In Ludwighafen knallt's

In Ludwigshafen wurde ein Geldautomat gesprengt, wobei der Täter ums Leben kam. Da im "Tatort: Explosive Mischung" aber die Geldkassette fehlt, muss ein Komplize den schwer verletzten "Freund" liegengelassen haben. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) ermitteln.
von  Eric Leimann
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) ermitteln im "Tatort: Explosive Mischung" während einer Ludwigshafener Nacht. Schauplatz ist ein Problemviertel, in dem die Autorität der Polizei wenig Gewicht zu haben scheint.
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) ermitteln im "Tatort: Explosive Mischung" während einer Ludwigshafener Nacht. Schauplatz ist ein Problemviertel, in dem die Autorität der Polizei wenig Gewicht zu haben scheint. © © SWR/Benoît Linder

In Ludwigshafen knallt es. Ein Geldautomat wurde im "Tatort: Explosive Mischung" in die Luft gesprengt, doch der Bankräuber in spe - ein stadtbekannter Intensivtäter - liegt tot neben dem geborstenen Safe. Die Geldkassette fehlt, was darauf hinweist, dass der tote Dennis Lohberg Komplizen gehabt haben muss, die sich alles andere als kameradschaftlich verhalten haben. Man flüchtete mit der Kohle, anstatt dem schwer verletzten Kumpel zu helfen. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) ermitteln - es ist ihr 25. gemeinsamen Fall - in einem schwierigen Umfeld. Ein nicht näher benanntes Problemviertel im von SWR-Stammautor und Regisseur Martin Eigler ("Die Verteidigerin - Der Fall Belling") erdachten Film zeichnet sich dadurch aus, dass man kriminellen Strukturen und Autoritäten dort mehr über den Weg traut als der Polizei.

So lernt man den Bruder des Toten, Chris Lohberg (Filip Schnack), und dessen Freundin Fiona (Juliette Larat) kennen. Chris ist der eigentlich etwas zu alt gewordene Kopf einer ehemaligen Jugendgang, die immer noch um die Häuser zieht, um das Viertel aufzumischen. Was die Bande erreichen will, ist nicht ganz klar. Vielleicht geht es einfach nur um Spaß und Männlichkeitsrituale jenseits der verhassten gesellschaftlichen Ordnung.

Ermittler-Assi Nico Langenkamp (Johannes Scheidweiler) kennt die Gang von früher. Damals arbeitete er in einem Jugendzentrum und war so halb Teil der Truppe. Auf eigene Faust wird Nico passend zu seinem Sozialarbeiter-Look zum Undercover-Cop in der Kleinkriminellengruppe, während Assistentin Nummer zwei, Mara Herrmann (Davina Chanel Fox), offenbar ein ewiges Freispiel am Spielautomaten erhält. Sie verbringt die gesamte Nacht in der Spielothek, um Fiona zu beobachten, die dort arbeitet. Ein richtig schwerer Junge ist hingegen Ulf Meisner (Christian Schneeweiß). Er lehrt Kampfsport und hält sich für den Sheriff des Viertels. Wenn er nicht gerade zu Hause seine Frau (Hannah Ehrlichmann) verprügelt oder das gemeinsame Baby vernachlässigt, streift er durchs Viertel und gibt den Paten, der alles im Griff hat.

"Tatort: Explosive Mischung" spielt während einer Nacht. Kaum jemand ist oder tut in jener Nacht das, was man vorgibt. Sogar für die Arbeit auf dem Präsidium gilt dies: Chef Breising (Bernd Hölscher) - seit einigen Folgen die horizontale Erzähllinie der Ludwigshafener Ermittler - wird nach wie vor verdächtigt, ein korrupter Bulle zu sein. Die Stimmung auf der Amtsstufe ist daher ebenso misstrauisch wie im Ludwigshafener Problemviertel.

Das einzig geltende Recht des Stärkeren

Der erfahrene "Tatort"-Macher Martin Eigler ist jemand, der gerne Plots rund um Manipulation und fiese psychologische Spiele erzählt. So zum Beispiel in seiner grandiosen Selbstmontage eines Stuttgarter Schwindlers, "Tatort: Der Mann, der lügt" (2018). Auch sein Ludwigshafener "Tatort: Der böse König" (2021), die Studie über eine narzisstische Täter-Persönlichkeit, ist ein typischer Eigler-Plot. Sein neuer Krimi tut sich nun ein wenig schwer, sein Thema zu finden. Ist es der Verlust staatlicher Ordnung in Sukkulturen mit eigenen Regeln? Ist es häusliche Gewalt und das einzig geltende Recht des Stärkeren? Oder geht es doch wieder um Täuschung im Sinne der Feststellung, dass in diesem Film niemand seinem Gegenüber traut? Auch weil man von den etwas blassen Figuren nicht wirklich gefesselt ist, mäandern Ganovenspiel und (verdeckte) Ermittlertätigkeit hier über 70 bis 80 Minuten ein wenig vor sich hin.

Dann jedoch, zum Ende, mutiert der Krimi doch noch zum Spannungsstück. Sein Titel "Explosive Mischung" bezieht sich nämlich nicht nur auf die eigentlich zu klärenden Tat, sondern auch auf ein Finale furioso, bei dem Spreng- und Waffenmeister, Stuntleute, und Pyrotechniker einiges zu tun hatten. Ein Showdown, wie man ihn eher aus dem Tarantino-Film "Reservoir Dogs" und ähnlichen schmutzigen kleinen Thrillern kennt, findet überraschend den Weg nach Ludwigshafen. Da soll noch mal einer sagen, dass die deutsche Provinz nicht fetzt. Trotzdem bleibt festzuhalten: Der SWR und Martin Eigler haben schon bessere "Tatort"-Folgen für ihre Südwest-Ermittler gestrickt.

Tatort: Explosive Mischung - So. 04.10. - ARD: 20.15 Uhr

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