"Heul nicht rum, Klingbeil!": SPD-Chef berichtet in Podcast von "brutalem" Arbeitsalltag

Als Lars Klingbeil im Podcast "Wie geht's? Mit Robin Gosens" seinen Arbeitsalltag beschrieb, gab der Gastgeber zu: "Da kriege ich Schnappatmung." Auch sonst braucht es im Politikbetrieb "ein total dickes Fell", wie die Ausführungen des Vizekanzlers verdeutlichten.
von  Julian Weinberger
Im Podcast "Wie geht's? Mit Robin Gosens" hat Lars Klingbeil bemerkenswert offene Einblicke in seine Gefühlswelt gegeben.
Im Podcast "Wie geht's? Mit Robin Gosens" hat Lars Klingbeil bemerkenswert offene Einblicke in seine Gefühlswelt gegeben. © Getty Images / Sean Gallup

Einen Nine-to-Five-Job und abends entspannt mit der Familie essen - davon könnte Lars Klingbeil kaum weiter entfernt sein. Im Podcast "Wie geht's? Mit Robin Gosens" erklärte der Vizekanzler: "Ich bin von sieben Uhr morgens bis 23, 24 Uhr durchgetaktet. Das ist das Brutale." Als er dem Gastgeber den Ablauf des Tages schilderte, an dem der Podcast aufgenommen wurde, seufzte Robin Gosens: "Da kriege ich Schnappatmung." Klingbeil fügte hinzu: "Du hast manchmal gar nicht die Möglichkeit, dir Zeit zum Denken zu nehmen."

Zugleich müsse er sich immer wieder klarmachen, welches Privileg er habe, seinen Job ausführen zu dürfen: "Jammer nicht, dass es so viel ist, heul nicht rum, Klingbeil!" Sich während seines streng getakteten Arbeitslebens Zeit zu nehmen, um stolz auf etwas zu sein, das er erreicht habe, komme nur selten vor. Umso mehr trete er für die wenigen Verschnaufpausen ein, die er sich gönne. "Ich muss mir Freiräume in meinem Kalender hart erkämpfen", erklärte Klingbeil zu den "zwei, drei Sportterminen" monatlich und, wenn möglich, einem freien Wochenende.

Lars Klingbeil blickt auf erstes Bundestagsmandat zurück: "Muss aufpassen, was ich sage"

Es sei ein "total wunder Punkt", auch mal mit Erfolgen zufrieden zu sein, reflektierte Lars Klingbeil selbstkritisch. Als Beispiel führte er den Sieg von Olaf Scholz am Ende des Bundestagswahlkampfes 2021 an. Eigentlich sei das ein "riesiger Erfolg" gewesen, auch für ihn als Wahlkampfmanager, und ein Anlass zu sagen: "Ey, jetzt betrinke ich mich mal gnadenlos!" Doch die Realität habe anders ausgesehen: "Es war sofort klar: Morgen um 6.30 Uhr Interview, dann müssen wir die Koalitionsverhandlungen vorbereiten."

Klingbeil nutzte auch die Gelegenheit, auf sein erstes Bundestagsmandat 2005 zurückzublicken. Er sei damals "ins kalte Wasser geschmissen worden", setzte er an. Er habe rasch erkannt, dass es "total gefährlich" gewesen sei, weil aufgrund des neuen Amtes "dich alle hofieren". "Alle blicken auf einmal zu dir auf und betüdeln dich", fuhr Klingbeil fort und bremste sich selbst: "Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage." Ihm sei dann aber vor Augen geführt worden: "Die meinen nicht dich, sondern das Amt." Klingbeil habe lernen müssen: "Das sind nicht alles deine Freunde."

Mehr als 20 Jahre später habe der SPD-Vorsitzende für sich längst akzeptiert, "Zielscheibe für ganz vieles" zu sein. "Wenn ich das nicht aushalten kann, bin ich falsch im Job", betonte er im Gespräch mit Robin Gosens. Ohne ein "total dickes Fell" sei man fehl am Platz, legte sich der 48-Jährige fest. Gleichermaßen bedauerte Klingbeil, dass "Hass, Beleidigungen und Morddrohungen" stetig zunähmen. Der Politikbetrieb sei "gnadenlos" und lasse keine Fehler zu. "Da warten Leute nur darauf, dass du Fehler machst, und schlachten das aus", gab der Finanzminister zu bedenken. "Ich würde mir wünschen, wir hätten eine andere Fehlerkultur."

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