Münchner Sängerin Ruth Megary im AZ-Interview: Topfit mit 95

Die Münchner Sängerin und Conférenciere Ruth Megary ist mit ihren 95. Jahren fit und gesund. Im Interview mit der AZ erklärt sie, wie sie das geschafft hat.
| Daniela Schwan
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"Singen, das ist wie Lachen, Gähnen und Summen gleichzeitig, das beflügelt, strafft die Gesichtsmuskulatur und macht gute Laune.": Ruth Megary am Klavier.
Klaus Weißenberg "Singen, das ist wie Lachen, Gähnen und Summen gleichzeitig, das beflügelt, strafft die Gesichtsmuskulatur und macht gute Laune.": Ruth Megary am Klavier.

Die Münchner Sängerin und Conférencière Ruth Megary ist mit ihren 95. Jahren fit und gesund. Im Interview mit der AZ erklärt sie, wie sie das geschafft hat.

München - Maxvorstadt, ein gelbes Haus ohne Aufzug. Hier, im 4. Stock, lebt die Sängerin, Schauspielerin und Conférencière – also Moderatorin mit eigenem Programm bei Shows und Revuen – Ruth Megary. Unglaubliche 95 ist sie, kaum einer schätzt sie älter als 70. Ihre Freunde nennen sie "Lady Ruth".

Ohne Make-up und Absatzschuhe geht die zierliche Münchnerin nie aus dem Haus. Und steigt noch jeden Tag mehrmals 68 Stufen rauf und runter, immer mit einem Lächeln im Gesicht und einem freundlichen Wort für die Nachbarn.

AZ: Hut ab, Frau Megary, tägliche Treppengymnastik, das hält offenbar fit!
Ruth Megary: Das sagte mein Hausarzt auch immer, leider ist er letzten Monat verstorben. Er hat mich immer als leuchtendes, positives Vorbild hingestellt. Was nicht zuletzt am Treppensteigen in den 4. Stock liegt, das absolviere ich, seit ich hier lebe, also seit 63 Jahren, und habe mich daran gewöhnt. Außer Bluthochdruck – dagegen nehme ich Tabletten – fehlt mir nichts. Zusätzlich mache ich täglich Ballettübungen, natürlich altersmäßig angepasst und nicht mehr so extrem wie früher.

Sie achten immer auf Ihre Figur, bedeutet das Verzicht?
Ganz und gar nicht. Ich habe immer nach dem Motto gelebt: alles in Maßen und nichts übertreiben, was Essen und Alkohol betrifft. Klar gönn ich mir auch mal ein Glaserl Champagner oder ein Bier, mehr aber nicht. Außer einer ausgewogenen Ernährung sind tägliche Glücksgefühle ganz wichtig!

Was bereitet Ihnen freudige Momente?
Gespräche mit meinen Freunden, mit Bekannten und mit jungen Leuten, ich bin sehr kommunikativ, aufgeschlossen, gehe mit der Zeit und freue mich, dass sie mich nicht als "schrullige Alte" abtun, sondern ganz normal mit mir reden. Und durch Singen, Singen, Singen, das ist wie Lachen, Gähnen und Summen gleichzeitig, das beflügelt, strafft die Gesichtsmuskulatur und macht gute Laune.

Und wenn Sie mal schlecht drauf sind?
Das kommt natürlich auch mal vor, aber dann lasse ich es mir nicht anmerken, sondern mache das mit mir selbst aus. Mein Credo: auf keinen Fall jammern, schon gar nicht in der Öffentlichkeit, das lässt einen klein dastehen, sich nicht gehen lassen, immer adrett und geschminkt aus dem Haus gehen, so wenig Negatives wie möglich an mich heranlassen und nicht schlecht über andere reden! Natürlich hatte ich auch schon Rückschläge, unsere Konditorei wurde im 1. Weltkrieg ausgebombt, meine Eltern und ich standen vor dem Nichts. Und meine Ehe war der Horror, mein Mann war eifersüchtig auf meinen Erfolg und hat mich um eine Lebensversicherung über zwei Millionen Mark betrogen. Nach der Scheidung 1966 fühlte ich mich frei und meine internationalen Agenturen haben mir Engagements als Conférencière in edlen Nachtclubs, bei Revuen und Transvestiten-Shows vermittelt, dort habe ich in verschiedenen Sprachen moderiert, gesungen und unterhalten, und hatte auch ein paar Witze im Programm. Ich war immer unabhängig und diszipliniert und habe mir alles selbst erarbeitet, ohne fremde Hilfe und ohne Abhängigkeit von einem Mann, und auf Affären mit Kollegen habe ich gänzlich verzichtet, obwohl ich jede Menge Chancen hatte.

Wollten Sie eigentlich schon immer Sängerin werden?
Nein. Meine Eltern hatten eine Konditorei am Josephsplatz, die sollte ich mal übernehmen. Dann kam aber der Krieg dazwischen, und wir haben alles verloren, auch die Wohnung. Ich wurde dann als Sekretärin in der Nähe von Salzburg kriegsdienstverpflichtet und habe während der Arbeit gerne mal ein Lied geträllert. Eines Tages sagte ein amerikanischer Offizier zu mir: Oh, you are a singer, sind Sie Sängerin? Ehe ich mich versah, hatte ich die Noten zu "Summertime" in der Hand und stand kurz darauf mit zittrigen Beinen auf der Bühne im Schloss Kleßheim zur Siegesfeier der Alliierten.

Das war am 8. Mai 1945.
Ja. Noch am selben Abend bekam ich einen Vertrag und trat fortan in den damaligen Amiclubs auf. Später studierte ich am Mozarteum Gesang und habe immer gut von meiner Arbeit leben können. Und bin schon für nächstes Jahr beim Opening im Bikini-Art-Museum in Bad Rappenau gebucht mit meinem Repertoire mit Klassikern aus aller Welt. Aber im Bikini werde ich nicht auftreten, höchstens im Badeanzug mit Hüfttuch (lacht). Man wird ja nicht jünger, und die Falten werden laufend mehr. Ich stehe aber dazu und wollte mich auch nie liften lassen. Denn jede meiner Falten ist ein Zeichen meines erfüllten und gelebten Lebens.

Ruth Megary intoniert mit noch immer tragender Stimme den George-Gershwin-Klassiker "Summertime" ihr Lieblingslied, und nippt am Champagnerglas. "So, und jetzt muss ich auf mein Facebook-Profil schauen, meine Bekannte aus der Schweiz macht das für mich und ruft mich gleich an. Leider muss sie mir jedes Mal aufs Neue erklären, wie ich da reinkomme", sagt die Showlegende. Und dann lacht sie wieder.

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