Heikko Deutschmann: "Rock Hudson war ein Held"

Am heutigen Montagabend spielt Heikko Deutschmann im Drama "Blutgeld" einen Lobbyisten. Was der Schauspieler von dieser Berufsgruppe hält, hat er spot on news verraten.
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Am heutigen Montagabend spielt Heikko Deutschmann im Drama "Blutgeld" einen Lobbyisten. Was der Schauspieler von dieser Berufsgruppe hält, hat er spot on news verraten. Ebenfalls spricht er im Interview darüber, warum er Rock Hudson als Held ansieht und was es mit dem doppelten K in seinem Vornamen auf sich hat.

Mainz - Im TV-Film "Blutgeld" (ZDF, 20.15 Uhr) geht es um einen der größten Pharma-Skandale der Geschichte. Gezeigt wird die wahre Geschichte von drei Brüdern, die an der sogenannten "Bluterkrankheit" leiden. Als ein neues Medikament auf den Markt kommt, gibt es für Hämophilie-Kranke endlich Hoffnung auf ein normales Leben. Doch das Medikament hatte schreckliche Nebenwirkungen: Tausende Patienten infizierten sich durch die Blutpräparate mit HIV, viele starben in der Folge an Aids.

Heikko Deutschmann steht nicht nur gern vor der Kamera, er schreibt auch Drehbücher und verleiht seine Stimme für Hörbücher - hier eine Krimi-Sammlung auf DVD

In dieser Geschichte vom Versagen von Politik, Pharmaindustrie und Ärzteschaft spielt der gebürtige Tiroler und Wahl-Berliner Heikko Deutschmann (51) einen Lobbyisten. Die Nachrichtenagentur spot on news sprach mit dem Schauspieler über die Zeit in der Aids/HIV bekannt wurde, über Rock Hudson, Lobbyisten und das doppelte K in seinem Namen.

Herr Deutschmann, haben Sie den Skandal damals in den 1980ern mitbekommen?

Heikko Deutschmann: Ja, natürlich. Ich bin ja genau die Generation, für die das Thema Aids/HIV extrem wichtig war. Denn als die Krankheit damals aufkam, ist sie gesellschaftspolitisch extrem instrumentalisiert worden, indem jeder kriminalisiert wurde, der nicht zum damaligen Gesellschaftsbild passte. Und als der Skandal um die Bluter herauskam, war er das erste Zeichen dafür, dass die Krankheit nicht nur Randgruppen betrifft und "böse Menschen, die das falsche Leben leben", sondern dass sie relativ schnell in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann.

Ein großes Problem in dieser Zeit war die Diskriminierung HIV-infizierter und Aidskranker, die auch den Blutern drohte. Welche Vorurteile waren besonders schlimm?

Deutschmann: Sie haben jeden in die schwule Ecke geschoben, der überhaupt nach HIV/Aids gerochen hat - oder einfach nur blass war. Es war eine extrem verängstigte Atmosphäre in der gesamten Gesellschaft. Man durfte darüber nicht sprechen.

Kannten Sie in dieser Zeit Betroffene?

Deutschmann: Ich habe damals angefangen, Theater zu machen, und hatte natürlich auch homosexuelle Kollegen. Man durfte aber nicht über das Thema reden, es hatte fast pogromartige Züge. Selbst Betroffene haben eben nicht geredet, sich nicht geoutet, nicht gesagt "Ich bin schwer krank". Sie haben maximal von Schnupfen oder Lungenentzündung geredet. Hätten die Bluter in dieser Phase gesagt, sie haben HIV/Aids, wären sie alle als schwul abgestempelt worden.

Was hilft gegen solche Ängste?

Deutschmann: Wir müssen wach bleiben, eine Art demokratischer Kontrolle in unserer Demokratie ausüben, immer wieder nachfragen, den Entscheidern und Lobbyisten aufs Maul schauen und hinterfragen, was sie mit dem meinen, was sie manchmal so harmlos formulieren. Wenn viele von uns das machen, haben wir die Chance, denen zu helfen, die es schwer haben. Wenn man Betroffenen-Gruppen gründen, sich organisieren oder zugeben kann, dass es einem schlecht geht, ist schon viel gewonnen. Die Bluter damals waren ohnehin todgeweiht, wurden aber ein zweites Mal umgebracht, indem sie nicht über ihr Problem reden durften.

Ausgerechnet der Lebemann unter den drei Brüdern hat im Film den Mut, das Thema öffentlich zu machen.

Deutschmann: Stimmt, leider gab es den Mann damals aber nicht wirklich. Der Einzige, der das HIV/Aids-Drama wirklich öffentlich gemacht hat, war Rock Hudson. Er war ein Held. Ohne ihn hätte es noch länger gedauert, ein Bewusstsein für die Krankheit und den gesellschaftlichen Umgang damit zu schaffen.

Sie spielen einen Lobbyisten. Was halten Sie denn von dieser Berufsgruppe?

Deutschmann: Es ist ein Auswuchs der parlamentarischen Demokratie, dass man denkt, man bräuchte Menschen, die bestimmten Interessengruppen eine Stimme geben.

Ein Lobbyist für Wale, Delfine oder Haie ist ja auch nicht schlecht.

Deutschmann: Genau, weil der auch weniger kaputt macht. Wenn man die Demokratie auf etwas breitere Füße stellen und die Wähler etwas mehr an Entscheidungsfindungen beteiligen würde, könnte man die Gefahr von Lobbyismus unter Umständen ein bisschen eindämmen.

Ein ähnlicher Film und Fall war die Grünenthal-Contergan-Geschichte. Kann so eine lange Vertuschung und der unfaire Umgang mit den Opfern heute auch noch passieren?

Deutschmann: Natürlich kann das heute auch noch passieren. Vielleicht passiert es gerade irgendwo und wir hören nichts davon... Ich hoffe aber, dass es schwieriger geworden ist als damals. Wenn die Gefahr gebannt wäre, bräuchte man solche Filme nicht unbedingt machen.

Der Film erzählt auch etwas über die 1980er Jahre. Das Wort "geil" kam damals auf. Wie haben Sie das erlebt?

Deutschmann: So wie die drei Brüder im Film, irgendwer hat es einfach irgendwann gesagt und ich dann auch. Wenn man Kinder hat, bekommt man mit, dass alle paar Jahre so ein Wort aufkommt, das dann einfach gesagt werden muss. Ich erinnere mich sehr gut, dass meine Eltern "geil" komplett abgelehnt haben und dass es zuhause definitiv verboten war. Wir machen das heute anders, weil man die Modeworte eben nutzen muss, wenn man in dieser Welt lebt.

Sie interessieren sich auch für das Drehbuchschreiben. Ist das nicht eine furchtbar mühselige Angelegenheit?

Deutschmann: Das ist ungefähr das Schlimmste, was es gibt. Es kommt kurz vor durch den Atlantik schwimmen.

Für einen Schauspieler ist die Außenwirkung und damit eine gewisse Eitelkeit wichtig, ein Drehbuchautor sollte so uneitel wie möglich sein, damit es ihn nicht stört, wenn viele andere an dem Werk herumbasteln. Schwieriger Spagat?

Deutschmann: Die beiden Tätigkeiten ergänzen sich eigentlich ganz gut. Der Autor lernt, Dinge besser zu verkaufen, der Schauspieler lernt, dass es nicht nur auf das Blütenblatt ankommt, sondern um Inhalte geht.

Wie wichtig ist das doppelte K in Ihrem Vornamen?

Deutschmann: Wenn ich vom Getränkelieferanten eine Rechnung bekomme, ist es mir egal. Im Vorspann bin ich schon dafür, dass es richtig geschrieben wird. Es ist einfach ein finnischer Name, den meine deutsche Mutter und mein österreichischer Vater schön fanden. Und nun schlage ich mich eben mein Leben lang damit herum. Auf meinem Grabstein wird er mit Doppel-K stehen (lacht).

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