Micky Beisenherz: Intellektuelle finde ich gut

Der Tausendsassa aus dem Ruhrpott über die ständige Posterei auf Sozialen Medien, deutsche Komödianten und seine Gags für das "Dschungelcamp".
| Thomas Becker
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Micky Beisenherz charakterisiert sich gern mit den Worten "In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen."
Jens Boldt Micky Beisenherz charakterisiert sich gern mit den Worten "In Castrop-Rauxel bin ich Weltstar. Woanders muss ich alles selbst bezahlen."

München - Der Radio- und TV-Moderator Micky Beisenherz hat sein zweites Buch veröffentlicht: eine 224 Seiten lange Sammlung von kurzen Geschichten und Betrachtungen, mal ernst, mal albern, stets fein formuliert und beinahe immer witzig. Ein Gespräch über Humor, soziale Medien und seine These, dass das Dschungelcamp spannend ist.

AZ: Herr Beisenherz, folgende Situation: Sie auf einer Party mit lauter Fremden, einer fragt "Und was machst du so beruflich?" Was antwortet man da als gelernter Tausendsassa?
MICKY BEISENHERZ: Ich druckse ein bisschen rum. Ich bin zwar nicht introvertiert, aber das ganz große Rad will ich da auch nicht drehen und sage dann meistens Autor. Das klingt noch nicht nach der ganz großen Showtreppe. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, als ich im Restaurant so angesprochen wurde: "Woher kenne ich SIE denn nochmal?" Da musst du dann deinen kompletten Lebenslauf durchdeklinieren, bis irgendwann der Treffer da ist. Oft sind das sehr banale Sachen: Dass ich im WDR mal nen Hund gestreichelt hab oder so. Oft wurde ich auf für den Animateur aus dem Ferienclub gehalten oder was ähnlich Windiges. Als Berufsbezeichnung ist wohl Unterhalter am treffendsten.

Ihre Bandbreite ist erstaunlich: Sie haben Gags für Atze Schröder und Mario Barth geschrieben, spielen aber zum Beispiel auch mit Oliver Polak das mutige Format "Das Lachen der Anderen".
Wobei ich mit Mario Barth seit mehr als zehn Jahren nichts mehr zu tun habe. Mit Atze schon sehr viel mehr, wir sind ja schon lange befreundet, aber ich liefere ihm nicht mehr soooo viel zu. Aber allein Polak reicht ja schon, um aus jeder Mischung eine bunte zu machen.

Beisenherz: Social Media hat Websites ersetzt

Radio, Fernsehen, Bücher, Podcast: Sie tanzen auf vielen Hochzeiten. Auf Ihrer Homepage endet Ihr Lebenslauf jedoch im Jahr 2012. Wie kommt’s?
Meine Agentur hat mir mal diese Seite eingerichtet, weil man das damals wohl haben musste. Seitdem wurde die aber nicht mehr gepflegt. Laut meiner Homepage bin ich seit sieben Jahren in Rente. Heute braucht man das nicht mehr, weil die sozialen Netzwerke diese Funktion längst übernommen haben. Wenn man schnell und dynamisch Informationen an den Mann bringen will, reichen Facebook, Twitter und Instagram.

Auf allen drei Kanälen sind Sie ja eifrig am Posten.
Es wäre ignorant, sich dieser Entwicklung zu verschließen. 2019 weht natürlich ein anderer Wind als 1999. Im Fernsehen gilt ja noch der Rat "Willst du gelten, mach dich selten". Bei Social Media läuft das komplett anders. Eine Kylie Jenner ist laut Forbes-Magazin die erste Milliardärin unter 21, und deren Geschäftsmodell besteht ja nur darin, alles was man hat nach außen zu kehren – und dann nur noch Kosmetikprodukte zu verkaufen.

Aber Zeit nimmt die ständige Posterei schon in Anspruch.
Es geht ja schnell und ist im Prinzip nur ein Abfallprodukt dessen, was man im Lauf des Tages an Gedanken produziert. Manchmal liest es sich auch wie ein Abfallprodukt. Das sind die Späne, die überbleiben, während ich an den für mich wichtigen Sachen rumhobele.

Wie lange hobeln Sie denn an so einer "Stern"-Kolumne?
Beim Print-Stern bin ich alle zwei Wochen einen festen Abgabetermin, bei der Online-Ausgabe ist das nicht so. In den letzten Wochen war es eher so, dass ich schnell mit etwas raus wollte, weil da einfach Sachen in einem gären, so wie diese dümmliche Karnevalsgeschichte mit Stelter und AKK. Das ist so dumm und auf eine gewisse Weise auch ärgerlich, dass ich da schnell den Drang verspürt habe, damit rauszugehen. Für die Print-Kolumne gehe ich mehr in die Introspektive, sozusagen das Ich im versuchten Einklang mit der Gesellschaft. Der Print-"Stern" ist auch weiblicher und einen Hauch älter – dementsprechend schreibe ich dann.

Nochmal zu Ihrer Homepage: Was dort auch auffällt, ist der sparsame Ausbildungsweg. Abi und zwölf Jahre später dann Redakteur. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Studiert habe ich nur ein Semester, Sozialwissenschaft. Mit dem, was ich heute beruflich mache, habe ich in dem Fach locker den Doktor und den Professor in der Tasche. Danach war ich ein Jahr auf dem Bau – um die Zeit zu überbrücken, in der ich Bewerbungen geschrieben habe, mit dem "Medienhandbuch Köln". Generation Irgendwasmitmedien. Mein erstes Praktikum war dann beim Lokalradio Herne 90,8. Da erfuhr ich frühe Förderung, weil man merkte, dass ich Bock hatte, viel von mir aus gemacht habe. Ich war immer schon drei Stunden vor Dienstbeginn da und habe Sachen gemacht. Das hat sich ausgezahlt, weil ich schnell aufgefallen bin für die nächsthöhere Station: Radio NRW, nicht mehr 40 000 Hörer, sondern 1,4 Millionen. Und dann hat sich das alles irgendwie verselbständigt.

Beisenherz: "Das Dschungelcamp macht mir Freude"

Egal in welchem Job reden Sie ja immer frei von der Leber weg. Ist das eigentlich dem Ruhrpottler immanent?
Dem Ruhrpottler ist es egal, ob ihn jemand nach seiner Meinung gefragt hat. Eine Bewertung findet ständig statt, und die kommt auch ein mit einer gesunden Hemdsärmeligkeit daher, schert sich auch nicht um Stände.

Sie gehen auch gern mal da hin, wo es wehtut, Stichwort "Dschungelcamp", wo Sie den Moderatoren Texte schreiben. Schon hart, oder?
Ich finde es schon interessant, weil ich die restlichen elf Monate des Jahres mit dieser Art von Fernsehen relativ wenig zu tun habe. Aber das Dschungelcamp als Sendung macht mir zu hundert Prozent Freude, ich mag das gerne. Spannend ist ja, wenn die Figuren aus den anderen RTL-Formaten auf das alte Fernsehen treffen, auf die alte Unterhaltungsbranche. Und dann die großen Augen älterer EntertainerInnen, wenn sie sehen, was heute so als Unterhaltung durchgeht. Dieser Clash, diese Fassungslosigkeit, diese Reibung, die da entsteht! Legendär: Giulia Siegel gegen Ingrid van Bergen oder Mathieu Carrière, der auf Sarah Knappik traf. Und wie wichtig Instagram geworden ist! Es gibt eine gewisse Klientel, die statt 80.000 Euro Gage lieber 200.000 neue Instagram-Follower nehmen würde.

Sie schauen gern auch mal zurück. Welche Entertainer haben Sie geprägt?
Als 77er-Jahrgang habe ich die üblichen Vorbilder: Otto, Hape Kerkeling, Harald Schmidt. Und heute? Das darf jetzt auf keinen Fall blasiert klingen, aber Intellektuelle mit einem gewissen Witz finde ich schon gut, jemand wie Roger Willemsen zum Beispiel einer war. Leute, die aus dem Feuilleton kommen, sich aber nie zu doof waren für Blödsinn, die mit einer großen Lust am Quatsch die Welt betrachtet haben. Deswegen mag ich Atze Schröder so sehr.

Micky Beisenherz schwärmt von Atze Schröder

Warum?
Er ist sozusagen das intellektuelle trojanische Pferd. Er kommt in einem Gewand daher, dass man ihm jetzt spontan wenig Tiefe unterstellen würde, ist aber ein wahnsinnig kluger Kopf. Er ist halt nicht so eitel, dass er dem Publikum jede Facette seiner Intellektualität aufdrängt. So etwas finde ich vorbildlich. Oder der gerade verstorbene Werner Schneyder, der sich trotz seiner Schläue eine gewisse Leichtigkeit bewahrt hat. Daran mangelt es generell derzeit: Leichtigkeit und auch die Bereitschaft, mal mit einem Bein auf die andere Seite des Zaunes zu steigen und zu sagen: Ja, auch hier haben die Leute eine Existenzberechtigung. Auch wenn ich in meinem Buch mal auf Figuren draufdresche, wenn es um gesellschaftliche Auseinandersetzung geht, fällt es mir schwer, mich komplett auf eine Seite zu schlagen.

Carsten Maschmeyer gibt natürlich ein prima Opfer ab.
Eine sehr dankbare Figur, weil es da sehr leicht fällt, jemandem mal nicht die Hand zu reichen. Es gibt da wohl eine große persönliche Tragik, aber das ist mir egal, wenn jemand, um seine persönliche Tragik auszugleichen, auf der anderen Seite mutmaßlich für tausendfache andere persönliche Tragiken sorgt. In diesem Fall muss ich nicht um Verständnis werben.

Mit Peter Wohlleben und Cordula Stratmann für den SWR in den Wald zu gehen, war dagegen eher eine Gaudi, oder?
Total. Das sind Sachen, da fühle ich mich gesegnet. Da hat mir mein berufliches Schaffen Türen zu Welten geöffnet, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Darum müsste man sich sonst prokativ bemühen. Dafür bin ich sehr dankbar.


Micky Beisenherz: "...und zur Apokalypse gibt es Filterkaffee" (Rowohlt Polaris, 224 S., 14,99 Euro)

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