Rolle, die Sie nicht missen möchten?
In Deutschland gefiel mir vor allem die Mona in "Kir Royal" und mehr noch die Gerdi in der "Schnellen Gerdi". Aber eben auch die Frau Böhm in "Frau Böhm sagt Nein" und die Anita in "Satte Farben vor Schwarz" mit Bruno Ganz und natürlich die Frau Pohacek in "Unter Verdacht". Ein ganz besonderes Vergnügen war die Frau Hartmann in "Willkommen bei den Hartmanns" unter der Regie meines Sohnes Simon Verhoeven.

Vor wenigen Wochen haben Sie in der ZEIT über sexuelle Übergriffe berichtet durch Kirk Douglas, Richard Widmark oder O. W. Fischer. Warum haben Sie diese jetzt noch einmal öffentlich gemacht?
Ich habe 2006 in meiner Autobiografie "Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann" von einigen Belästigungen als sehr junge Schauspielerin erzählt. Es fehlte damals jegliche Reaktionen darauf, weder von den Medien, noch von anderen Frauen. Die heutigen Reaktionen auf das Interview zeigen, dass sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren doch sehr viel im Bewusstsein der Gesellschaft geändert hat, was die Position der Frau betrifft. Kirk Douglas' Versuch, mich zu küssen, würde ich nicht unter sexuelle Übergriffe einreihen. Es war vor allem für ihn peinlich. Ich glaube, wir müssen den Begriff "Missbrauch" neu definieren.

"Unsere Söhne sind mit unserem Beruf aufgewachsen"

Ihre Familie gilt als Musterfamilie. Gibt es ein vererbtes "Filmgen"? Auch Ihre Söhne Simon und Luca sind im Filmbusiness erfolgreich.
"Musterfamilie" - das klingt furchtbar. Mein Mann und ich wollten immer Kinder haben, und nun haben die Söhne wieder Söhne und wir sind mit anderen Verhoevens eine große Familie. Das erscheint mir ganz natürlich. Unsere Söhne sind mit unserem Beruf aufgewachsen, für sie eine Selbstverständlichkeit, die ihnen die Angst vor dieser doch sehr unwägbaren Branche genommen hat. Beide sind für unseren Beruf talentiert. Kreativ, mutig, neugierig, interessieren sich für Menschen. Mein zehnjähriger Enkel David macht schon seine eigene Musik und will Komponist und Drehbuchautor werden.

Wollen Sie jetzt kürzer treten?
Ich ziehe mich langsam aus dem Beruf zurück und gehe in den Unruhestand. Mal sehen, welche Arbeit mich noch herausfordert und auch Vergnügen macht. Mit gerade 16 habe ich meinen ersten Film gedreht, "Die Lindenwirtin vom Donaustrand" und jetzt bin ich 80! Es ist gut, oder?

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