Interview

Patricia Riekel: Feiernde Society flieht vor dem Neid aus München

20 Jahre lang war Patricia Riekel (73) Chefredakteurin von "Bunte". Noch viel länger ist die Journalistin eine scharfe und kluge Beobachterin der Society. Ein Gespräch über den Wandel der Münchner Gesellschaft, heimliche Partys mit Weltstars, aufkommenden Sozialneid, spießige Rathaus-Politik, Angst um teure Autos und warum München ein Comeback der Gemütlichkeit bevorsteht.
| Steffen Trunk
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Journalistin Patricia Riekel
Journalistin Patricia Riekel © dpa/Tobias Hase

Patricia Riekel ist die Klatsch-Ikone in Deutschland, war Chefin der "Amica", "Bunte" und der deutschen "InStyle". Liiert ist sie mit Helmut Markwort, das Paar lebt im Herzogpark in München.

AZ-Interview mit Patricia Riekel über den Wandel der Gesellschaft

AZ: Frau Riekel, Sie beobachten die Münchner Gesellschaft - auch die feine und ganz feine - seit Jahrzehnten sehr genau. War früher mehr Lametta?
PATRICIA RIEKEL: Es war einfach mehr Lametta zu sehen! Bevor es die Sozialen Medien gab, haben die Schönen, Reichen und Mächtigen viel mehr gefeiert und Geld verschwendet. Gunter Sachs feierte legendäre Feste mit den schönsten Frauen der Welt. Oder Bernd Eichinger, auch er ein großzügiger Gastgeber, wie es sie heute selten gibt.

Mittendrin statt nur dabei: Patricia Riekel mit Boris Becker und Karl Lagerfeld bei der Bambi-Verleihung 2006.
Mittendrin statt nur dabei: Patricia Riekel mit Boris Becker und Karl Lagerfeld bei der Bambi-Verleihung 2006. © imago/Eventpress

Können Prominente heute keine rauschenden Partys mehr feiern?
Es gibt immer noch glamouröse Feste, aber meistens finden sie hinter hohen Mauern statt. Ich kenne bekannte Unternehmer, die 400 ihrer besten Freunde einladen und Weltstars auftreten lassen. Man passt aber auf, dass nicht zu viel nach außen dringt. Das würde dem Zeitgeist nicht mehr entsprechen. Verschwendung ist "out", Nachhaltigkeit "in". Heute ist alles viel transparenter geworden, man fürchtet die soziale Kontrolle durch Boulevardjournalismus und Handyfotos. Das trägt dazu bei, dass die großen gesellschaftlichen Einladungen seltener geworden sind.

Früher riesige Tantris-Feste auf Spesen, heute mehr Transparenz

Was meinen Sie damit?
Früher, ich meine speziell die 70er und 80er Jahre, konnte die Society ungehemmter feiern. Es gab keine soziale Kontrolle wie heute durchs Internet. Damals konnte man seine Privatfeiern bei Käfer oder im Tantris als Spesen abschreiben, als Geschäftsessen! Das war nicht so leicht nachprüfbar. Heute geht es korrekter und damit auch gerechter zu. Wer sich nicht an Vorschriften und Regeln hält, kann sich nicht mehr mit Prominenz herausreden. Wie Boris Becker zum Beispiel. Wer es heute so richtig krachen lassen will, kann es nach wie vor tun. Dann aber nicht zu Hause in München, sondern im südlichen Umland an den Seen oder auf Yachten, in Marrakesch oder auf Sylt.

Die Schönen und Reichen fliehen vor dem Sozialneid

Fliehen die Reichen für Partys aus der Stadt?
Sie fliehen vor dem Sozialneid. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Wer mit jedem Cent rechnen muss, und das trifft die meisten, nimmt es nicht mehr als gottgegeben hin, wenn einige wenige sich alles leisten können. Die Welt ist heute globaler und transparenter geworden, man vergleicht sich.

Patricia Riekel: Teure Autos nicht in Schwabing parken

Wie äußert sich dieser Neid?
Man verdächtigt die Reichen, dass sie ihr Vermögen vor allem durch Tricks und Steuerschwindel erzielt haben. Und es ist für Normalbürger auch schwer zu verkraften, dass ihr Erspartes an Wert verliert, während die vermögende Klasse immer reicher wird. Der Neid drückt sich in Wahlergebnissen aus, auch in der Forderung von Politikern nach einer Vermögenssteuer. In Berlin sollte man sein Luxusauto nicht mehr auf der Straße parken, weil es im schlimmsten Fall abgefackelt wird. In Schwabing könnte es wahrscheinlich "nur" zerkratzt werden.

Kontrolliert und angepasst: Liberale und unbeschwerte Phase ist vorbei

War früher also alles besser?
Nein, natürlich nicht. Nur die Partygesellschaft feierte ungezwungener. Man zeigte, was man sich leisten konnte. Das war eine neue Kultur nach den anstrengenden Nachkriegsjahren, in denen es um den Wiederaufbau ging. In München entstand die sogenannte Schickeria, die ständig in Champagner-Stimmung schien, die die Nacht zum Tag machte, die sich wichtig und schön fühlte. München wurde auch für den internationalen Jetset zum Nabel der Welt. Ich denke schon, dass dies eine liberale und unbeschwerte Phase war. Heute ist alles viel kontrollierter und angepasster. Auch Influencer, die für viele junge Menschen Vorbilder sind, fallen selten durch eigene Meinung auf. Man könnte sofort sozial vernichtet werden. Daumen runter. Wie im Circus Maximus. Schrecklich.

Wann haben die Sozialen Medien die Society verändert?
Das hat schon zu Zeiten der Wiedervereinigung angefangen. Mit dem Bedeutungsverlust von München. Diese so bunte Gesellschaft aus Filmleuten, Intellektuellen, Künstlern, Playboys, Wirtschaftsbossen, echten und adoptierten Adel, löste sich auf. Sehr viele kreative Köpfe sind nach Berlin gezogen, weil sie glaubten, eine liberalere Heimat zu finden. Andere sind nach London, New York, an die Côte d'Azur oder in die Schweiz, um der Steuer und auch dem Neid zu entfliehen.

"Es wurde immer links-spießiger"

Welche Bedeutung hatte die Münchner Rathaus-Politik für diesen Wandel?
Die Zeiten, als die Cliquen von Bernd Eichinger oder Klaus Lemke samt schönen Frauen die Leopoldstraße säumten, sind vorbei. Die Politik Ende der 80er hat dazu beigetragen. Es wurde immer links-spießiger in München. Da durften keine Hochhäuser gebaut werden, und um 23 Uhr mussten die Gehsteige hochgeklappt werden. Bars und Diskotheken wurden weniger.

Hat sich die Society auch durch das veränderte Frauenbild gewandelt?
Frauen spielen inzwischen eine ganz andere Rolle. Glücklicherweise. Früher waren Frauen oft nur schöner Anhang. Sie wurden als "hübsche Hasen" bezeichnet, Trophäen für erfolgreiche Männer. Heute sind Frauen viel selbstbewusster und lassen sich nicht mehr vereinnahmen. Zudem würde heute keiner mehr über Merkels Frisur oder die kniehohen Stiefel von Stephanie zu Guttenberg bei einem Staatsbesuch meckern. Das sind Äußerlichkeiten.

In-Lokale und Promi-Treffes fehlen in München

Wo sind denn heute die Stars in München?
Wir haben in München noch Prominente, aber es fehlen Lokale, wo man die Szene in freier Wildbahn erleben kann. Früher gab es weltberühmte Diskotheken wie das Tiffany, das Lieblingslokal von Mick Jagger, oder die Klappe. Gibt es alles nicht mehr. Und wir haben in München kein Borchardt, keine Paris Bar, wo sich die Prominenz jeden Abend trifft. Wenigstens haben wir noch die berühmteste Bar Deutschlands, das Schumann's. Zwar gibt es viele Promi-Veranstaltungen, zu denen auch Weltstars eingeladen werden, aber das sind meistens PR-Veranstaltungen, die sich als Society-Event zu tarnen versuchen.

Legendäre Party-Location der 60er Jahre - auch für Prominente: das "Tiffany" in der Leopoldstraße.   Foto: Heinz Gebhardt/imago
Legendäre Party-Location der 60er Jahre - auch für Prominente: das "Tiffany" in der Leopoldstraße. Foto: Heinz Gebhardt/imago © Heinz Gebhardt/imago

Was ist heute noch Gesellschaft?
Jedenfalls keine Prominenten, die ihre Gesichter in die Kameras halten, nur um etwas zu verkaufen. Die gute Gesellschaft begreift sich als Elite, die Werte und Moral teilt. Da geht es nicht ums Gesehen zu werden, sondern um zu sehen.

Riekel: "Die gute Gesellschaft taucht selten in den Klatschspalten auf"

Wer ist in München in guter Gesellschaft?
Die gute Gesellschaft taucht selten in den Klatschspalten auf. München hat Elite-Hochschulen und Dax-Unternehmen. Das prägt die Gesellschaft, zu der neben Intellektuellen und Wirtschaftsbossen Künstler, Politiker und Adel zählen. Eine tolle Auswahl an Charakterköpfen gibt es beim Herrenessen von Helmut Röschinger oder beim Münchner Herrenclub, in den man nicht so schnell reinkommt. Einen Querschnitt der in Tradition verwurzelten Münchner Gesellschaft erlebt man zum Beispiel auch, wenn man von Orthopädie-Professor Wolfgang Pförringer zum "Symposium Bavaricum" eingeladen wird.

Aber wild geht es da nicht wirklich zu.
Auf den Tischen wird da nicht getanzt. Das hat nichts mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft zu tun, die sich freut, wenn sie in der Boulevardpresse auftaucht. Diskretion ist ein Merkmal der besseren Gesellschaft. Es kann die gesellschaftliche Reputation kosten, wenn man aus der Rolle fällt.

Weiterhin großes Interesse am Leben der Prominenten 

Stirbt die Gesellschaft in München aus?
Nein, man muss nur unterscheiden zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Gesellschaft. Das Leben der Prominenten interessiert die Öffentlichkeit, auch wenn das viele nicht zugeben. Es ist doch herrlich, dabei zuzusehen, wie sie feiern, lieben, siegen oder auch abstürzen.

Kann es sein, dass Sie die Schickeria nicht mögen?
Ich möchte nicht mit Verachtung über diese Welt sprechen, in der mehr Schein als Sein herrscht. Das ist schon etwas, das wir gernhaben. Diese Kolibris, die glamourösen Eintagsfliegen und diejenigen, die alles tun würden, um stattzufinden. Das ist herrlich. Die Leichtigkeit und das Exzentrische gehört zu München dazu. Außerdem glaube ich, dass München wieder in Mode kommt. Uns steht ein Comeback der durchmischten Gesellschaft bevor.

Comeback der Gemütlichkeit steht München bevor

Wie erklären Sie dieses Phänomen?
Gerade bei den Kreativen kommt die Sehnsucht nach München zurück. Dieses Überschaubare, diese Idylle, das urbayerische "Leben und leben lassen", der Englische Garten, die hübschen Frauen und das Bier. Es ist ein Comeback der Gemütlichkeit. Man ist hier viel entspannter als in anderen Städten. In München braucht man nicht unbedingt einen Titel oder Geld, sondern Witz und Charme. Dann akzeptiert dich die Gesellschaft.

Gibt es Promi-Nachwuchs in München?
Ja, weil es doch heute viel einfacher geht. Es geht um Aufmerksamkeit, die mehr zählt, als Reichtum oder Talent. Hauptsache, du findest in den Medien statt. Einmal als Hanswurst in einer Castingshow aufgetreten, und schon zählst du zur Prominenz. Früher brauchte man Talent und Disziplin, um sich einen Namen zu machen. Und es gab ja auch weniger Möglichkeiten, in der Öffentlichkeit stattzufinden. Da konnte ein Nachwuchs-Talent nur hoffen, donnerstags in einem Magazin erwähnt zu werden.

Aufmerksamkeit ist eine Sucht

Brauchen die Sternchen überhaupt noch die Society?
Ja, da sie dazugehören wollen. Der Wunsch, beachtet zu werden, drückt sich durch Facebook, Instagram und andere Kanäle aus. Aufmerksamkeit ist eine Droge, eine Sucht. Instagram ist wichtig, weil es die Zeitschrift von gestern ersetzt, ohne, dass es die gleiche Qualität hat. Und man kann dort viel Geld verdienen.

Fürstin Gloria und der Adel sind immer noch Vorbild

Wer ist Prototyp für die heutige schillernde Münchner Gesellschaft?
Da fällt mir Fürstin Gloria als Bindeglied ein. Der Adel ist immer noch Vorbild. Sie lädt Mick Jagger ein, veranstaltet Theater im Regensburger Schloss, ist weltweit bei allen Society-Events eingeladen, besucht Kunstmessen, tritt im Fernsehen auf, hat Mut zur Meinung und kann über sich selber lachen. Gloria kann beide Welten bedienen: die Gesellschaft und die Prominenz. Sie ist klug, hat gute Kontakte, tritt aber auch in manches Fettnäpfchen. So eine Figur gibt es in keiner anderen deutschen Stadt.

Herrin der Schlossfestspiele: Gloria Fürstin von Thurn und Taxis posiert im Garten des Fürstenschlosses St. Emmeram. Foto: dpa
Herrin der Schlossfestspiele: Gloria Fürstin von Thurn und Taxis posiert im Garten des Fürstenschlosses St. Emmeram. Foto: dpa © dpa

Hat Corona die Glamour-Welt in München verändert?
Viele meinten, es wird nicht mehr so wie vor den Lockdowns sein. Doch Corona hat den Hunger nach gesellschaftlichen Veranstaltungen verstärkt. Das Gedränge auf Galas und Festen ist größer denn je. Und deswegen drängen sich die Promis nach der langen Zeit des Stillstands selbst auf Events, wo Firmen Küchengeräte vorstellen. Das hätte es früher nicht gegeben.


Patricia Riekel ist Jurymitglied bei der AZ-Aktion "Hund samma - die Wahl mit Wau", bei der Münchens schönster Hund gekürt wird.

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