Rassismus-Skandal um Kiwi im "Fernsehgarten": Deutsch-asiatische Moderatorin erhebt Vorwürfe

Aus einem nostalgischen Moment mit Pokémon-Karten wurde eine hitzige Debatte über Rassismus: Für Andrea Kiewel hagelt es seit der letzten "Fernsehgarten"-Ausgabe ordentlich Kritik. Zu Recht? Jetzt spricht die deutsch-asiatische Moderatorin Melissa Lee über den Vorfall – und richtet in der AZ deutliche Worte an die Verantwortlichen beim ZDF.
Eva Meeks
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In der "90er Dance Party" beim "Fernsehgarten" leistete sich Andrea Kiewel einen Ausrutscher, der hohe Wellen schlug. Viele Zuschauer werfen ihr antiasiatischen Rassismus vor.
In der "90er Dance Party" beim "Fernsehgarten" leistete sich Andrea Kiewel einen Ausrutscher, der hohe Wellen schlug. Viele Zuschauer werfen ihr antiasiatischen Rassismus vor. © imago/star-media

Am Sonntag (12. Juli) begrüßte Andrea Kiewel (61) zwei Pokémon-Karten-Sammlerinnen im "Fernsehgarten". Die beiden Damen hatten eine große, internationale Auswahl mitgebracht, die sie der Moderatorin präsentierten. Eine japanische Karte bezeichnete Kiwi fälschlicherweise als "die chinesische" – und warf lachend ein "Ching Chang Chong" hinterher. Daraufhin ging ein Aufschrei durch die sozialen Medien, der auch Melissa Lee (35) nicht entgangen ist. Die deutsch-chinesische Moderatorin erklärt jetzt in der AZ, warum hinter dem Skandal mehr steckt als ein missglückter Scherz.

ZDF-"Fernsehgarten": Was an Kiewels "Ching Chang Chong" problematisch ist

"Dieses 'Ching Chang Chong' ist eine Sache, mit der man schon konfrontiert wird, wenn man noch ganz klein ist", erklärt die Deutsch-Chinesin Melissa Lee in der AZ. "Und die ganz oft benutzt wird, um einen zu beleidigen. [...] Viele sagen das dann auch noch in einem sehr herabwürdigenden Dialekt – genau, wie [Kiewel] es halt auch gesagt hat."

Melissa Lee arbeitet als Content-Creatorin, Designerin und moderierte zwischen 2015 und 2018 die "VIVA Top 100". Aus eigener Erfahrung heraus fragt sie sich, wie Andrea Kiewel derart unvorbereitet in die Sendung gehen konnte: "Das war ja kein Programmpunkt, der überraschend kam. Und wenn das ihr Moderationsplan war, hätte sie sich ja darauf vorbereiten können." Vielleicht wäre Kiwi dann nicht der Fehler unterlaufen, die japanische Pokémon-Karte mit einer chinesischen zu verwechseln, so Lee.

Melissa Lee ist auf YouTube mit dem Kanal "breedingunicorns" erfolgreich. Die Deutsch-Chinesin ordnet in der AZ den Skandal um Andrea Kiewel ein.
Melissa Lee ist auf YouTube mit dem Kanal "breedingunicorns" erfolgreich. Die Deutsch-Chinesin ordnet in der AZ den Skandal um Andrea Kiewel ein. © imago/PicOne

Verwechslung von China und Japan: Andrea Kiewel mangelhaft vorbereitet

In einem professionellen Kontext wie einer Live-Sendung findet Melissa Lee die Verwechslung von China und Japan indiskutabel: "Es ist einfach faul und bedient die Stereotype, dass Leute sagen: 'Ihr seht ja alle gleich aus'. Was ein riesiges Problem in Deutschland ist!" Denn sie findet: "Wenn man sich ein bisschen mit Asien beschäftigt, stellt man fest, dass wir nicht alle gleich aussehen."

Sie selbst wurde schon oft mit der Problematik konfrontiert. Zum Beispiel, wenn sie E-Mails bekommt, die für andere Creatorinnen mit asiatischen Wurzeln gedacht waren: "Weil die Leute nicht checken, dass wir nicht ein und dieselbe Person sind. Und weil sie uns nicht auseinanderhalten können", so die 35-Jährige. "Und wir machen wirklich komplett anderen Content, wir sehen uns null ähnlich."

Deutsch-Chinesin über Alltagsrassismus: "Was ich da erlebt habe"

Gegenüber der AZ erklärt Melissa Lee, dass Andrea Kiewels Äußerungen kein Einzelfall sind: "Der Alltagsrassismus ist natürlich krass vorhanden." Es käme in Deutschland noch immer zu Generalisierungen ("Ihr seid alle gut in Mathe"), aber auch zur Exotisierung von asiatischen Frauen, nach dem Motto: "Die sind alle devot und können alle gut kochen. Von meinen Tinder-Stories will ich hier gar nicht erzählen – was ich da erlebt habe", schildert sie. Bereits im Kindesalter werde man als asiatisch gelesene Person auf der Straße mit stereotypen Sprüchen konfrontiert.

Über Menschen, die diesen Alltagsrassismus als harmlosen Scherz abtun wollen, sagt Melissa Lee: "Diese Leute entscheiden sich dazu, uns unsere Erfahrungen abzusprechen und zu sagen: 'Hab dich mal nicht so'." Doch die Moderatorin findet, dass die unüberlegte Äußerung von Andrea Kiewel auch schlichtweg nicht witzig war: "Für wen war das lustig, frage ich mich? [...] Ein Witz sollte niemals nach unten treten", so Lee.

Mit ihrer Reaktion auf eine japanische Pokémon-Karte wollte Andrea Kiewel lustig sein. Die meisten Zuschauer fanden den Scherz aber nicht gelungen.
Mit ihrer Reaktion auf eine japanische Pokémon-Karte wollte Andrea Kiewel lustig sein. Die meisten Zuschauer fanden den Scherz aber nicht gelungen. © imago/Bobo

Nach Entschuldigung vom ZDF: Melissa Lee fordert Schulung für Moderatoren

Nachdem in den sozialen Medien eine große Empörung stattgefunden hatte, veröffentlichte das ZDF ein Statement zu dem Skandal: "Die spontan getätigte Äußerung war der Live-Situation geschuldet und keinesfalls rassistisch gemeint. Andrea Kiewel bedauert ihre Worte und entschuldigt sich dafür", so der Sender. "Das ZDF stellt sich explizit gegen jede Form von Rassismus."

Melissa Lee findet dies aber nicht ausreichend: "Als Live-Moderatorin kann dir immer ein Fauxpas passieren." Doch vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das auch durch den Rundfunkbeitrag finanziert wird, sollten die Moderatoren geschult und auf dem neuesten Stand sein. "Ich finde es gut, dass wir freie Medien haben", stellt die Berlinerin klar. "Aber gerade die sollten dafür sorgen, dass ihre Leute up to date sind und vielleicht einmal im Jahr einen Check-in bekommen: Was gilt es zu beachten? Ich würde mich einfach freuen, wenn Menschen da mehr lernen würden."

Dass sich die asiatische Community heutzutage auf Social Media öffentlich wehren könne, betrachtet Melissa Lee als großen Gewinn. Sie wirft in den Raum, betroffene Personen mal in die Sendung einzuladen und von ihren Erfahrungen erzählen zu lassen. Abschließend äußert die 35-Jährige einen konkreten Vorschlag für das ZDF: "Man könnte ja zum Beispiel die nächste Sendung von einer asiatischen Person moderieren lassen. Die können mich gerne anfragen!"

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