Jördis Triebel: "Manchmal wäre es besser, erst aufzuarbeiten und dann die Witze zu machen"

"Die Schauspielerei war meine erste Liebe", sagt Jördis Triebel im Interview. Und eben diese Liebe darf die 48-Jährige 2026 wieder besonders ausleben: Anfang des Jahres war sie unter anderem in der Filmkomödie "Horst Schlämmer sucht das Glück" im Kino und in der absurden Comedy-Serie "Kacken an der Havel" auf Netflix zu sehen. Nun widmet sich die gebürtige Ost-Berlinerin wieder ernsthafteren Themen: In "Neues Land" (Montag, 26. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF, sowie bereits ab Samstag, 17. Oktober, 10 Uhr, auf zdf.de) spielt Triebel eine Geologin, die nach 20 Jahren aus privaten Gründen in ihre Heimat in Thüringen zurückkehrt. Dort muss sie feststellen, dass die Ufer des Sees, der einst aus einem Restloch des Braunkohleabbaus geschaffen wurde, abzurutschen drohen. Premiere feierte der Film Ende Juni auf dem Filmfest München, also nur wenige Tage nach einer der großen Hitzewellen 2026. Mit welchen Tricks Triebel diese überstanden hat, verrät die Schauspielerin, die in Ost-Berlin aufwuchs, im Interview. Auch beschreibt sie, welche Geschichten über Ostdeutschland ihr bis heute in Film und Fernsehen fehlen.
teleschau: Im Juni wurde Europa von einer großen Hitzewelle heimgesucht. Mit welchen Tricks haben Sie diese überstanden?
Jördis Triebel: Ich wohne in einer Altbauwohnung ohne Klimaanlage. Da hilft es, tagsüber die Fenster geschlossen zu halten. Außerdem habe ich mir kalte, nasse Tücher um Hand- und Fußgelenke und in den Nacken gelegt und sie zwischendurch im Kühlschrank wieder gekühlt. Zusammen mit einem kleinen Ventilator ging es dann einigermaßen. Trotzdem fand ich es furchtbar. Mit Hitze komme ich überhaupt nicht gut zurecht.
teleschau: Wie groß ist angesichts derartiger Hitzewellen Ihre Sorge vor dem Klimawandel?
Triebel: So extrem wie in diesem Sommer war es, glaube ich, noch nie. Naturkatastrophen häufen sich weltweit, und sie sind längst auch in Deutschland angekommen. Die Krankenhäuser sind nicht ausreichend ausgestattet, das Personal überlastet, es gibt keine gekühlten Orte, an die sich Menschen zurückziehen können. Nach Corona dachte ich, wir hätten etwas gelernt. Damals saßen die Kinder bei offenem Fenster mit Mütze und Schal im Unterricht, jetzt sitzen sie in überhitzten Klassenzimmern und können sich nicht konzentrieren. Es wird immer erst gehandelt, wenn es zu spät ist.
Über die Chance, in fremde Welten einzutauchen
teleschau: "Neues Land" erzählt vom negativen Einfluss der Menschen auf die Natur. Es geht um die Frage, welche Gefahren von den sogenannten Restlöchern, die beim Kohleabbau entstehen, ausgehen. Waren Sie vor dem Dreh mit dieser Thematik vertraut?
Triebel: Nicht wirklich. Ich hatte davon gehört, musste mich aber ganz anders damit auseinandersetzen, weil ich im Film eine Geologin spiele, die wirklich Ahnung hat (lacht).
teleschau: Wie genau haben Sie sich damit auseinandergesetzt?
Triebel: Das ist das Tolle an meinem Beruf: Ich kann alles spielen und bekomme so die Chance, in Welten einzutauchen, die mir sonst fremd geblieben wären.
teleschau: Was hat Sie besonders fasziniert?
Triebel: Der Umgang mit den Messgeräten: wie man Wasserwerte bestimmt oder Bodenproben entnimmt. Das hat beim Drehen großen Spaß gemacht.
"Es ist immer wichtig, Bewusstsein zu schaffen"
teleschau: Wie wichtig sind solche fiktionalen Filme, um Menschen die drohenden Gefahren bewusst zu machen?
Triebel: In unserem Film geht es nicht nur um Umweltschutz. Es geht auch darum, wie sich Ostdeutschland nach der Wende in kürzester Zeit neu erfinden musste, um nicht unterzugehen, und wie dabei vorschnelle Entscheidungen getroffen wurden, die bis heute Folgen haben. Der See, an dem wir gedreht haben, ist übrigens längst renaturiert. Aber grundsätzlich gilt: Es ist immer wichtig, Bewusstsein zu schaffen, denn wir Menschen neigen dazu, Dinge auszublenden. Man muss die Entscheidungsträger immer wieder mit der Nase darauf stoßen und sagen: Bitte tut jetzt etwas!
teleschau: Die Frage, was mit den Restlöchern geschieht, beschäftigt nicht nur ostdeutsche Regionen, sondern auch westdeutsche, etwa im Ruhrgebiet. Wäre der Film anders geworden, wenn er stattdessen dort gespielt hätte?
Triebel: Diese Geschichte ist universell. Für mich ist sie so aber persönlicher, weil ich es spannend finde, Geschichten aus meiner Heimat zu erzählen.
teleschau: Die Dreharbeiten fanden im Altenburger Land statt. Haben Sie eine persönliche Beziehung zu der Region?
Triebel: Zur Region nicht, aber zum Osten und zur Wendezeit.
"Ich erlebe diese junge Generation erstaunlicherweise als sehr hoffnungsvoll"
teleschau: Sie sind selbst in Ost-Berlin aufgewachsen. Welche Geschichten über den Osten fehlen Ihnen bis heute im deutschen Film und Fernsehen?
Triebel: Viele, vor allem solche, die ohne Kitsch und Verklärung erzählt werden. Humorvolle Filme über den Osten gibt es genug. Manchmal wäre es besser, erst aufzuarbeiten und dann die Witze zu machen. Sonst fühlt sich die Seite, über die gelacht wird, belächelt. Es geht darum, Geschichten zu erzählen, in denen sich die Menschen wiederfinden und ernst genommen fühlen. Bislang laufen solche Geschichten eher im Nischenprogramm. So entsteht im Osten das Gefühl, nur mitzulaufen. Das ist ein Problem.
teleschau: Aus Sorge um seine Region verschließt im Film der Bürgermeister zunehmend die Augen vor den Fakten. Am liebsten hätte er, dass alles so bleibt, wie es ist. Ist das ein Thema, was vorwiegend ältere Generationen betrifft oder sehen Sie das auch bei den Jungen die Gefahr, dass die irgendwann mal sagen, wir wollen, dass alles wieder wie früher ist?
Triebel: Ich glaube schon, dass es eine Generationenfrage ist. Ich habe mich darüber mit Lucy Gartner unterhalten, die im Film Mara spielt. Sie sagte, ihre Generation sei mit der Gewissheit aufgewachsen, dass es den Klimawandel gibt und die Zukunft nicht rosig aussieht. Bei mir war das Thema auch schon da, aber eher am Rand. Ihre Generation weiß nicht, ob es überhaupt noch einmal gut wird. Ein Pessimist könnte das hoffnungslos nennen. Aber ich erlebe diese junge Generation erstaunlicherweise als sehr hoffnungsvoll.
teleschau: Wie blicken Sie in die Zukunft?
Triebel: Die Hoffnung sollte immer siegen. Pessimismus bringt nichts, nur durch Handeln, das Wissen um die eigene Verantwortung, Hoffnung und Mut verändert sich etwas. So versuche ich jeden Tag zu leben, und das möchte ich auch meinen Kindern mitgeben.
"Ich möchte breit gefächert arbeiten"
teleschau: Zuletzt waren Sie auch in Komödien wie "Horst Schlämmer sucht das Glück" oder "Kacken an der Havel" zu sehen. Was liegt Ihnen eigentlich mehr: Komödie oder Drama?
Triebel: Ich mag beides. Ich möchte breit gefächert arbeiten und mich nicht auf ein Rollenfach festlegen lassen.
teleschau: Was würden Sie in Ihrer Karriere gerne noch machen, was Sie bislang noch nicht durften?
Triebel: Einen richtigen Actionfilm! Das sage ich seit 20 Jahren. Am liebsten als Geheimagentin, und alle Stunts mache ich selbst.
teleschau: Wäre eine internationale Arbeit für Sie auch denkbar?
Triebel: Lust hätte ich auf jeden Fall. Ich würde so gern einmal in England drehen. Dort entstehen tolle Serien, und Frauenfiguren werden ganz anders erzählt.
"Ich habe mir vorgenommen, weniger selbstkritisch zu sein"
teleschau: Neben der Schauspielerei malen Sie auch. Auf Instagram kündigten Sie Ihre erste Ausstellung für November an. Dürfen Sie schon mehr dazu verraten?
Triebel: Ich habe schon immer gemalt, aber lange nur nebenbei. Vor zwei Jahren habe ich angefangen, intensiver zu malen, und gemerkt, wie gut mir das tut. Als ich die Bilder gepostet habe, kam viel Zuspruch, und die Leute fragten, wann man sie live sehen kann. Da dachte ich: Jetzt mache ich einfach eine Ausstellung.
teleschau: Ein mutiger Schritt...
Triebel: Ich habe mir vorgenommen, weniger selbstkritisch zu sein. Statt mich ständig zu fragen "Darf man das, kann man das?", sage ich mir: "Ich mache jetzt einfach und schaue, was passiert." Es macht mir so viel Freude! Jede freie Minute verbringe ich im Atelier. Es fließt einfach aus mir heraus, und ich bin glücklich.
teleschau: Wann genau wird Ihre Ausstellung denn stattfinden?
Triebel: Vom 17. November bis 12. Dezember im Stilraum Berlin. Es wurde auch Zeit, mein Atelier ist voller Bilder. Ich hoffe, mir werden ein paar abgenommen (lacht).
teleschau: Hat das Malen Potenzial, zu Ihrem zweiten Standbein zu werden? Oder bleiben Sie bei der Schauspielerei?
Triebel: Ich liebe die Schauspielerei, merke aber, wie gut es mir tut, mich auf vielen Ebenen künstlerisch auszudrücken. Ich habe angefangen zu schreiben, mache ein bisschen Musik, spreche Hörbücher ein ... Aber die Schauspielerei war meine erste Liebe und wird immer meine große Liebe bleiben.