Ihr vertrauten schon die Kessler-Zwillinge: Gertraud Grubers Schönheitsfarm baut monatelang um
Europas allererste Schönheitsfarm am Tegernsee hat sich in den vergangenen Tagen von einem Wohlfühlort für Frauen in eine Großbaustelle verwandelt: schwere Maschinen statt sanfte Massagen, Kies statt Kosmetik. Die Schönheitsoase von Gertraud Gruber in Rottach-Egern besteht seit 1955 und bekommt nun selbst eine umfassende Schönheitskur – die Kosten dafür gehen in die Millionen.
Drei der fünf Häuser bleiben deswegen monatelang geschlossen, der Betrieb läuft in deutlich abgespeckter Form weiter. Die AZ hat sich auf der Baustelle umgesehen.
Bagger stehen vor dem Haupthaus, zig Container sind mit Schutt gefüllt, ein Kran ragt in den Himmel von Rottach-Egern. Der Rasen, Büsche und Bäume im Garten mussten teils weichen. Nun bedeckt großflächig Kies den Boden, damit die Maschinen dort stehen können.

Geschäftsführer Fabien Grzimek (40) kann aber beruhigen: Die Bäume und Büsche wurden nicht etwa abgeholzt. "Der Landschaftsgärtner hat sie ausgegraben und lagert sie in der Bauzeit zwischen." Danach sollen sie an ihren Platz zurückkehren.
100 Jahre Schönheit: So kam Gertraud Gruber zu ihrer Farm
Er mutmaßt, für Gertraud Gruber wäre der aktuelle Baustellen-Anblick des Gartens wohl ein kleiner Schock. Noch zu ihren Lebzeiten wurde der Umbau anvisiert. Sie war einverstanden, wollte ihn aber nicht mehr selbst miterleben.
Gruber starb am 12. März 2022 mit schönen 100 Jahren. Die Grande Dame der Kosmetik war unter anderem Trägerin des Bayerischen Verdienstordens und Ehrenbürgerin von Rottach-Egern.
Heute steht hinter ihrer Schönheitsfarm die Gertraud-und-Josef-Gruber-Stiftung, die sich für Kinder, ältere Menschen, Tierschutz und Hospizarbeit einsetzt.

Eigentlich wollte sie einst Ausdruckstänzerin werden. Ihre Leidenschaft rund um Hautpflege ist laut Schönheitsfarm bei der Behandlung von Soldaten im Lazarett entstanden. 1955 begann sie mit ihrer Schönheitsfarm für Frauen im Tegernseer Tal in Form einer kleinen Pension. Das Areal wurde über die Jahre erweitert, wuchs und gedieh.
Frauen verglich sie mit Knospen, erzählt der neue Chef: voller Schönheit, Energie und bereit aufzublühen. Gruber selbst blühte bis zum Schluss. Auf Fotos lächelt Gästen eine sehr gepflegte, stilvolle, lebensbejahende Frau entgegen.
Ihrem Schönheits-Zauber vertrauten unter anderem die Kessler-Zwillinge, Romy Schneider, Bibi Johns oder auch Loki Schmidt.

Seit Mitte August läuft die Baustelle
Seit 17. August 2026 wird nun das Haupthaus kernsaniert. Das Areal besteht grundsätzlich aus fünf Häusern: Das Haus Josefi und die Villa bleiben wegen der Nähe zur Baustelle geschlossen.
Im Haus Gertraud und im Haus Lindl (dort ist aktuell die Rezeption) läuft der Teilbetrieb weiter. Nur 27 Besucherinnen können sie aktuell aufnehmen.
Warum braucht das Haupthaus eine Verschönerung? Grzimek ist erst seit Januar Geschäftsführer, aber schon voll drin im Gruber-Kosmos. Die Schönheitsfarm sei historisch immer weiter gewachsen. Verwinkelt, mit Zwischenbauten, erzählt er.

Was zum Beispiel ein Manko war: Die Wände wurden im Winter sehr warm, weil die Heizungsrohre direkt unterm Putz verliefen und die Wände nicht gedämmt waren. Energetisch nicht mehr zeitgemäß. Auch gebe es für die alte Heizung keine Ersatzteile mehr.
Zu Tisch bei Gertraud Gruber
Zum weiteren Gespräch über die Baumaßnahme bittet Grzimek zu Tisch. Nicht an irgendeinen, sondern an den früheren Stubentisch von Gertraud Gruber persönlich. Denn auch ihre Wohnung im Haus Gertraud wurde in den ersten zwei August-Wochen umgestaltet und integriert. Schön heimelig wie bei Oma fühlt sich das an.

In ihrem früheren Schlaf- und Arbeitszimmer werden jetzt Yoga, Meditation oder auch Qigong angeboten. Der "Gruberin", so ihr liebevoller Spitzname, kommt man so ganz nah. "Für viele Gäste ist das sehr emotional." Grzimek sagt: "Es ist hier sehr familiär. Man ging nicht zur Schönheitsfarm, sondern man ging zu Frau Gruber." Seit nun schon 70 Jahren.
So wird sich die Schönheitsfarm verändern
Bis zum 15. August herrschte noch Vollbetrieb, um 10 Uhr checkte die letzte Kundin aus. Grzimek hat das genau im Kopf. Dann räumten sie in Rekordtempo aus, verabschiedeten das Haus noch mit einer kleinen Feier. Am 17. August stand der Abriss- und Entrümpelungstrupp vor der Haustür.

Der 40-Jährige erklärt die Pläne: "Die vier Wände bleiben stehen, innen wird alles kernsaniert." Erkennen Stammgäste das Haupthaus später überhaupt noch? Ja, davon ist er überzeugt.
Was sich ändern wird: Der jetzige Speisesaal wird künftig der Empfangsbereich sein, dazu ein kleiner Shop für die Hausgäste, ein paar Büros und eine kleine Lounge-Ecke. Der Speisesaal wird über den Pool-Bereich wandern und soll eine bessere Akustik bekommen (vorher war es dort "sehr laut"). Auch der Poolbereich wird erneuert. Auf der Baustelle kann man ins verwaiste Becken schauen.

Überraschend: Die Zahl der Zimmer wird schrumpfen. "Wir gehen im Haupthaus von 30 auf 22 Zimmer runter." Der Grund: "Wir hatten viele kleine Einzelzimmer." Zwölf Quadratmeter. Mit WC, Waschbecken, aber ohne Dusche. Das wird sich nach dem Umbau ändern. "Wir wollen die Qualität sichern und auf ein anderes Level bringen, das ist uns ganz wichtig."
Man soll schon morgens aufstehen und sehen, dass man am Tegernsee ist und nicht auf Sylt
Das Haupthaus soll im Stil und Gesamtbild harmonischer werden. Natürliche, erdige Töne. Viel Eichenholz, Naturfliesen. Heimelig und zeitlos wünscht es sich der Chef. "Wir werden zeitloser beim Stil, bleiben aber bayerisch. Man soll schon morgens aufstehen und wissen, dass man am Tegernsee ist und nicht auf Sylt."

"Gruber-like" soll die Schönheitsfarm auch von der Einstellung her bleiben. Bodenständig, nicht Glanz und Glamour. "Wir werden keine Marmorplatten in die Bäder einbauen." Auch künftig wird es keine Pagen geben, die beim Koffertragen helfen. Das macht hier unkonventionell der Hausmeister. Und der Geschäftsführer parkt schon mal den Wagen um.
Das Konzept bleibt, die Mitarbeiter auch
Was definitiv bleibt: alle 110 Mitarbeitenden (davon 102 Frauen). Sie werden während des Teilbetriebs Überstunden abbauen, Urlaub machen oder auch Weiter- und Fortbildungen absolvieren.
Auch das traditionelle Frühstück am Bett wird es weiterhin geben. "Wir ändern nichts am Konzept: Es ist nur für Frauen. Buchbar ist nur eine Woche, also nicht kürzer." Anreise ist klassisch am Sonntag, Abreise am Samstag.

Warum nicht den Umbau nutzen und auch Männer in die Schönheits-Familie holen? "Das ist nicht die Idee von Frau Gruber gewesen." Sie wollte: von Frauen für Frauen. Würde man plötzlich auch Männer aufnehmen, "wären wir vergleichbar. Wir würden unser eigenes Konzept zerstören". Der Fokus auf Frauen sei ihr "Alleinstellungsmerkmal".
Darum ist der Gertraud-Gruber-Gedanke noch zeitgemäß
Der Gruber-Gedanke ist früher wie heute: Die Frauen hätten im Alltag vieles stemmen müssen und dabei auch noch fesch und adrett ausschauen sollen. In der Farm sollen sie sie selbst sein. Ohne Schminke, ohne Bewertung. Der neue Geschäftsführer hält daran fest: "Für mich ist es heute moderner denn je, weil Frauen heute noch mehr im Berufsleben stehen als früher und sich gleichzeitig immer noch gefühlt mehr um die Kinder kümmern als die Väter."
Die Schönheitsfarm denkt dabei ganzheitlich: Kosmetik, Gesundheit, Kulinarik, Bewegung, Massagen. "Wir schauen uns den Menschen insgesamt an. Schönheit ist für uns nicht die Fassade, sie kommt von innen."
Warum es auf der Schönheitsfarm kein Botox gibt
Bei ihnen gibt es weder Needling noch Botox. "In der Kosmetik haben wir keine Geräte. Alles ist pure Handarbeit." Trends liefen sie nicht hinterher, Stichwort Anti-Aging: "Wir machen seit Jahrzehnten nichts anderes." Nur eben nicht unter dem englischen Begriff. Und ganzheitlicher.

Zehn Monate soll die Baustelle dauern, im Idealfall. Ende Juni 2027 wollen sie fertig sein. "Ich rechne damit, dass wir im Laufe des Sommers 2027 wiedereröffnen." Die Frauen warten drauf: "Die Buchungen sind schon da." Kostenpunkt der Sanierung: zwischen zehn und elf Millionen Euro.
"Einmalige Preiserhöhung" geplant
Wird sich das in den Preisen niederschlagen? Ja. Lange hätten sie die Preise überhaupt nicht oder nur moderat erhöht. Nun kommen hohe Investitionen dazu, ebenso gestiegene Kosten etwa für Energie und mehr. "Ich rechne mit einer einmaligen Preiserhöhung von 20 bis 30 Prozent auf die Kurwoche." Bisher habe der Preis bei rund 2100 Euro gelegen, künftig könnten es rund 2600 Euro sein.

Obwohl sie keine aktive Werbung machen, nicht auf Portalen wie Booking.com vertreten sind und nach wie vor nur Buchungen per Telefon oder E-Mail anbieten, ist bei ihnen das ganze Jahr über Hauptsaison. "Ich wollte es selbst nicht glauben, als ich hier anfing: Die Damen buchen beim Auschecken für dieselbe Kalenderwoche im Folgejahr."
"Wir leben nur von Weiterempfehlungen"
Wie kann das funktionieren? "Wir leben nur von Weiterempfehlungen." Von der Nachbarin, der Kollegin, der Schwiegermutter, Tante, Mutter, Oma.
Er habe zuletzt eine Frau getroffen, die seit 1962 zur Schönheitsfarm kommt. Mindestens einmal im Jahr. 80 Gruber-Wochen hat sie sich schon gegönnt. Sieht man das? Ja! Sie schaue "super" aus. Mit 96 mache sie auch noch alles mit von Yoga bis Aqua-Gymnastik.
Wohl der finale Beweis: Schönheit und Gesundheit, sie gehören zusammen.
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