Marie-Lou Sellem: "Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auch mit 60 oder 65 weiterzuentwickeln"

Im ZDF-Krimi "Frankfurt Mord - Ein neues Leben" spielt Marie-Lou Sellem eine reife Ermittlerin, die sich auf einen deutlich jüngeren Kollegen einlässt. Die 60-jährige Schauspielerin, Filmemacherin und Therapeutin erklärt im Interview, warum es wichtig ist, nicht als "arrivierte" Person zu enden.
von  Eric Leimann
Marie-Lou Sellem ist im Sommer 60 Jahre alt geworden. Die Schauspielerin ist prima im Geschäft. Mit "Frankfurt Mord" startet schon der zweite Krimi im öffentlich-rechtlichen Primetime-Fernsehen binnen eines Jahres, in dem die Berlinerin mit französischen Wurzeln die Hauptfigur spielt. Daneben hat Marie-Lou Sellem aber noch viel mehr vor.
Marie-Lou Sellem ist im Sommer 60 Jahre alt geworden. Die Schauspielerin ist prima im Geschäft. Mit "Frankfurt Mord" startet schon der zweite Krimi im öffentlich-rechtlichen Primetime-Fernsehen binnen eines Jahres, in dem die Berlinerin mit französischen Wurzeln die Hauptfigur spielt. Daneben hat Marie-Lou Sellem aber noch viel mehr vor. © © Maud Sellem

Aus "Frankfurt Mord - Ein neues Leben" (Samstag, 10. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF, ab 3. Oktober im Stream) könnte eine neue Primetime-Krimireihe werden. Die Zutaten stimmen: Mit Marie-Lou Sellem und Jungstar Johannes Hegemann ("In Liebe, Eure Hilde") hat man exzellente Darsteller verpflichtet und Figuren für sie entwickelt, die auch mal brüchig sein dürfen. Marie Lou-Sellem, die im Sommer 60 Jahre alt wurde, dürfte dies gefallen. Die Wahl-Berlinerin mit französischen Wurzeln liebt den Aufbruch und Bewegung im Leben. Erst im vergangenen Jahrzehnt entwickelte sie sich von der Nur-Schauspielerin zur Autorin, Regisseurin und Psychotherapeutin. Wie blickt eine Frau aufs Leben, die noch viel vorhat? Vor allem auf einem Feld: Marie-Lou Sellem will dieses Leben verstehen - wobei das Ältersein durchaus helfen kann.

teleschau: Letztes Jahr spielten Sie noch eine Kommissarin in Antwerpen im Ersten. Nun gibt es "Frankfurt Mord" im ZDF. Beide Filme wirken wie der Beginn einer Krimi-Reihe ...

Marie-Lou Sellem: Der Antwerpen-Krimi wird nicht weitergeführt, obwohl er erfolgreich lief, und bei "Frankfurt Mord" müssen wir abwarten. Es gibt Signale, dass an weiteren Drehbüchern gearbeitet wird. Aber fix ist noch nichts.

teleschau: Ist es Zufall, dass Sie in beiden Filmen eine Kommissarin mit jüdischem Background spielen?

Marie-Lou Sellem: Das war tatsächlich einfach Zufall. Allerdings bringe ich ja tatsächlich einen jüdischen Background mit. Meine französische Familie väterlicherseits, das waren arabische Juden. Mein Vater ist jüdisch, aber ich wurde evangelisch getauft. Nach meiner Konfirmation hatte ich kaum noch mit der Kirche zu tun. Ich tat mich immer schwer mit dem Glauben.

"Ich finde es interessant, Frauen anders zu erzählen"

teleschau: Ihre Figur in "Frankfurt Mord" ist nicht gläubig. Sie hat allerdings eine Tochter, die gerade als Rabbinerin ins Berufsleben startet ...

Marie-Lou Sellem: Wie gesagt, ich bin nicht gläubig, schaue aber fasziniert auf diese Religion und Kultur. Im Vorfeld der Dreharbeiten habe ich mich eingelesen und finde es wesentlich, dass es im Judentum kein Jenseits oder ein Himmelreich gibt, in das wir als "gute Menschen" einfahren. Wir verantworten unser Handeln ausschließlich auf dieser Seite des Lebens und gehen nach unserem Tod zurück in die Erde, aus der der Mensch, Gott ähnlich, geformt wurde.

teleschau: Frankfurt gehört traditionell zu den größten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Wie finden Sie als langjährige Wahl-Berlinerin die Stadt?

Marie-Lou Sellem: Ich bin schon lange Frankfurt-Fan, auch weil meine beste Freundin dort lebt. Eines meiner Lieblingsmuseen ist das Städl, und ich war stundenlang in dem wunderbaren jüdisches Museum. Außerdem bin ich auch echter Fan der Hessischen Filmförderung, die so viele besondere Projekte unterstützt. Ich finde die Stadt sehr überschaubar, obwohl sie nichts Kleinstädtisches hat. Im Gegenteil, die Finanzmetropole, die sie ist, macht sie zu einem weltoffenen Ort, an dem man auf kleiner Fläche viele unterschiedliche Kulturen erlebt. Das Einzige, was für Filmschaffende lästig werden kann, sind die vielen Flugzeuge am Himmel. Bei Dreharbeiten muss man deshalb viel unterbrechen, damit die Tonleute mit dem Fluglärm überhaupt eine Chance haben, ihren "sauberen" Ton zu bekommen.

teleschau: Was ist besonders am neuen Frankfurt-Krimi und an Ihrer Figur?

Marie-Lou Sellem: Ich spiele eine im Beruf erfahrene, souveräne Frau, die sich allerdings im Privatleben neu aufstellen muss. Sie hat eine heftige Scheidung hinter sich und trifft jetzt auf einen sehr viel jüngeren Kollegen, mit dem es plötzlich eine Anziehungs-Komponente gibt. Ich finde es interessant, Frauen anders zu erzählen als sie oft in meinem Alter dargestellt werden. Nämlich als entweder sehr arriviert oder als ziemlich abgemeldet. Ich mag das Poröse der Figur. Sie wird herausgefordert, muss sich bewegen und verändern. Vielleicht erkennt sie, dass Souveränität in diesem Prozess auch ein Hindernis darstellen könnte.

"Frauen verdienen immer noch deutlich weniger als die Männer in unserem Beruf "

teleschau: Ist das auch Ihre Erfahrung, dass das Leben im dritten Drittel keineswegs an Abenteuer verliert?

Marie-Lou Sellem: Wir werden immer älter. Gleichzeitig verändert sich die Welt um uns herum immer rasanter. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auch mit 60 oder 65 weiterzuentwickeln. Ich finde es wichtig, dies im Spiegel oder in der Auseinandersetzung mit jüngeren Leuten zu tun. Auch das erzählt dieser Krimi. Meine beiden Ermittlungs-Partner, gespielt von Johannes Hegemann und Leona Grundig, gehören deutlich einer anderen Generation an.

teleschau: Würden Sie sagen, dass sich die Chancen reiferer Schauspielerinnen auf Hauptrollen in der deutschen Film- und Serienlandschaft erhöht haben?

Marie-Lou Sellem: Es sieht gerade mal so aus. In Krimiformaten gibt es eine Vielzahl von Ermittlerinnen im deutschen Fernsehen, oft sind diese Frauen auch etwas älter. Vielleicht liegt das daran, dass es viele Zuschauerinnen in unserer Altersgruppe gibt, die in Geschichten repräsentiert sein wollen. Zur Wahrheit gehört aber leider auch: Frauen verdienen immer noch deutlich weniger als die Männer in unserem Beruf - und junge Frauen verdienen ganz besonders wenig. Trotzdem ist der Anteil männlicher Figuren in Filmen immer noch deutlich höher.

teleschau: Sie dürften mit Ihrer Karriere derzeit zufrieden sein, oder?

Marie-Lou Sellem: Ja, ich kann nicht klagen, und freue mich, dass ich neben dem Schauspiel auch an anderen Dingen arbeiten kann. Ich habe einen Dokumentarfilm "Die Schule der Frauen" über fünf ehemalige Schauspielschülerinnen gemacht, die auf Leben und Karriere zurückblicken. Im Moment arbeite ich an einem fiktionalen Drehbuch, über ein reiferes Paar, das sich trennt. Mich interessiert die Frage, warum Menschen oft an Verhältnissen festhalten, die sie nicht mehr befriedigen und was es eigentlich bräuchte, um sich aus derartigen Umständen herauszubewegen.

"Man traut sich Dinge im Miteinander, die anderen peinlich sind"

teleschau: Sie arbeiten als Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Therapeutin. Das ist eine Menge!

Marie-Lou Sellem: In allem bin ich irgendwie eine Späteinsteigerin. Ich habe vor sieben Jahren den Heilpraktiker gemacht und in der Folge den Therapeuten. Mittlerweile arbeite ich mit Klienten. Auch als Autorin und Regisseurin bin ich relativ neu im Geschäft. Da ging alles so vor drei bis vier Jahren los. Mein Alter scheint also kein Hindernis für Veränderung gewesen zu sein. Mir gefällt es, Neues zu lernen und die vermeintlich souveränen Bereiche zu verlassen. Man ist gezwungen, sich zu bewegen.

teleschau: Sehen Sie eine starke Verbindung zwischen all den Dingen, die Sie tun?

Marie-Lou Sellem: Alles hat mit Menschen zu tun - und man lernt am Menschen nie aus. Am Ende des Tages greifen all die Dinge, mit denen ich mich beschäftige, ineinander. Wobei die therapeutische Arbeit und der Film auf eine gewisse Art wenig miteinander tun haben. Das künstlerische Ego hat in der Arbeit der Therapeutin nichts zu suchen. Die Fähigkeit zur Empathie und Sensibilität hingegen braucht man in beiden Berufen.

teleschau: Hilft es Ihnen als Therapeutin, dass Sie als Schauspielerin öfter als die meisten Menschen in fiktive extreme Situationen geraten?

Marie-Lou Sellem: Das ist tatsächlich ein Punkt. Gerade wenn man am Theater war oder ist und im intensiven Zusammenspiel an Rollen gearbeitet hat, kennt man emotionale Energiefelder, mit denen man es in anderen Berufen eher nicht zu tun bekommt. Diese Erfahrungen können einem beim Verstehen ähnlicher Emotionen bei Patienten helfen. Man kommt als Schauspielerin in andere Gefühls- und Vorstellungswelten hinein. Man traut sich Dinge im Miteinander, die anderen peinlich sind, weil sie diese Art spielerische Grenzüberschreitung nicht kennen. Ja, es ist ein Vorteil - meine Schauspielerfahrung. Und trotzdem ist klar: In der Therapie geht es um die Klienten und nicht um die Therapeutin.

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