Johann Lafer ist krank: Münchner Arzt warnt vor "Krebsdiät"

Bei seinem Auftritt im "ZDF-Fernsehgarten" zeigte sich Johann Lafer am 24. Mai in überraschendem Look. Der Starkoch trug ein Kopftuch und sein markanter Schnurrbart war fast verschwunden. Nun ist klar, dass ein ernster Grund hinter dem neuen Style steckt: Der 68-Jährige ist an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und bekommt aktuell eine Chemotherapie.
Münchner Arzt stellt klar: "Ernährungsumstellung kann Krebs nicht heilen"
Wie Johann Lafer verraten hat, nahm er vorab alternative Behandlungsmethoden in Anspruch. Als Koch achtet er jetzt auch ganz besonders auf seine Ernährung. Aber was sollte man dabei berücksichtigen? Welche Nahrungsmittel können eine Therapie unterstützen und worauf sollte man möglichst verzichten? Die AZ hat darüber mit Prof. Dr. med. Volkmar Nüssler gesprochen.
Der Onkologe leitete von 1999 bis 2023 das Tumorzentrum München und ist Vorstand der Wolfgang-Wilmanns-Stiftung, die über Prävention durch Ernährung informiert. Darüber hinaus hat der Arzt mehrere Bücher zum Thema Ernährung und Krebs geschrieben.
AZ: Dr. Nüssler, Johann Lafer ist am Non-Hodgkin-Lymphom erkrankt. Welche Möglichkeiten gibt es, die Behandlung gegen Lymphdrüsenkrebs mit der richtigen Ernährung zu unterstützen?
DR. NUESSLER: Wichtig ist es, vorab zu betonen, dass allein eine Umstellung der Ernährung eine Krebserkrankung wie das Non-Hodgkin-Lymphom nicht heilen kann. Und sie ersetzt auch auf keinen Fall eine Chemo-, Immun- oder Strahlentherapie. Eine richtige Ernährung kann jedoch dem Patienten helfen, die Strapazen dieser Therapien gut zu überstehen.

Warnung vor "Krebsdiät": Warum Verzicht zusätzlich schwächen kann
Was gibt es dabei besonders zu beachten?
Ein ganz entscheidender Faktor ist hier die Mangelernährung. Diese und der damit einhergehende Muskelverlust gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren, die wir selbst in der Hand haben. Wir schätzen derzeit, dass etwa 10 bis 20 Prozent der Todesfälle durch eine Krebserkrankung mit einer Mangelernährung oder auch Tumorkachexie in Zusammenhang stehen. Daher raten wir auch dringend von sogenannten "Krebsdiäten" ab, die den Organismus nur zusätzlich schwächen. Gerade während einer Therapie ist es wichtig, eine ausreichende bis erhöhte Proteinzufuhr zu gewährleisten.
Warum ist das so wichtig?
Proteine sind das Baumaterial des Körpers, mit dem er Reparaturarbeiten durchführen kann. Wir sprechen hier von 1 bis 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Das bedeutet in erster Linie: viel Fisch, Eier, mageres Fleisch, Milchprodukte wie Naturjoghurt oder Quark, Nüsse und vor allem Hülsenfrüchte – je nach Verträglichkeit. Und natürlich sollte man darauf achten, eine ausreichende Kalorienzufuhr zu erreichen – etwa 25 bis 30 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht.

Wie kann man das gut umsetzen?
Dies gelingt meist nur durch mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt. Daneben ist es sehr wichtig, viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen, vor allem in Form von Wasser – um die Nieren zu unterstützen – und sich möglichst in Bewegung zu halten, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken. Vielen ist wahrscheinlich gar nicht bekannt, dass eine Mangelernährung bereits bei einem ungewollten Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent der Körpermasse in drei bis sechs Monaten beginnt. Das wären bei einem 80 Kilo schweren Menschen vier Kilo. Das ist gar nicht so viel. Hier ist absolute Vorsicht geboten.
Auf diese Lebensmittel sollte man während einer Krebstherapie verzichten
Auf welche Lebensmittel sollte man während einer Chemotherapie am besten verzichten?
Das ist ein wichtiger Punkt. Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Früher bekam man vor einer Chemotherapie einen ganzen Katalog an verbotenen Lebensmitteln. Heutzutage weiß man, dass viele dieser Verbote keinen Nutzen bringen. Es geht hier inzwischen um Lebensmittelsicherheit. Also beispielsweise Lebensmittel, die ein erhöhtes Risiko für bakterielle Infektionen bergen, wie etwa Sushi und Sashimi, rohes Fleisch oder rohe Eier. Auch Rohmilch(-Käse) ist daher eher nicht zu empfehlen oder Produkte mit erhöhtem Keimrisiko. Buffets oder offene Salatbars wären beispielsweise etwas, was ich in dieser Zeit ebenfalls meiden würde. Frisches Obst und Gemüse stehen dagegen heutzutage nicht mehr auf der Verbotsliste. Es sollte jedoch gut gewaschen und – vor allem bei frischen Kräutern – aus einer sicheren Quelle stammen.
Wie sieht es mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln aus?
Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft hoch dosierte Antioxidantien wie Vitamin C, E und Beta-Carotin. Hier sollte man auf jeden Fall vorher mit seinem Onkologen Rücksprache halten. Es gibt Hinweise, dass diese Nahrungsergänzungsmittel die Wirkung bestimmter Krebstherapien beeinflussen könnten.
Sollte man während einer Krebstherapie komplett auf Alkohol verzichten?
In den Leitlinien ist hier von "möglichst wenig" die Rede. Aber ganz ehrlich: Seinen Körper in einer so belastenden Situation, in der er Höchstleistungen vollbringen muss, auch noch mit einem nachweislich krebserregenden Stoff zu ärgern – das halte ich für absolut nicht förderlich.

Tipp von Münchner Arzt: Mediterrane Ernährungsweise bei Krebserkrankung
Welche Lebensmittel können während einer Chemotherapie hilfreich sein?
Vorab: Das Folgende gilt nur, wenn ein Patient nicht oder kaum von Nebenwirkungen betroffen ist. Über den Umgang mit Geschmacksveränderungen, Übelkeit oder Dysphagie [Schluckstörung, d. R.] wurden schon sehr viele Ratgeber geschrieben und im Zweifelsfall rate ich hier immer zu einer guten Ernährungsberatung – zum Beispiel in einem Tumorzentrum. Wenn man seinem Körper jedoch abgesehen davon etwas Gutes tun möchte, rate ich grob zu einer an die mediterrane Diät angelehnten Ernährungsweise: Das Wichtigste ist, wie erwähnt, die Eiweißzufuhr, um die Regeneration von Gewebe, das Immunsystem und die Wundheilung zu unterstützen. Hier sind vor allem die Hülsenfrüchte hervorzuheben, da sie neben hochwertigem Eiweiß auch jede Menge Ballast- und Mineralstoffe liefern und lang anhaltend Energie geben. Daneben helfen uns fettreiche Fische wie Hering, Lachs oder Makrele mit ihren Omega-3-Fettsäuren, die Entzündungsprozesse positiv zu beeinflussen. Und natürlich: Obst und Gemüse – möglichst bunt, möglichst "heimisch" – bitte keine sogenannten "Superfoods".
Was spricht gegen "Superfoods"?
Viele der beworbenen Effekte beruhen bislang überwiegend auf Labor- und Tierstudien und konnten beim Menschen noch nicht überzeugend nachgewiesen werden. Ob Goji, Kurkuma oder Chiasamen – unsere regional erhältlichen Produkte sind allemal so gesund und wesentlich preisgünstiger. Die Devise sollte hier "viel und abwechslungsreich" lauten. Ein weiterer Punkt sind Vollkornprodukte wie Haferflocken und Vollkornbrot, die mit ihren Ballaststoffen die Darmgesundheit unterstützen. Aber: wie erwähnt nur, wenn es während der Chemotherapie nicht zu Nebenwirkungen kommt. Bei Durchfällen sollte beispielsweise vorübergehend eher ballaststoffarmer gegessen werden. Und zu guter Letzt Nüsse bzw. Nussmus – diese können gerade bei einem reduzierten Appetit hilfreich sein – und, wir sind ja in der mediterranen Ernährung: Olivenöl. Dazu jede Menge Wasser, Tee, Brühen etc., dann ist man schon gut dabei.
Zustand des Körpers entscheidet über Krankheitsverlauf
Wie Sie selbst sagen, gibt es nach aktuellem Stand der Forschung keine "Krebsdiäten", die einen Krankheitsrückfall verhindern. Welche Rolle spielt dennoch die Ernährung während einer Behandlung gegen Krebs?
In diesem Zusammenhang hört man oft den Satz: "Der Ernährungszustand ist ein Prognosefaktor." Das bedeutet: So wie der Organismus zu Beginn der Therapie ernährt ist und wie viele Muskeln er hat, entscheidet unter anderem über den weiteren Krankheitsverlauf. Es ist demnach entscheidend, von welchem Punkt ich starte.
Können Sie das weiter ausführen?
Patienten mit einem guten Ernährungszustand erzielen im Durchschnitt oft bessere Behandlungsergebnisse als Patienten, die mit einer Mangelernährung oder ausgeprägtem Muskelverlust in die Therapie starten. Das ist eigentlich logisch: Die Therapie belastet den Körper massiv. Wir benötigen unter anderem genug Energie für die Regeneration der angegriffenen Gewebe, Proteine für die Neubildung von Immunzellen und Blutkörperchen und natürlich ausreichend Mikronährstoffe. Bei einem geschwächten Patienten drohen daher oftmals Unterbrechungen in der Therapie oder eine Reduktion der Dosis, Infektionen, die lebensbedrohlich sein können, und eine verzögerte Erholung.
Vorsicht ist bei allem geboten, was behauptet, anstatt einer Krebstherapie zu heilen.
Viele Menschen setzen bei einer Krebsdiagnose ihre Hoffnungen erst mal auf alternative Verfahren, bevor die Schulmedizin mit härteren Geschützen auffährt. Was sind Ihrer Erfahrung nach sinnvolle Alternativen, die durchaus unterstützen können?
Ich weiß, dass diese Verfahren sehr hoffnungsvoll klingen, daher will ich hier besonders achtsam antworten. Meine Meinung zu Krebsdiäten können Sie ja inzwischen erahnen. Es gibt aber einige unterstützende Verfahren, die – begleitend zu einer Krebstherapie – durchaus Sinn ergeben. Zum Beispiel kann ein leichtes Ausdauer- oder Bewegungstraining einer Fatigue – also einem krebsbedingten Erschöpfungszustand – vorbeugen. Methoden wie Yoga, Meditation, Achtsamkeitsübungen oder Qigong können depressive Symptome und Schlafprobleme lindern. Massagen, Musiktherapien oder auch Akupressur bzw. Akupunktur können alles sinnvolle Begleiter sein und die Patienten unterstützen.
Und was ist in diesem Bereich eher Scharlatanerie?
Vorsicht ist bei allem geboten, was behauptet, anstatt einer Krebstherapie zu heilen. Besonders bei Aussagen wie "Heilt sicher", "Ärzte verschweigen diese Therapie" oder "Ersetzt eine Krebstherapie" wäre ich ganz vorsichtig. Für Verfahren wie hoch dosierte Vitamininfusionen ohne klare Indikation, B17/Aprikosenkerne, "Detox"-Kuren, Kaffee-Einläufe, extreme Fastenkuren oder Geräte zur "Frequenzheilung" gibt es bislang keinen überzeugenden Wirksamkeitsnachweis. Patienten, die wirksame Krebstherapien zugunsten solcher Verfahren ablehnen oder verzögern, zeigen in Studien häufig schlechtere Überlebenschancen. Davon rate ich deutlich ab.
Nicht nur die richtige Ernährung: Auch Bewegung ist wichtig
Welche Fehler sollte man vermeiden, wenn man eine Krebstherapie mit der richtigen Ernährung unterstützen möchte?
Eine wichtige Frage. Ich finde es vorab sehr gut, wenn ein Patient selbst aktiv wird und sich selbst um seine Gesundheit kümmern möchte. Als "Fehler" oder vielleicht weit verbreiteter Irrtum ist zunächst die Absicht zu nennen, den Krebs "auszuhungern" – diesen Kampf kann man nur verlieren, da man sich hier eher selbst aushungert als den Krebs. Wie wichtig ein guter Ernährungszustand ist, habe ich ja hinlänglich beschrieben. In diesem Zusammenhang ist es auch fatal, den Gewichtsverlust als heimlichen "Erfolg" zu verstehen. Ich weiß, wir leben in einer Welt, in der viele schlank sein möchten, aber bitte nicht während oder vor einer Therapie. "Ich habe 5 Kilo abgenommen" ist hier eher ein Warnsignal, da es sich oft um Muskelmasse und nicht um Fett handelt. Damit einhergehend ist auch der reine Fokus auf die Ernährung ein Fehler.
Was sollte man noch beachten?
Ausreichende Bewegung ist mindestens genauso wichtig, um die Muskelmasse zu erhalten. Hier wirken Ernährung und Bewegung zusammen. Ich spreche hier nicht von HIIT-Training. Schon ein leichtes Krafttraining oder regelmäßige Spaziergänge helfen, wenn es medizinisch möglich ist, natürlich. Aber der größte Fehler ist wohl, sich zu sehr unter Druck zu setzen. Die Wahrheit ist: Auch wenn man sich perfekt ernährt, kann man den Krankheitsverlauf nicht zuverlässig kontrollieren. Man kann den Körper stärken und die Therapie unterstützen – aber manchmal hilft hier auch einfach der Spaziergang mit einem guten Freund, um dem Körper etwas Gutes zu tun.