Interview

Münchner Herzchirurg Rüdiger Lange über seine Karriere: "Die Angst war oft ein wichtiger Begleiter"

Er gilt als Vorreiter beim Einsatz roboterassistierter chirurgischer Systeme zur Reparatur defekter Herzklappen und hat die minimalinvasive Herz-OP mitentwickelt: Der Münchner Herzchirurg Rüdiger Lange ist ein Pionier auf seinem Gebiet. In seinem neuen Buch blickt der 73-Jährige jetzt auf seine Karriere zurück. Im Interview mit der AZ spricht der ehemalige Ärztliche Leiter des Deutschen Herzzentrums in München offen über die Schattenseiten - und schwärmt von seiner berühmten Frau.
Daniela Schwan |
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Der ehemalige Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie und Ärztliche Direktor am Deutschen Herzzentrum München räumt in seinem Buch auf mit dem Mythos der "Götter in Weiß".
Der ehemalige Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie und Ärztliche Direktor am Deutschen Herzzentrum München räumt in seinem Buch auf mit dem Mythos der "Götter in Weiß". © Sebastian Artl

Mehr als 15.000 Herzen lagen bereits in seiner Hand: Prof. Dr. Rüdiger Lange ist eine Koryphäe, ein wahrer Pionier der modernen Herzchirurgie. Über zwei Jahrzehnte leitete der gebürtige Bonner die Herz- und Gefäßchirurgie am Deutschen Herzzentrum in München und gilt etwa als Vorreiter beim Einsatz roboterassistierter chirurgischer Systeme zur präzisen Reparatur defekter Herzklappen.

Jetzt hat der ehemalige Ärztliche Direktor des Herzzentrums (seit 2019), der 2023 seinen verdienten Ruhestand angetreten hat, ein Buch über seine bewegte Karriere geschrieben. Am 15. September erscheint "Herzblut - Spitzenchirurgie zwischen Leben und Tod" im Hanserblau Verlag.

Die AZ trifft den Ausnahme-Chirurgen für das erste Interview zu seinem neuen Buch mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Thamara Barth (u.a. "Utta Danella", "Die Rosenheim-Cops") in Schwabing.

Kein Sachbuch und keine Heldengeschichte: Was Rüdiger Lange in seinem Buch wirklich erzählen will

AZ: Herr Prof. Dr. Lange, warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
RÜDIGER LANGE: Ich erzähle in "Herzblut" von mehr als 40 Jahren Herzchirurgie, von großen Erfolgen, aber auch von Angst, Fehlern, Tod und der Verantwortung, die man trägt, wenn das Leben eines Menschen buchstäblich in den eigenen Händen liegt. "Herzblut" ist kein Sachbuch über Herzkrankheiten und auch keine Heldengeschichte. Es geht mir um den Menschen hinter dem weißen Kittel. So spricht man in meinem Beruf über Angst erstaunlich wenig. Dabei war sie für mich oft ein wichtiger Begleiter, manchmal sogar eine Verbündete. Ich rede in dem Buch vom Preis eines Lebens an der Spitze: von Familie, Zeit, persönlichen Opfern und der Frage, wie man trotz Erfolg und enormen Drucks Mensch bleibt. Denn hinter jeder Operation steht eine Geschichte und hinter jeder Zahl ein Mensch, und genau darum geht es in diesem Buch.

Rüdiger Langes Buch "Herzblut - Spitzenchirurgie zwischen Leben und Tod" erscheint am 15. September im Hanserblau Verlag.
Rüdiger Langes Buch "Herzblut - Spitzenchirurgie zwischen Leben und Tod" erscheint am 15. September im Hanserblau Verlag. © Hanserblau Verlag

Rüdiger Lange: "Der Chirurg ist immer schuld!"

Einer der Schlüsselsätze lautet: "Zwischen Leben und Tod liegt oft nur der Bruchteil eines Millimeters".
Schon früh in meiner Karriere starb ein Patient nach einem eher unproblematischen Eingriff durch eine falsche Medikamentengabe einer Krankenschwester, wofür ich als Chirurg die Verantwortung tragen musste. Denn: Der Chirurg ist immer schuld! Das Schwierigste ist es, nach einer langen Operation, die ein Patient nicht überlebt hat, mit den Angehörigen zu sprechen. Der Tod eines Patienten, der nach der OP in Lebensgefahr schwebt, verfolgt einen Tag und Nacht, raubt einem den Schlaf. Man geht in Gedanken wieder und wieder die OP durch, um vermeintliche Fehler zu finden. Daran sind auch schon manche Kollegen zerbrochen. Natürlich lernt man irgendwann, besser damit umzugehen. Aber man stumpft nie ab. Ich sage immer: Nicht ein Chirurg, der Angst hat, ist gefährlich, sondern einer, der keine Angst hat. Angst und Stress sind ganz wichtig, um demütig zu bleiben und hoch konzentriert und bedacht zu arbeiten!

Der Mensch hinter dem Kittel: So sehr stehen Ärzte tatsächlich unter Druck

Sie räumen mit dem Mythos der "Götter in Weiß" gehörig auf und gewähren tiefe Einblicke in den Menschen hinter dem Arztkittel.
Der Kittel ist ein Schutzschild, dadurch können sich die Ärzte separieren und Abstand wahren. Und es gibt eh schon viel zu viele Heldengeschichten! Ich spreche Themen an, die bisher kaum angesprochen wurden: Der Mensch hinter dem weißen Kittel, welchen Stress er haben kann, was für eine Verantwortung er täglich trägt, wie er mit Tod, eigenen und fremden Fehlern und mit Misserfolgen konfrontiert wird. Und sein Leben darauf ausrichten muss, diesen Beruf durchstehen zu können. In den 1970er Jahren kam das Buch "Auf Messers Schneide" vom Orthopäden und Chirurgen Julius Hackethal auf den Markt. Es gab einen Riesenaufschrei; er hat zum ersten Mal Geschichten aufgeschrieben, in denen Menschen zu Schaden gekommen sind. Das war damals ein Skandal, und er galt als Verräter seiner Zunft (lacht).

Rüdiger Lange über seinen Ruhestand: "Es war der richtige Moment, um zu gehen"

Stichwort: Ruhestand. Kann man als international anerkannter medizinischer Wegbereiter für revolutionäre OP-Verfahren so einfach loslassen?
Sehen Sie, ich hätte gedacht, es würde schwer werden, aber dem war nicht so. Ich habe zu einem Zeitpunkt aufgehört, zu dem ich wirklich noch perfekt operieren konnte, ich nicht gezittert habe, meine Augen noch gut waren - das war der richtige Moment, um zu gehen. Wenn man aufhört und in den Ruhestand geht, dann sollte man es konsequent tun, sonst vergibt man sich die Chance auf einen wirklichen Neuanfang, einen neuen Lebensabschnitt, neue Aufgaben, vielleicht sogar einen neuen Sinn. Das ist nicht möglich, wenn man noch mit einem Fuß in der Arbeit steht. Ich habe damals ein großes Abschiedsfest gemacht und das als "Abschnittsfest" deklariert. Heute halte ich noch weltweit Vorträge über Themen, über die ich früher gar nicht gesprochen habe: Wie bildet man Chirurgen aus? Wie geht man als Chirurg mit Stress, Fehlern und Tod um?

Dream-Team: Rüdiger Lange und Ehefrau Thamara Barth vor deren Bronze-Skulpturen.
Dream-Team: Rüdiger Lange und Ehefrau Thamara Barth vor deren Bronze-Skulpturen. © privat

Münchner Herzchirurg offenbart über seinen Beruf: "Zwei Ehen sind daran gescheitert"

Würden Sie diesen Beruf heute nochmal wählen?
Auf jeden Fall! Aber ich würde ihn heute anders strukturieren. Ich bin ja noch von der alten Generation, habe praktisch mein Leben diesem Beruf geopfert, kaum Zeit für irgendetwas anderes gehabt. Zwei Ehen, aus denen auch meine beiden Kinder, 37 und 18 Jahre alt, stammen, sind daran gescheitert, dass mein Beruf sehr viel Raum eingenommen hat und für die Familie oft weniger Zeit blieb, als gut gewesen wäre. Die modernen, jungen Ärzte heutzutage bekommen eine Work-Life-Balance hin. Sie machen den Job zu 150 Prozent, kümmern sich um die Familie und schaffen sich Freiräume. Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, dass man im Beruf komplett aufgeht (lacht).

Rüdiger Lange schwärmt von seiner Frau: "Ihre Kreativität hält mich jung"

Und jetzt: Können Sie Ihre dritte Ehe mit der Schauspielerin und Künstlerin Thamara Barth in vollen Zügen genießen?
Ihre ansteckende Kreativität hält mich jung! Thamara ist nicht nur eine tolle Schauspielerin, sondern auch eine großartige Künstlerin. Zu meinem Geburtstag im Juli hat sie eine zwei Meter hohe Bronze-Statue mit einem verschlungenen Liebespaar für mich gestaltet; sie steht jetzt bei uns im Garten. 2018 haben wir uns kennengelernt und einige Jahre später auf dem Turm des Castello in Torri del Benaco am Gardasee ganz romantisch geheiratet. Wir machen zusammen Sport, unter anderem Reformer-Pilates, reisen viel, haben in vielen Dingen die gleiche Sichtweise, gemeinsame Interessen, eine hohe Toleranz und ein hohes Verständnis füreinander, streiten so gut wie nie und sprechen über alles. Als ich mein Buch "Herzblut" schrieb - Thamara war auch dabei eine wunderbare Beraterin -, habe ich über mein Leben reflektiert und festgestellt: Ich bin glücklich, dankbar und stolz auf das, was ich erleben durfte und darf.

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