Senta Berger: "Es war meine Schuld, verdammt noch mal!"
Die AZ, sagt Senta Berger, auf zwei Krücken gestützt, liest sie jeden Tag. "Nicht nur jetzt in der Reha." Die AZ hat die 84-Jährige zu einem kurzen Interview getroffen bei der Sondervorführung ihres Films "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" getroffen.
AZ: Frau Berger, Sie haben den Film noch gar nicht gesehen. Ab wann hat man als Schauspieler eigentlich eine Idee davon, wie ein Film geworden ist?
SENTA BERGER: Ich schaue nie auf den Monitor nach den einzelnen Szenen, das würde mich zu stark verunsichern. Ich will nicht sehen, was ich mache, sondern es aus Erfahrung und Gefühl richtig machen, sonst verliere ich meine Unbefangenheit. Deshalb habe ich "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" noch nicht gesehen, nur im Rohschnitt auf kleiner Leinwand ohne Zuschauer. Das zählt nicht.

Aber eigentlich ist es doch viel entspannter als auf der Premiere. Denn jetzt wissen Sie schon: Der Film ist mit gleich einer Million Zuschauer ein großer Erfolg.
Ich bin erleichtert und glücklich. Aber ich will ihn mit Publikum sehen, das ist das Erlebnis. Es waren besondere Dreharbeiten und ein besonderes Buch von Joachim Meyerhoff und ein besonderes Buch von Simon, meinem Sohn. Es hätte auch schiefgehen können: Schauspielschule, Großeltern, Tod. Das muss nicht unbedingt funktionieren. Aber jetzt ist klar: Es gehen sogar Leute mehrfach rein. Im Krankenhaus sind ganze Schwesternbelegschaften reingegangen und haben mir am nächsten Tag gesagt, wie gut es ihnen gefallen hat – und das waren sehr sympathische, aber direkte Menschen, die auch gesagt haben: Hier bei uns schauen sie aber ganz anders aus. Und ich habe Briefe bekommen von Zuschauern. In diesem Umfang passiert das nicht oft.
"Wie Mary Poppins, aber ohne Schirm"
Wie war die Achterbahnfahrt Ihrer Gefühle: ausgefallene Premiere, dann Erfolg, jetzt zum ersten Mal selbst im Kino?
Für meine Verhältnisse bin ich sehr geduldig gewesen. Ich habe mir klargemacht, dass ich mein Schicksal nicht mehr wenden kann. Es ist nun mal passiert und es war meine Schuld – verdammt noch mal. Ich bin von einer Bühne heruntergefallen. Das passiert vielleicht, wenn man alkoholisiert ist, aber nicht, wenn man so wach ist wie ich vor dieser Vorstellung. Ich war gut drauf, vielleicht etwas spät dran, Tonprobe, Lichtprobe, jetzt gleich Einlass! Ich war erwartungsfroh, 1000 Leute, ausverkauft – und gehe einen Schritt vor und habe – wie Mary Poppins, aber ohne Schirm – einen energiegeladenen Schritt ins Leere gemacht.

Und was macht man dann?
Sich fragen, lass ich mich gehen oder beiße ich mich durch? Aber ich war in der Ferne. Und ich habe meinem Sohn noch gar nicht genug gedankt, weil ich ja auch seinen Erfolg und seine Premiere überschattet habe. Und jetzt bin ich – wenn man Österreich und Wien dazu rechnet, und das muss man immer – vielleicht heute selbst der millionste Besucher.
"Ich fände diesen Film einen schönen Abschied"
Hilft diese Freude, jetzt wieder in den Alltag zurückzukommen nach dem Krankenhaus und der Reha?
Ich bin noch bis Ende April im Krankenstand. Ich habe nur Ausgang bekommen. Ich muss üben, Dinge wieder aufzuheben, wenn sie heruntergefallen sind. Das muss von Tag zu Tag besser gehen.
Und wie ist es generell, nach Dreharbeiten, zurück in den Alltag zu kommen?
Für mich war es immer schwer, nach Dreharbeiten nach Hause zu kommen, schon als 20-Jährige. Hier wohne ich, alles fremd, habe ich oft gedacht. Es waren diesmal aber besonders harmonische Dreharbeiten und zu Hause besonders leer – durch den Tod meines Mannes.
Sie haben gesagt, dass "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ein guter Abschluss Ihrer Karriere wäre.
Ich bin kein Politiker, dem ein Meinungswechsel um die Ohren gehauen wird. Aber ich fände es einen schönen Abschied.
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