Metropole der wilden Zwanziger

Prag galt in den 1920er- und 1930er-Jahren als eine der aufregendsten Metropolen Europas. Zwischen der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik 1918 und dem deutschen Einmarsch im März 1939 entwickelte sich die Stadt an der Moldau zu einem Zentrum von Kunst, Kultur und Nachtleben. Die zweiteilige Dokumentation "Babylon Prag", die ARTE zur besten Sendezeit in Erstausstrahlung zeigt, zeichnet mit vielen Spielszenen das Bild einer Stadt, in der scheinbar alles möglich war und in der zugleich tiefe gesellschaftliche Konflikte schwelten.
Eine Stadt der vielen Sprachen
Prag zog Künstlerinnen und Künstler, Literaten und Kulturschaffende aus aller Welt an. Die Stadt wurde zu einer Hochburg von Literatur, Theater, Jazz und Tanz. Galerien und Bühnen entstanden, Bars und Varietés prägten das Nachtleben. Auch internationale Stars wie Josephine Baker traten in Prag auf. Zeitweise konnte die Moldau-Metropole mit New York, Paris und Berlin mithalten.
Die kulturelle Blüte war eng mit der besonderen Zusammensetzung der Stadtgesellschaft verbunden. Tschechische, deutsche und jüdische Künstlerinnen und Künstler prägten das kulturelle Leben und machten Prag zu einem tatsächlich vielsprachigen "Babylon". Zu den bedeutendsten Schriftstellern dieser Zeit gehörte Franz Kafka, dessen Romane und Romanfragmente weit über die Stadt hinaus wirkten.
Doch hinter der glitzernden Fassade der modernen Metropole verliefen unsichtbare Grenzen. Die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen lebten vielfach eher nebeneinander als miteinander. Besonders das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen war von Spannungen geprägt. Die junge Republik musste mit den Folgen der jahrhundertelangen habsburgischen Herrschaft umgehen, unter der die deutschsprachige Minderheit großen politischen und gesellschaftlichen Einfluss besessen hatte.
Nach der Gründung der Tschechoslowakei änderten sich die Machtverhältnisse. Die zuvor dominierende deutsche Minderheit verlor ihre privilegierte Stellung und wurde von den Tschechen auf den zweiten Platz verwiesen. Das sorgte für Unmut und verschärfte die ohnehin vorhandenen Gegensätze. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen, deren zentrale Triebkraft der Nationalismus war - ein Erbe des 19. Jahrhunderts.
"Babylon Prag" blickt damit nicht nur auf eine kulturelle Blütezeit zurück, sondern zeigt auch die Widersprüche einer Stadt im Aufbruch. Während sich Prag als weltoffene, moderne Kulturmetropole präsentierte, bestanden sprachliche, nationale und gesellschaftliche Trennlinien fort.
Die Dokumentation taucht in die zweisprachige Kulturlandschaft der Stadt ein und erzählt von einer Epoche, in der künstlerische Aufbruchsstimmung und politische Spannungen unmittelbar nebeneinander existierten. Mit dem deutschen Einmarsch im März 1939 endete diese besondere Phase der Prager Geschichte. Was als Aufbruch in eine moderne, internationale Zukunft begonnen hatte, mündete in eine Zeit der politischen Unterdrückung und Gewalt.
Die zweite Folge der "Babylon Prag"-Dokumentation strahlt ARTE direkt im Anschluss um 20.55 Uhr aus.
Babylon Prag - Do. 08.10. - ARTE: 20.15 Uhr