Mike Tyson wird 60: Die erstaunliche Verwandlung des "Iron Mike"

Tiger, Gefängnis, Ohr-Biss: Mike Tyson wird 60 Jahre alt. Seine Geschichte ist weit mehr als die eines ehemaligen Box-Weltmeisters. Sie handelt von Angst, Macht, Selbstzerstörung und dem Versuch, endlich Frieden mit sich selbst zu schließen.
von  (jök/spot)
Hat endlich Frieden mit sich selbst geschlossen: Mike Tyson.
Hat endlich Frieden mit sich selbst geschlossen: Mike Tyson. © imago/Cover-Images

Er war Champion, Skandalfigur, Popstar und der Bad Boy schlechthin. Zu seinem 60. Geburtstag zeigt sich Mike Tyson als Mann, der seine Dämonen kennt - und nicht länger vor ihnen davonläuft. Heute blickt der ehemals gefürchtetste Mann der Welt gelassen und respektvoll wie nie auf sein Leben zurück. Ein Leben, das spektakulärer war als viele Hollywood-Drehbücher.

Absurde Film-Persiflage auf sein Leben

Es ist eine der absurdesten Szenen der Filmgeschichte. Nach durchzechter Nacht inklusive Filmriss kehren die drei "Hangover"- Freunde in ihre Luxussuite in Las Vegas zurück. Dort hat sich ein Eindringling breit gemacht: der leibhaftige Mike Tyson. Die Box-Legende sitzt an einem Flügel, erhebt sich und imitiert das berühmte Schlagzeugsolo von Phil Collins' "In the Air Tonight." Er animiert sie zum Mitsingen: "I've been waiting for this moment for all my life." Auf diesen Moment habe ich ein Leben lang gewartet. Schließlich fordert er unmissverständlich seinen Tiger zurück, den die drei im Bad der Suite versteckt haben sollen.

Die Szene aus dem Blockbuster "Hangover" von 2009 ist Kult. Der scheinbar sanfte Ex-Boxer, der sich selbst nicht mehr ganz ernst nimmt, begeistert seither Millionen. Dass der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister jemals seinen eigenen Rauhbein-Mythos persiflieren würde, erschien bis dahin unwahrscheinlicher als eine seltene Raubkatze im Badezimmer. Denn: Mike Tyson war einst nicht einfach ein berühmter Sportler. Er war eine Erscheinung - kühl und humorlos. Bei vielen Menschen löste er die reine Angst aus.

Mit 20 jüngster Box-Weltmeister

Als Tyson Mitte der Achtzigerjahre die Boxwelt erobert, wirkt er wie die personifizierte Naturgewalt. Mit gerade einmal 20 Jahren wird er zum jüngsten Schwergewichtsweltmeister der Geschichte. Seine Kämpfe sind oft schneller vorbei, als die TV-Zuschauer vor dem Fernseher ihr Bier öffnen können. Gegner gehen zu Boden, als hätte sie ein Zug erfasst. Alle merken: Der junge Mann aus Brooklyn ist anders. Sein brachialer Erfolg basiert nicht allein auf seiner Schlagkraft. Er betritt den Ring ohne jede Show. Keine extravaganten Roben, keine großen Gesten. Schwarze Hose, schwarze Schuhe. Und je ruhiger er blickt, desto bedrohlicher wirkt er. Die Öffentlichkeit reagiert damals fasziniert. Tyson wird zum Superstar einer Ära. Er ist jung, über Nacht reich und scheint unaufhaltsam. Gleichzeitig ist erkennbar, dass sich hinter der martialischen Fassade ein Mensch verbirgt, den Verlust, Gewalt und Unsicherheit geprägt haben.

Aus schwierigen Verhältnissen an die Spitze

Mike Tyson wächst in Brooklyn als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in großer Armut auf. Sein Vater verlässt die Familie, als Mike zwei Jahre alt ist. Gewalt und Kriminalität gehören in seinem Umfeld zum Alltag. In der Schule wird der schüchterne, lispelnde Mike oft gehänselt. Als Jugendlicher gerät Tyson selbst auf die schiefe Bahn. Die Wende folgt, als sein außergewöhnliches Boxtalent ausgerechnet in einer Erziehungsanstalt entdeckt wird. Der legendäre Box-Trainer Cus D'Amato (1908 - 1985) nimmt ihn unter seine Fittiche. Er gibt Tyson Halt, bringt ihm Disziplin bei. Nach dem frühen Tod seiner Mutter 1982 wird D'Amato für Tyson zum einzigen Fixpunkt: "Er sagte zu mir: 'Sei vorsichtig, was du dir wünschst. Dein Wunsch könnte in Erfüllung gehen'", so Tyson 2008 in einem Gespräch mit dem "Interview"-Magazin. Tysons ersten WM-Titel 1986 erlebt D'Amato allerdings nicht mehr mit.

"Bin überrascht, dass ich noch lebe"

Nach seinem historischen WM-Triumph scheint für Mike Tyson die Welt offen zu stehen. Der Ausnahmeboxer dominiert das Schwergewicht wie kaum ein anderer vor ihm. Doch auf den Ruhm folgen Abstürze. Drogenprobleme und finanzielle Krisen überschatten immer wieder sein Leben. Tyson verbringt drei Jahre im Gefängnis, nachdem er 1992 wegen Vergewaltigung verurteilt worden war. Unvergessen bleibt der Skandal-Kampf von 1997. Mitten im Kampf beißt Tyson seinem Rivalen Evaner Holyfield (63) ein Stück des rechten Ohrs ab. "Iron Mike" wirkt nicht mehr faszinierend, sondern nur noch unheimlich.

Zu diesem Eindruck trägt auch sein Gesichtstattoo nach Maori-Art bei, das zu seinem Markenzeichen wird. Tyson hält sich zeitweise Bengaltiger als Haustiere. Nach mehreren Comeback-Versuchen beendet er 2005 seine Karriere mit einer Niederlage. 2008 resümiert er über die turbulenten zwei Jahrzehnte zuvor selbstkritisch: "Ich habe damals nicht realisiert, in was ich hineingeraten war. Alles war so überwältigend. Ich bin überrascht, dass ich überhaupt noch lebe." Doch es kommt noch schlimmer.

"Hangover" als Rettung nach Tod der Tochter

Am 26. Mai 2009 stirbt Tysons vierjährige Tochter Exodus durch einen Unfall beim Spielen. In einem Interview über das tragische Ereignis sagt Tyson: "Ich hätte am liebsten meine Pistole genommen und wäre durchgedreht." Stattdessen verabreicht er sich eine Woche lang Unmengen von Kokain und drückt den Schmerz beiseite: "Ich wollte high sein." Kaum zu glauben, dass am 5. Juni 2009 - und damit exakt in der Woche nach dem Tod seiner Tochter - der erste Teil von "Hangover" in die US-Kinos kommt. Der Film zeigt ihn auf bislang unbekannte Weise. Sein Cameo-Auftritt wird Kult. Er spült dringend benötigtes Geld in seine Kasse. Und er rettet ihm vielleicht das Leben. "Auf diesen Moment habe ich mein Leben lang gewartet", singt Tyson im Film zur Stimme von Phil Collins schief, aber voller Inbrunst. Wie recht er damals hat.

"Habe gelernt, mir zu vergeben"

Schon im Gespräch mit dem "Interview"-Magazin 2008 läutet Tyson seine Verwandlung vom Bad zum Good Guy ein: "Ich habe mir für all die Dinge vergeben, die ich getan habe. Wenn du der Liebe begegnen willst, musst du dir selbst vergeben und anfangen, dich selbst zu lieben." Seine neu gewonnene Popularität nach dem "Hangover"-Welterfolg ist wie eine Wiedergeburt. Nur noch selten wagt sich Tyson für Show-Kämpfe in den Ring. Stattdessen heiratet er 2009 seine dritte Ehefrau Lakiha Spicer (49), baut sich eine Karriere als Cannabis-Unternehmer auf, ist hier und da in Filmen und Serien zu sehen und ruft seinen Podcast "Hotboxin' with Mike Tyson" ins Leben. Mit seinen Gästen aus Sport, Musik und Popkultur spricht er schonungslos offen über das Leben.

Tyson hat seine Lektion gelernt

Der neue "Iron Mike" hat Humor. Brüllend komisch sind Gastauftritte in Jimmy Kimmels Late Night Show, wenn Passanten über ihn sprechen, ehe er ihnen persönlich gegenübertritt. Wenn sie sein Tattoo als "hässlich" oder ihn als "freundlichen, kiffenden Opa" bezeichnen, hält der Mike Tyson von heute statt einer Eisenfaust ein gewinnendes Lächeln bereit. Von legalisierten Drogen kann der sechsfache Vater seine Finger nach wie vor nicht lassen, wie er im Mai bei Jimmy Kimmel gesteht. Mit einer großen Party anlässlich seines 60. Geburtstags sei nicht zu rechnen - ganz im Gegenteil zu früheren Wiegenfesten: "Damals habe ich tagelang durchgefeiert."

Aus jenen Tagen stammt auch einer seiner meistzitierten Aussprüche: "Jeder hat einen Plan - bis man ihm ins Gesicht schlägt." Theorie und Planung sind wichtig. Aber die Realität ist unberechenbar. Tyson hat überlebt, was viele Menschen zerstört hätte: den frühen Ruhm, den beispiellosen Druck, die Abstürze und die öffentliche Demontage. Es scheint, als habe Tyson, 40 Jahre nach seinem ersten WM-Titel und zahllose Bruchlandungen später, seine Lektion gelernt.

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