Herausforderung Leben
Schwere Kost scheut Matthias Glasner nicht. Mit "Der freie Wille" legte er 2006 einen Film über einen verurteilten Vergewaltiger vor, der sich nach der Haft in eine junge Frau mit Missbrauchserfahrungen verliebt. Auch das Psychodrama "Gnade" (2012), das die Themen Schuld und Vergebung umkreist, machte es dem Publikum nicht gerade leicht. Ähnlich verhält es sich mit Glasners jüngster Regiearbeit "Sterben", die 2024 im Wettbewerb der Berlinale ihre Weltpremiere feierte, in der Folge mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet wurde und jetzt als TV-Erstausstrahlung bei ARTE zu sehen ist. Krankheit, Tod, emotionale Verwahrlosung und familiäre Verwerfungen - all das wird hier verhandelt, teilweise aber auf überraschend schwarzhumorige Weise.
Zwölf Jahre vergingen nach dem Film "Gnade", ehe Matthias Glasner mit "Sterben" so eindrucksvoll auf die große Leinwand zurückkehrte. Dazwischen drehte der 1965 geborene Filmemacher für das Fernsehen, war etwa an einigen Folgen der Sky-Serie "Das Boot" beteiligt. Herausfordernd ist sein aktuelles Werk schon aufgrund seiner Laufzeit. Rund drei Stunden dauert das mit vielen deutschen Stars besetzte Drama "Sterben" (im Anschluss, ab 0.50 Uhr, zeigt ARTE die Lars-Eidinger-Dokumentation "Sein oder nicht Sein").
Humor, Ernsthaftigkeit und viel Persönliches
Eingeteilt ist "Sterben" in mehrere Kapitel, die mitunter einzelnen Figuren zugeordnet sind. Am Anfang steht die Perspektive der Mittsiebzigerin Lissy Lunies (Corinna Harfouch), die unter diversen Krankheiten leidet. Da sie selbst mit der Bewältigung ihres Alltags zu kämpfen hat, ist sie erleichtert, als ihr dementer Ehemann Gerd (Hans-Uwe Bauer) in ein Pflegeheim kommt. Die Erschöpfung wird allerdings auch bei Lissy immer stärker. Auf eine mögliche Therapie hat sie keine große Lust mehr.
Das zweite Kapitel rückt Lissys Sohn Tom (Lars Eidinger) in den Fokus, einen erfolgreichen Dirigenten, der mit seiner Ex-Partnerin Liv (Anna Bederke) ihr Kind aus einer anderen Beziehung großzieht. Parallel greift er seinem depressiven Freund Bernard (Robert Gwisdek) unter die Arme und arbeitet mit diesem an einer neuen Symphonie namens "Sterben". Im dritten Teilstück geht es um Toms Schwester Ellen (Lilith Stangenberg), die Verunsicherung und Enttäuschungen mit Alkohol und Affären verdrängt.
Autor und Regisseur Glasner entwirft in seinem sehr persönlich gefärbten Film, mir dem er auch die komplexe Beziehung zu seiner eigenen Familie verarbeitet, ein Panorama der Emotionen und stellt seine Protagonisten besonders vor eine Frage: Wie kann ein gelingendes Leben aussehen? Ein kräftiger Schuss schwarzen Humors soll verhindern, dass die ernste Themen aufgreifende Erzählung ins Pathetische abdriftet, und die Gratwanderung gelingt hervorragend. "Sterben" gewann den Deutschen Filmpreis in Gold (insgesamt vier Auszeichnungen bei neun Nominierungen). Bei der Berlinale durfte Matthias Glasner den Silbernen Bären für das beste Drehbuch entgegennehmen.
Sterben - Mi. 23.09. - ARTE: 22.00 Uhr
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