Jagd auf Pädo-Kriminelle im Internet: 31-jähriger TikToker gibt sich als Zwölfjährige aus
In seinem WG-Zimmer hat sich Marvin Ojaghi eine TikTok-Ecke eingerichtet. Mit seinem Influencer-Dasein ist er in Deutschland in guter Gesellschaft, mit seinem Themengebiet weniger. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, online mutmaßliche Pädokriminelle ausfindig zu machen. Dafür gibt sich Ojaghi als 12- oder 13-jähriges Mädchen aus, chattet mit Männern und trifft sich mit ihnen im echten Leben. Vor laufender Kamera konfrontiert er sie dann, ehe er sie der Polizei übergibt.
"Wichtig ist, dass ich niemals etwas tue oder schreibe, was ihn provoziert", erklärt Ojaghi in der ARD-Doku "Er jagt Pädokriminelle - Zwischen Kinderschutz und Selbstjustiz" (ab sofort in der ARD Mediathek) der "Y-Kollektiv"-Reihe. Stolz berichtet er, in fünf Jahren 300 Fälle bearbeitet zu haben - "um die 80, 90 Gerichtstermine" inklusive. Die Recherchen von Filmemacher Tobias Dammers ergeben: mindestens vier Gerichtsverhandlungen.
Bis zu 800 Menschen verfolgen "Erfolg" von Pedo-Hunter im Livestream
"Ich bin hier, um ein Kind zu schützen", beschreibt Marvin Ojaghi seine Motivation. Geld oder Social-Media-Bekanntheit lässt er nicht als Triebfeder zählen, auch wenn er mittlerweile von seinen Videos lebt. "Ist ein schönes Gefühl, dass ich nach langer Zeit wieder einen hochgenommen habe", freut er sich bei einer Live-Konfrontation gegenüber seinen immerhin 800 Zuschauerinnen und Zuschauern auf TikTok.
"Das ist absolut keine Selbstjustiz, weil wir die Polizei mit dazuholen. Ich hab ihn nicht ein einziges Mal angefasst", legitimiert Ojaghi sein Vorgehen. Ganz so einfach ist es nicht: Sicherheitsbehörden haben Ojaghi im Blick, unter anderem weil er in der Vergangenheit in seinen Videos teils zu sehr drastischem Vokabular griff.
Differenziert geht er dabei nicht unbedingt vor. Die Kameras begleiten ihn auch bei einer Flyeraktion in der Innenstadt, wo er auf einem Plakat härtere Strafen gegen Pädophile fordert. Die wichtige Unterscheidung zwischen der Verhaltensstörung der Pädophilie und straffälligen Pädophilen, also Pädokriminellen, zieht er aber nicht. "Wenn ich das auf das Plakat packe, ist das ein ziemliches langes Wort", redet sich Ojaghi heraus.
Polizistin rechnet mit Pedo-Huntern ab: "Es ist keine Arbeit, sondern Effekthascherei"
Genau diese Vereinfachung kritisiert Georg in der TV-Doku. Er ist einer der ganz wenigen Pädophilen in Deutschland, der sich zu seiner Verhaltensstörung öffentlich bekennt und versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Eigentlich schätzt er die Arbeit der Pädohunter und dass diese Straftäter der Polizei aushändigen. "Dadurch, dass die Pädo sagen und Missbraucher meinen, verstärken sie ganz immens das Stigma, dass jeder Pädophile auch Straftäter ist", kritisiert Georg.
Auch deshalb seien Pädophile wie er ständig Drohungen ausgesetzt. "Kastrieren ist noch das einfachste", zitiert er eine Botschaft. Alternativ werde ihm mit "Zerstückeln, Gaskammer, Strick, an die Wand stellen, Verbrennen" gedroht.
Kritisch blickt auch die Polizei auf das Tun der Pedo-Hunter. "Im Idealfall erschwert es unsere Arbeit, im absoluten Worst Case macht es unsere Arbeit zunichte", schildert Jessica Bauschka vom LKA Düsseldorf. Den Beamten ginge es nicht nur um Einzelfälle, sondern darum Netzwerke auffliegen zu lassen. "Es ist keine Arbeit, sondern Effekthascherei", verurteilt Bauschka das Tun der Pedo-Hunter. "Wir machen die Arbeit gut, nur leider nicht so kameratauglich."

