"Ich bin DJ, ich bin DJ!"

Die vierteilige Miniserie "München Beats" ist ein Mainstream-kompatibles Melodram um zwei Familien. Aber eben auch der Versuch, etwas über Münchener Zeit- und Kulturgeschichte Mitte der 90-er zu erzählen. Im Mittelpunkt steht die 20-jährige Bauerntochter Linda (Jule Hermann), die Techno und Clubkultur entdeckt - und DJ werden will. Im Stream ist "München Beats" bereits ab Freitag, 7. August, zu sehen. In der ZDF-Primetime füllt sie zweimal die beste Sendezeit um 20.15 Uhr. Die Episoden drei und vier laufen am Donnerstag, 27. August.
Die Welt der Bauernfamilie Bierwirth scheint klar geordnet. Vater Georg (Frederic Linkemann) baut wie viele Landwirte aus dem Münchener Umland Kartoffeln für Pfanni-Unternehmer Theo Meinhardt (Tobias Moretti) an. Die beiden Familien sind seit langem befreundet. Theo ist der Patenonkel von Linda. Sie und Theos Sohn Marius (Klaus Steinbacher), der sich zwischendurch in New York am neuartigen Internet-Geschäft versuchte, kennen sich aus ihrer Kindheit. Lindas Mutter Veronika (Marlene Morreis), die noch Sohn Andi (Ben Münchow) hat, und Alicia Meinhardt (Sophie von Kessel), sind Partnerinnen vom "alten Schlag", die den Männern den Rücken frei halten. Doch die Zeiten ändern sich. Mitte der 90-er hat die 20-jährige Linda keine Lust mehr auf ein Leben auf dem elterlichen Bauernhof und ihre Lehre als Zahnarzthelferin. Und auch ihr Bruder Andi entdeckt neue Seiten an sich.
Akkordeon vs. Turntable
Noch deutlicher treten die Konflikte in der Unternehmerfamilie Meinhardt zutage: Das Geschäftsmodell von Patriarch Theo funktioniert nicht mehr. Ein Industriestandort mitten in München ist nicht mehr rentabel. Die traditionelle Ertragsgemeinschaft zwischen "seinen Bauern" und ihm schreibt keine schwarzen Zahlen mehr. Ebenso wie Bauer Georg hat auch Theo seine Konflikte mit der nachfolgenden Generation: Sohn Marius verschleudert laut Theos Meinung Geld mit Geschäften im Internet. Wie, fragt sich Theo, will man Geld verdienen mit etwas, das doch nur virtuell da ist? Als Marius abgebrannt aus New York zurückkehrt, fühlt sich Traditionalist Theo bestätigt.
Besser in die neue Zeit schafft es die musikbegeisterte Linda. Sie zieht bei den Eltern aus und im traditionellen Münchener Schwulentreff Hotel Deutsche Eiche ein. Hier erhält sie einen Gastro-Job vom fürsorglichen Rudi Dreiseitl (Michael A. Grimm). Der soll jedoch nur eine Zwischenstation darstellen, denn Linda möchte nach dem Erleben einer Techno-Nacht unbedingt DJ werden und taucht dafür in die Welt von Vinyl, Mischpult und Turntabels ein. Als sie ihren Kindheitsfreund Marius nach vielen Jahren wieder trifft, entsteht zwischen den beiden jungen Leuten eine besondere Chemie.
"Ich bin DJ, ich bin DJ", schreit Linda irgendwann euphorisch an ihrem Pult über der tanzenden Menge, nachdem sie sich in einer der ersten Szenen des Vierteilers (Buch: Christian Schnalke, Stefani Straka, Julie Fellmann, Regie: Mimi Kezele) noch mit ihrem Onkel Theo ein Volksmusik-Akkordeonduell bei einer Bauernversammlung lieferte.
So schnell ändern sich die Zeiten: Eben sind sie noch analog und in Sachen Familienstruktur sowie Erwerbstätigkeit "althergebracht" - und dann? Tradierte Erwerbsquellen fallen weg, Traditionen fallen, Kinder gehen ihre eigenen Wege. Auch wenn die vielleicht ein wenig zu melodramatisch erzählte Familiengeschichte fiktiv ist, die Rahmenhandlung, in der sie sich bewegt, ist erstaunlich nah an der Realität: Der Kunstpark Ost, Aushängeschild der Münchener Techno-Szene auf dem ehemaligen Pfanni-Werksgelände, existierte von 1996 bis 2003. Zeitweise war es die größte Partylocation Europas. Ihrem Entstehen zollt die Serie ebenso Tribut wie dem Kampf der Schwulenbewegung um Anerkennung oder auch anderen Bestrebungen der 90-er raus aus den autoritären Resten der alten Zeit.
Zeitgeschichte und Familiendrama - exemplarisch verdichtet
"München Beats" versucht, all dies Mainstream-gerecht zu erzählen: alte Wirtschaft gegen neue Geschäftsmodelle rund um Internet und Clubkultur, traditionelle Familienstrukturen versus diverse sexuelle Orientierung. Dazu die Münchener Stadtentwicklung rund um das heutige Werksviertel oder auch die Zwischennutzung des Flughafens München Riem und was sie für den kulturellen Wandel Münchens bedeutete. Man kennt diese Erzählweise von "Ku'damm" und anderen Historienserien des deutschen Fernsehens, die sich an ein großes Publikum wenden: Zeitgeschichte und Familiendrama werden gerne mal so intensiv und exemplarisch verdichtet, dass hier und da das Konzepthafte durchschimmert und beiläufig-authentisches Erzählen nicht unbedingt die Stärke solcher Formats darstellt.
Anders als beispielsweise die authentischere, aber eben auch sperrige Berlin-Serie "The Next Level" (ARD) mit Lisa Vicari, die 2025 ebenfalls von Veränderungen und Kultur einer Großstadt, Politik und Clubkultur berichtete. Manchmal wirkt "München Beats" ein bisschen so, als wolle ein heute mittelalter Mensch seinen Senioren-Eltern die Faszination von Clubkultur der 90-er erklären. Auch wenn dies an der ein oder anderen Stelle authentischer hätte ausfallen können: Man kapiert, worum es der Serie geht. Am Ende sind es die großen, immerwährenden Motive eines Menschenlebens, die sich in jeder Generation wiederholen: das Erwachsenwerden und Ausprobieren neuer Wege, die sich am Ende oft gar nicht so weit von jenen der Älteren entfernt liegen. Und es geht natürlich um Liebe und jene Ekstase, die in Erinnerung bleibt.
München Beats - Mi. 26.08. - ZDF: 20.15 Uhr