Russland von innen - wie denken die Menschen über den Krieg?

Vier Jahre lang, seit dem Überfall Putins auf die Ukraine am 22. Februar 2022 bis heute, begleitete ein internationales Filmteam Menschen in Russland. Anhand der Beobachtungen einer Fotojournalistin, die für internationale Agenturen arbeitet, werden in dieser Koproduktion (Norwegen, SWR, ARTE) vor allem mutige Dissidenten gezeigt. Ihnen drohen Verhaftung und Gefängnis mit Folterungen. Immer wieder stellt sich die Frage: Warum können so viele Menschen über die von Putin ausgelösten Gräuel hinwegsehen? Indes muss sich der Zuschauer mitunter fragen, wie die Bilder dieses Ausnahmezustands zustande gekommen sind, zumal ja die im Mittelpunkt stehende recherchierende Fotojournalistin laut Abspann noch immer in Russland lebt.
An der Leistung des intensiven Films ändern Fragen wie diese nichts. Allenfalls mag es nicht ganz geglückt sein, die Fotografin namens Julia in den Mittelpunkt der Dokumentation zu stellen. Mitunter ist nicht klar, wer da spricht: Julia, die Filmfigur, oder doch Lyobov Sinitsina, die Regisseurin des Films? Die Filmkamera ist jedenfalls stets nah dran an den mutig handelnden Personen. Wobei besonders die Spielfilm-nahen Eingangsszenen, die Streitgespräche zwischen Julia und ihrem schulpflichtigen Sohn, überzeugen. Der Sohn schämt sich für die opponierende Mutter, er wird in der Schule gehänselt. Es gibt einfach zu viele, die das Unglück des von Putin ausgelösten Krieges nicht begreifen.
"Wir haben gehofft, dass der Krieg bald endet"
Ausführlich wird - nicht zuletzt dank Julia - die Eskalation der Propaganda und der damit einhergehenden Polizeigewalt dokumentiert. In den Schulen und Kindergärten begann die Kriegspropaganda schon vor Kriegsbeginn. Derweil nehmen die Menschen in der Provinz den Krieg gelassen hin, schauen weg oder verpflichten sich sogar für Hilfswerke, wie Alena, die allerlei Zweckdienliches für die Frontsoldaten herstellen lässt - vom Tarnnetz bis zu Kleidung und Seife.
Dem gegenüber stehen Menschen, die gegen die Gewalt der Polizei und der Geheimdienste mit schier übermenschlichem Mut protestieren. Angehörige toter Soldaten legen Blumen am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder, die offene Konfrontation ist inzwischen zu gefährlich geworden. Protestierende werden zu ausländischen Agenten erklärt. Man tut sich in Untergrund-Zirkeln und geheimen Kunstgalerien zusammen. Eine Künstlerin wird zu sieben Jahren Haft verurteilt, später aber in einem Gefangenenaustausch freigelassen.
Gekaufte Rekruten, Gefangene, die ungefragt an die Front transportiert werden, Schulkinder in Propagandadiensten: Vielleicht ist das alles zu viel für einen Film, der die Spaltung der russischen Gesellschaft in Willige und Oppositionelle aufzeigen will. "Wir haben gehofft, dass der Krieg bald endet", heißt es am Ende des über eine große Zeitspanne gedrehten Films, "doch die Kluft zwischen Gegnern und Befürwortern wächst". Und es bleibt die bange Frage: "Was wird aus diesem Land?"
Neben der Dokumentation, die um 21.50 Uhr beginnt, zeigt ARTE weitere Filme, die unter anderem Russland ins Zentrum rücken. Eröffnet wird der Abend durch die Dokumentation "Die Macht des russischen Geheimdiensts" von Stefan Eberlein aus dem Jahr 2024, die den russischen Inlandsgeheimdienst FSB zum Thema hat. Um 23.20 Uhr folgt "Belarus - Frauen im Widerstand". Die Filmemacherin Volia Chajkouskaya begleitet in ihrem Dokumentarfilm (2024) drei Frauen, die in der Diktatur für Freiheit kämpfen.
Russland im Krieg - Ein Land zwischen Propaganda und Widerstand - Di. 18.08. - ARTE: 21.50 Uhr