"Selbstironie als Schutzmechanismus": So hat sich Uğur Kayas Umgang mit Rassismus verändert

In vielen westlichen Großstädten gilt das Taxifahren als typischer Einstiegsberuf für Einwanderer. Mit dieser Berufsgruppe werden massenhaft Klischees in Verbindung gebracht. Der 1976 erschienene Film "Taxi Driver" mit Publikumsliebling Robert De Niro als Antiheld änderte daran nichts und hatte vielmehr seinen Anteil daran. Aber jetzt ist da ja Barış. Der sympathische Taxifahrer mit Helfersyndrom wird in der neuen ARD-Tragikomödie "Heute fängt mein neues Leben an" (Freitag, 7. August, 20.15 Uhr) von Uğur Kaya (38) mit Herz und Humor dargestellt. Der Schauspieler mit türkischen Wurzeln weiß nur zu gut, wie es ist, unterschätzt oder gar ausgeschlossen zu werden. Wie es der in Neukölln aufgewachsene Philanthrop im Laufe der Jahre geschafft hat, sich von fremdenfeindlichem Gegenwind nicht einschüchtern zu lassen, erzählt er im Interview anlässlich des Starts seines "vielschichtigen" Films, der neben Rassismus auch das Thema Kleptomanie in den Fokus rückt.
teleschau: Herr Kaya, in "Heute fängt mein neues Leben an" spielen Sie einen sympathischen, aber chaotischen Taxifahrer - ist das nicht etwas klischeebehaftet?
Uğur Kaya: Nein, das finde ich nicht. Für mich ist seine Einstellung besonders - wie pur er das Leben sieht und lebt. Er tanzt ein Stück weit aus der Reihe, weil er ganz im Jetzt lebt und sich von Dogmen und Glaubenssätzen lösen konnte. Genau diese Bodenständigkeit fand ich an der Rolle so schön. Sie entspricht für mich nicht dem Klischee, sondern lebt das Leben weniger ehrgeizig und dafür freier - mit einer Leichtigkeit und Zufriedenheit, die uns allen im Alltag vielleicht manchmal fehlt.
teleschau: Viele Schauspielerinnen und Schauspieler mit Migrationshintergrund berichten jedoch, dass sie lange auf bestimmte Rollen festgelegt waren.
Kaya: Ja, zu Beginn meiner Karriere war das bei mir auch so. Während andere Kollegen dieses Problem vielleicht auch noch nach Jahren im Geschäft haben, kann ich mich heute glücklich schätzen: Meine Rollen sind mittlerweile sehr vielfältig. Ich habe schon die unterschiedlichsten Charaktere gespielt: vom Gerichtsmediziner über den Tierarzt und Sozialarbeiter bis hin zum Polizisten. Dabei wurde ich immer wieder für Figuren besetzt, bei denen mein Migrationshintergrund keine Rolle spielte.
"Der zunehmende Gegenwind gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt mir zu denken"
teleschau: Demnach hat sich die deutsche Fernsehlandschaft in den vergangenen Jahren in puncto Diversität spürbar verändert?
Kaya: Ja, die Entwicklung ist spürbar, wenngleich ich mir natürlich wünsche, dass sie schneller voranschreitet. Gerade bei Rollen und Positionen mit größerer Verantwortung am Set sehe ich noch Potenzial, auf das Können und Talent von Menschen zu setzen - ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihres Geschlechts. Seit Beginn meiner Karriere wünsche ich mir bei Castings, dass ganz unterschiedliche Typen für dieselbe Rolle vorsprechen dürfen und nicht schon im Vorfeld festgelegt wird, welche Optik eine Figur haben muss. Ich erlebte schon positive Beispiele, aber natürlich gibt es noch Luft nach oben. Um "Color-blind Castings" und Diversität sollte kein Aufheben gemacht werden. Es ist mehr als nur ein Trend und sollte überall zur gelebten Realität werden.
teleschau: Angesichts der militärischen Auseinandersetzungen weltweit und der gesellschaftspolitischen Spannungen hierzulande: Spüren Sie - auch online - rassistisch motivierten Gegenwind?
Kaya: In unserer Branche bin ich persönlich guter Dinge. Ich habe den Eindruck, dass sich die TV-Landschaft verändern möchte. Im Alltag spüre ich die zunehmende Polarisierung allerdings deutlich, besonders in den sozialen Medien. Ich deinstalliere die Instagram-App inzwischen immer wieder, weil ich manche Kommentare und den Umgang miteinander kaum ertrage. Selbst harmlose Beiträge werden plötzlich völlig anders gedeutet und polarisieren. Auch der zunehmende Gegenwind gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt mir zu denken. Natürlich gibt es Reformbedarf und auch einen Vertrauensverlust. Aber dass inzwischen vieles pauschal abgelehnt und Fakten ignoriert werden, finde ich erschreckend.
teleschau: Haben Sie trotz alledem den Eindruck, dass Zuschauer heute offener für diverse Besetzungen sind als noch vor zehn Jahren?
Kaya: Ich verfolge die Zuschauerzahlen und Mediatheken-Abrufe, auch bei meinen eigenen Projekten. Und die Zahlen sehen gut aus. Auch die Rückmeldungen, die wir per Fanpost erhalten, sind überwiegend positiv. Da ich online eher zurückhaltend bin, habe ich den Gegenwind, der gegen diverse Projekte oder Schauspieler gerichtet ist, selbst bislang kaum erlebt. Bei Kolleginnen und Kollegen, die im Netz sichtbarer sind, sehe ich allerdings, dass es auch viel Negatives gibt. Ich hoffe, dass wir gemeinsam dahin kommen, dass Vielfalt zur Normalität wird.
"Damit Resozialisierung gelingen kann, braucht es vor allem Akzeptanz"
teleschau: Zu einer vielfältigen Gesellschaft gehören auch Menschen mit einer dunklen Vergangenheit. Der Film beschäftigt sich mit der Frage, ob Menschen mit Suchtproblemen wie Kleptomanie oder mit einer Haftstrafe wirklich neu anfangen können. Inwieweit haben Sie sich im Vorfeld des Drehs mit dem Thema Resozialisierung auseinandergesetzt?
Kaya: Mit Kleptomanie habe ich mich vorher nicht intensiv beschäftigt. Ich wusste natürlich, was das ist, aber das Thema ist gesellschaftlich nicht besonders präsent. Mit Resozialisierung in anderen Zusammenhängen kam ich dagegen durchaus in Berührung. Ich komme aus Neukölln und erlebte in meinem Umfeld immer wieder Menschen, die Probleme hatten und zurück ins Leben finden mussten. Damit Resozialisierung gelingen kann, braucht es vor allem Akzeptanz und das Verständnis dafür, dass manche Probleme mit Zwängen oder Süchten zusammenhängen. Wenn wir anerkennen, dass dahinter nicht einfach eine freie Entscheidung steckt, können wir toleranter damit umgehen.
teleschau: Toleranz ist etwas, das vielen Menschen in diesem Kontext schwerfällt ...
Kaya: Ja, leider. Vor allem bei jungen Menschen, die Fehler gemacht oder Straftaten begangen haben, müssen wir den Kontext betrachten: ihre Sozialisation und die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen sind. All das hängt oft eng zusammen. Kehren sie anschließend in dasselbe schwierige Umfeld zurück, sind die Erfolgsaussichten gering. Dann sind andere Maßnahmen erforderlich, die es ihnen ermöglichen, dieses Umfeld zu verlassen und neue Chancen zu erhalten.
teleschau: Sind Sie ein Mensch, der zweite Chancen vergibt?
Kaya: Unbedingt, ja.
"Auch ernste Geschichten leben häufig von humorvollen Momenten"
teleschau: Etwa 0,3 bis 0,6 Prozent der Bevölkerung hierzulande sind von Kleptomanie betroffen. Möchten Sie mit Ihrem Film eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen, aufklären oder reine Unterhaltung bieten?
Kaya: Im besten Fall: alles drei. Der Film ist sehr vielschichtig. Auch wenn Kleptomanie in der Gesellschaft noch kein großes Thema ist, hoffe ich, dass wir Menschen, die davon betroffen sind, Mut machen können. Natürlich ist auch die Komik der Geschichte nicht zu verachten. Der Film ist perfekt für einen schönen, emotionalen Filmabend. Auch ernste Geschichten leben häufig von humorvollen Momenten.
teleschau: Welche Rolle kann Humor in einer Zeit voller Krisen spielen?
Kaya: Ich bin mir sicher: eine sehr große. Der Gedanke, dass wir wirklich nur noch mit dieser angespannten Realität zu tun haben, ist ziemlich düster. Dass wir das mit Humor verarbeiten, ist wie ein Schutzmechanismus, um diese schweren Momente überhaupt zu ertragen. Den Humor zu verlieren, ist folglich keine Option.
teleschau: Wird Humor heute schneller missverstanden?
Kaya: Mein Verständnis ist da sehr weit gefasst. Wenn Persönlichkeitsrechte verletzt werden, distanziere ich mich auch von dem Gesagten. Die Frage "Was darf Satire?" ist jedoch sehr heikel. Ich persönlich kann mit schwarzem Humor oftmals besser mit schwierigen Situationen umgehen. Mittlerweile empfinde ich es so, dass unsere Gesellschaft heute - im positiven Sinne - sensibler ist als noch vor 20 Jahren. Themen wie Feminismus, Body Positivity und Antirassismus-Kampagnen sind richtig und wichtig. Aber wir dürfen dabei nicht den Blick fürs Wesentliche verlieren: Es geht um Sichtbarkeit und Toleranz, nicht um einen Freifahrtschein, um uns - manchmal unter dem Deckmantel von Satire - permanent gegenseitig zu kritisieren - auch im Internet. In meiner Kindheit sind wir mit diesen Themen noch ganz anders umgegangen.
"Untereinander haben wir mit Klischees gespielt und Witze darüber gemacht"
teleschau: Nämlich wie?
Kaya: Damals hatten wir beispielsweise diese Sensibilität für das Thema Rassismus noch nicht. Erst später habe ich manche Erfahrungen anders eingeordnet und gemerkt, wie grenzwertig einige Situationen in meinem Alltag eigentlich waren. Vielleicht entwickelte ich auch eine gewisse Selbstironie als Schutzmechanismus ... Jedenfalls wuchs ich in einer Gegend und auf einer Schule mit vielen Menschen mit Migrationshintergrund auf. Untereinander haben wir mit Klischees gespielt und Witze darüber gemacht. Das ist aber etwas anderes, als wenn solche Aussagen von außen kommen, ernst gemeint sind oder der Ausgrenzung dienen. Heute habe ich dafür eine ganz andere Sensibilität und bewerte manche Erlebnisse entsprechend anders - zum Glück.
teleschau: Inwiefern hat sich dadurch Ihr Verhältnis zu Ihrer Herkunft im Laufe der Jahre verändert?
Kaya: Meine Herkunft war in meinem Leben immer sehr präsent. Zu Hause haben wir Türkisch gesprochen und viele türkische Medien konsumiert. Das gehörte für uns ganz selbstverständlich dazu. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich mich davon nicht lösen kann - im positiven Sinne ist es heute eine Art zweite Heimat. Gleichzeitig hatte ich in Deutschland immer wieder das Gefühl, nicht hundertprozentig akzeptiert zu werden oder dass Akzeptanz an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Dadurch geriet meine Suche nach Identität und Heimat ins Wanken. Umso weniger möchte ich das aufgeben, was ich noch habe: diese "zweite erste Identität".
"Einfach etwas entspannter sein"
teleschau: Für viele Menschen liegen Heimat- und Glücksgefühle nah beieinander. So auch bei Ihrer Figur Barış, wie sie sagen: "Barış ist auf der Suche nach Glück uns allen voraus." Warum sind Sie dieser Ansicht?
Kaya: Ich glaube, sein einziges Lebensziel ist es, so akzeptiert zu werden, wie er ist. In unserer Gesellschaft fällt es uns oft schwer, Menschen anzunehmen, die nicht ehrgeizig ihrem vermeintlichen Potenzial hinterherjagen. Barış wurde ständig gesagt, dass er mehr aus sich machen könne, als Taxifahrer zu sein. Irgendwann glaubte ich ihm jedoch, dass er mit seinem Leben zufrieden ist und mit sich im Reinen - eigentlich das, wonach wir alle suchen. In einer Welt voller Sozialer Medien, Konkurrenzdenken und Konsum ist es unglaublich schwer geworden, bei sich zu bleiben. Wir meditieren und besuchen Kurse, um das Glück in uns zu finden. Gleichzeitig merken wir, dass Konsum uns nicht dauerhaft glücklich macht, weil wir immer mehr wollen. Barış ist frei von diesem Druck und von Vorurteilen. Ich habe mich selbst gefragt, wie ich reagieren würde, wenn ich eine fremde, kleptomanische Frau in meine Familie bringen würde. Für Barış ist es dagegen das Selbstverständlichste der Welt, einem Menschen so zu begegnen.
teleschau: Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich gerne mit auf den Weg geben, wenn Sie könnten?
Kaya: Wir alle durchlaufen einen Prozess und suchen nach Glück. Ich glaube aber, dass das Glück vor allem darin liegt, mit sich selbst zufrieden zu sein. Gesellschaftliche Erwartungen und eigene Ansprüche können schnell überfordern. Weniger zu urteilen, nicht ständig alles zu bewerten, was um uns herum passiert und was wir ohnehin nicht beeinflussen können, ist mein Rat an mein jüngeres Ich. Einfach etwas entspannter sein und das Leben entschleunigen - das würde uns wahrscheinlich allen guttun.