Krisenbewältigung ist keine Frage des Alters: Julia Koschitz appelliert an "alle"

Julia Koschitz ist eine jener Darstellerinnen, die ihren Figuren Raum geben. Ob in Psychothrillern, Krimis oder Beziehungskomödien: Die gebürtige Brüsselerin überzeugt durch Intensität, Präzision und feinen Humor. Einem breiten Publikum wurde sie als Polizistin Sandra Holzapfel in "München 7" bekannt, es folgten Rollen in Kino und Fernsehen, unter anderem in der losen ZDF-Reihe "Im Schatten der Angst". Seit vielen Jahren lebt sie überwiegend in München. In ihrem neuen Film "Nix ist fix" (Montag, 10. August, 20.15 Uhr, ZDF) prallen Welten aufeinander: Egal ob Gen Z, Millennials oder Babyboomer - Generationenkonflikte schwelen seit Anbeginn der Zeit, und sie stehen auch im Mittelpunkt dieses Ensemblestücks, das von Natalie Spinell inszeniert wurde. Wo sich Julia Koschitz zwischen den Generationen verortet, verrät sie im Interview.
teleschau: Sie haben einmal im Interview betont, ein "reiner Kopfmensch" zu sein. Wann verlassen Sie sich auch mal auf Ihre Intuition?
Koschitz: Oh, hab ich das gesagt? Wirklich? Ich bin kein reiner Kopfmensch - das würde als Schauspielerin nicht hinhauen. Ich verlasse mich oft auf meine Intuition - wahrscheinlich öfter als mir bewusst ist. Bei der Erarbeitung einer Rolle gehe ich erstmal analytisch heran, stelle anhand des Drehbuchs ganz viele Fragen. Aber irgendwann übernimmt die Intuition ganz von alleine. Und beim Drehen geht es darum, loszulassen und durchlässig für das Zusammenspiel mit den Kolleginnen und Kollegen zu sein. Da verlasse ich mich fast nur auf mein Bauchgefühl.
teleschau: Um das Bauchgefühl geht es auch in Ihrem neuen Film "Nix ist fix", der unkonventionelle Beziehungsmodelle, sexuelle Selbstbestimmung und das Thema freie Liebe aufgreift - etwas, womit Sie sich identifizieren können?
Koschitz: Ich habe mich viel mit der Idee und der Bedeutung von Liebe auseinandergesetzt, auch mit unterschiedlichen Beziehungsmodellen, sei es im Kontext der Arbeit oder im privaten Umfeld. Ich identifiziere mich aber nicht mit dem Modell der Polyamorie, zumindest kann ich da nicht als Vorbild dienen. Aber ich finde es spannend, dass viele jüngere Menschen meiner Wahrnehmung nach wesentlich aufgeschlossener und freier mit Beziehungen umgehen als wir damals. Ob monogam, polygam, bi oder ausdrücklich ohne Partnerschaft - ich habe den Eindruck, dass die Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebens- und Beziehungskonzepten deutlich größer geworden ist. Und das finde ich toll.
"Soweit ich weiß, sind eher Sicherheit und Stabilität Bedürfnisse der Gen Z"
teleschau: Inwiefern entspricht der in diesem Film dargestellte Generationenkonflikt zwischen Millennials und Gen Z also der Realität?
Koschitz: Die Konflikte in diesem Film sind natürlich erst einmal zugespitzt, sicher auch um ein bisschen die Komödie zu bedienen. Abgesehen davon finde ich nicht, dass der Film eine typische Diskussion zwischen Millennials und Gen Z abbildet. Da würden, glaube ich, nochmal ganz andere Themen aufkommen. Es ist in der Konstellation logisch, dass die Jungen die rebellische Position übernehmen und die Älteren die Festgefahrene, weil es eben oft so ist, dass die jüngere Generation nach Veränderung und die Ältere nach Erhalt strebt. Aber das Thema Hausbesetzung war meines Erachtens eher mal Sache der Baby-Boomer-Generation, und soweit ich weiß ist zum Beispiel eher Sicherheit und Stabilität ein Bedürfnis der Gen Z.
teleschau: In "Nix ist fix" spielen Sie eine Naturliebhaberin und begeisterte Bergsteigerin. In der Realität leben Sie allerdings seit über 20 Jahren in München. Verlassen Sie Ihre Komfortzone "Stadt" auch mal?
Julia Koschitz: Ja, immer wieder. Als Kind habe ich Wandern gehasst, aber heute liebe ich es. Das ist für mich auch einer der großen Vorteile von München: Ich bin schnell in den Bergen und mit dem Rad in eineinhalb Stunden an wunderschönen Seen. Obwohl ich Wien als meine Wahlheimat bezeichne, ist die Umgebung von München trotzdem unschlagbar und bietet eine hohe Lebensqualität.
"Viele Menschen spüren heute existenzielle Ängste"
teleschau: Filmzitate wie "Die Politik hat doch längst ihre Glaubwürdigkeit verloren" oder "Die Demokratie ist am Arsch" treffen den Nerv der Zeit. Meinen Sie nicht, dass der Film auf Kritik stoßen wird, weil er genau die Dauerthemen aufgreift, die aktuell jeden sowieso schon stressen?
Koschitz: Das kann schon sein, aber genau das hat mich an diesem Buch so interessiert: sein aktueller Bezug. Viele Menschen spüren heute existenzielle Ängste, wie zum Beispiel eine angeschlagene Demokratie. Diese Themen treiben sie um, andere können es nicht mehr hören. Ich glaube, dass das auch ein Grund war, warum ich den tragikomischen Ton in dem Buch und die Selbstironie darin mochte. Man folgt lauter Figuren, die auf ihre Weise scheitern, die sich dabei auch lächerlich machen und trotzdem liebenswert sind. Ich bin sicher, dass der Film polarisieren wird, aber das ist ok.
teleschau: Wem haben Sie denn in Streitpunkten öfter recht gegeben: den Millennials oder der Gen Z?
Koschitz: Man ist als Spieler der Anwalt seiner Rolle, insofern habe ich vor allem meiner Figur recht gegeben (lacht). Ansonsten war es wahrscheinlich ziemlich ausgewogen. In der Theorie unterstütze ich vieles, was die Jungen in unserem Film sagen, aber es stellt sich die Frage, was davon umsetzbar ist. In unserem Ensemble hatte ich den Eindruck, dass wir uns alle ähnliche Fragen stellen, vielleicht nur mit anderen Vorzeichen. Aber man kommt immer wieder auf die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den Herausforderungen der Klimakrise und dem weltweiten Aufschwung von rechten Populisten umgehen sollen. Das ist keine Frage des Alters. Das bewegt und betrifft uns alle.
"Wir sollten miteinander im Gespräch bleiben"
teleschau: Jede Generation hält die nachfolgende zunächst für verwöhnt. In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Begriff "Work-Life-Balance". Ist das ein Fortschritt oder eine Ausrede?
Koschitz: Die Menschheit bewegt sich - mit allen Schwankungen - scheinbar doch in eine klare Richtung: die der abnehmenden Gewalt und zunehmenden Freiheit. Insofern ist es logisch, dass sie sich auch von zu viel Arbeit "befreien" will. Es ist nur die Frage, ob ein Staat, ein Arbeitgeber oder wer auch immer sonst, das auffangen kann. Ich finde es gut, dass wir über immer mehr Freiheit reden, das bedeutet aber nicht, dass das reibungslos vonstattengeht. Wir sollten miteinander im Gespräch bleiben und uns fragen, was wir voneinander lernen können - gerne auch darüber, wie man eine gesunde "Work-Life-Balance" etabliert.
teleschau: Und? Haben Sie es geschafft, sich im Laufe der Jahre einen ausgeglichenen Alltag zu schaffen?
Koschitz: Es gelingt nur bedingt ... als freischaffende Schauspielerin ist das nicht immer leicht. Aber ich versuche, mir mehr Auszeiten zu nehmen. Anfang des Jahres habe ich zum Beispiel beschlossen, nicht so viel zu drehen, um mir dadurch mehr Freiraum für eigene Projekte zu verschaffen. Ich hatte dieses Jahr nicht einmal große Reiselust. Das klingt vielleicht langweilig, aber da ich beruflich so viel unterwegs bin, ist es für mich manchmal ein echtes Highlight, zu Hause zu sein. Aktuell bin ich allerdings schon wieder in der Vorbereitung für einen Kinofilm. Ein, zwei Monate hatte ich aber bereits ohne großes Pflichtprogramm und mit Zeit für Input von außen: mit Theater, Kino, Ausstellungen und vielen Büchern.
teleschau: Wenn Sie sich entscheiden müssten: Würden Sie lieber mit Millennials oder mit der Gen Z eine Woche auf einer Berghütte verbringen?
Koschitz: Ich möchte meine Zeit am liebsten mit interessanten Menschen verbringen. Na gut, eine Woche gemeinsam mit Gen Z, da würde ich auf jeden Fall was dazuzulernen. Aber vor allem sollten sie spannend sein.